vonbranden-buzz 02.07.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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„Wo es summt, da singt man meistens Lieder,
nur Verrückte reißen Häuser nieder“
(deutsches Volkslied, leicht variiert)

Zugegeben: es vergeht kaum eine Nacht, in der ich nicht von Stuttgart träume. Wobei es sich weniger um herzzerreißende Heimweh-Träume handelt, sondern um eine Art von Trauma-Bewältigung. Das Trauma trägt den Namen Stuttgart 21, aber ich nenne es Geltungssucht, Kurzsichtigkeit, Minderwertigkeitsgefühl, Phantasielosigkeit, Bequemlichkeit. Kurzum: die ganze schwäbische Bräsig- und Ehrenkäsigkeit, mit der ich noch nie klar gekommen bin und ohne die dieses Chaos vermutlich nie Realität geworden wäre. Und das Schlimme daran ist: Man weiß gar nicht, wer bei dieser verunglückten mentalen Kettenreaktion die Henne war und wer das Ei. Sind die Politiker daran schuld, weil sie sich diesen himmelschreienden Wahn ausgedacht haben (ganze Abhandlungen wurden darüber verfasst)? Oder tragen die Bürger die Verantwortung, weil sie diese Politiker über 60 Jahre gewählt hatten? Weil sie sich einverstanden zeigten mit der Politik des Immer-größer, Immer-höher, Immer-teurer?
Hinzu kommt, dass man – einmal im Schwung – gleich weitermacht mit der Zerstörung der Stadt. In Stuttgart werden momentan ganze Straßenzüge niedergerissen. Gebäude, nicht älter als fünfundzwanzig, dreißig Jahre, müssen Platz machen für neue Gebäude von neuen Investoren, die Rendite machen und so der Stadt ein neues, belangloses Allerweltsgesicht  verpassen. Stuttgart hat seinen Charme verloren, ist beliebig, laut und schmutzig. Trotzdem beschäftigt mich die Stadt noch immer, weil Städte mitunter faszinierend sein können.
Wie Brandenburg/Havel, unsere neue Wahlheimat. Die Stadt ist ein städtebaulicher Geheimtipp in atemberaubender Landschaft und mit einem Stadtkern, der so mittelalterlich anmutet, dass man sich verwundert die Augen reibt. Zunächst dachte ich, hier sei die Zeit stehen geblieben (Dornröschen-Effekt), aber das stimmt natürlich nicht. Auch in Brandenburg hat es mehrere Auf- und Umbrüche gegeben. Einer davon gleicht einem architektonischen Sündenfall und ist im Stadtteil Hohenstücken nachzuvollziehen, wo dem ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat vor lauter Begeisterung für Einheitlichkeit und Uniformität  offenbar gleich alles egal war.

Dann kam die Wende und mit ihr kamen die westdeutschen Investoren. Ein schlimmes Kapitel, das auch von Umbrüchen und echten Tragödien gekennzeichnet ist. Industriebrachen zeugen von Abwicklungsdramen. Leer stehende Gebäude und verfallende Fabriken verursachen Ratlosigkeit. Und doch gibt es wunderbare Flecken innerhalb der Stadt, die offenbar für die Menschen gemacht wurde. Kleins Insel zum Beispiel ist eine Schrebergartenkolonie mitten im Zentrum und von der Havel umgeben.

Die vielen Seen mit ihren kostenfreien Strandzugängen, die Inseln Acapulco, Kienwerder und die Kanincheninsel.
Brandenburg ist eine wunderschöne Stadt im Aufbruch. Dabei wirkt sie wie ihre Menschen:  verhalten, bescheiden und ein wenig maulfaul. Sie posaunt ihre Schönheit nicht hinaus, sondern verändert sich im Stillen. Sie brummt nicht wie die nahe gelegene Hauptstadt, sie summt leise vor sich hin.

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