vonbranden-buzz 13.10.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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An der nördlichen Stadtgrenze von Brandenburg/Havel – dort, wo der Regierungsbezirk Brandenburg an den Regierungsbezirk Potsdam-Mittelmark angrenzt (und die Nummernschilder nicht mehr mit „BRB“ sondern mit „PM“ beginnen) – befindet sich der Freiheitsweg. Er führt in einem weiten Bogen vorbei an einem Naturschutzgebiet, das „Wasserlöcher“ genannt wird, einer Gärtnerei mit ungezählten Nadelbäumen, Ackerflächen, Mischwald und Gartenlauben, bevor und während er in einem weiten Bogen zum Fritze-Bollmann-Weg wird, der schließlich an der Regattastrecke vorbei zum Silokanal führt, von wo aus man dann in Richtung Stadtmitte fahren kann. Über seinen Namen haben sich meine Westverwandten selbstverständlich mokiert, denn „Freiheit“ und DDR geht in deren Köpfen immer noch so wenig zusammen wie New Orleans und Black Pride. Es wird einfach ignoriert, dass sowohl die DDR als auch die Sklaverei in New Orleans der Vergangenheit angehören, aber das ist nun wirklich ein anderes Thema.

Meine eigene Überlegung zum Freiheitsweg war: Da es am Freiheitsweg ja so viele Schrebergartenkolonien gibt und diese den Menschen in Deutschland schon immer ein Stückchen Freiheit gewährten, wurde dieser Weg so benannt. Keine Ahnung, ob das richtig ist, aber für mich ergab diese Sichtweise einen gewissen Sinn.

Auf eine ganz andere Interpretation des Namens werde ich nun regelmäßig gestoßen, wenn meine Hündin Greta und ich den Morgen- und Abendparcours (am Mittag laufen wir in die entgegengesetzte Richtung) hinter uns gebracht haben: Der Freiheitsweg heißt deshalb Freiheitsweg, weil jeder Autofahrer die Freiheit hat, die ausgewiesene 30er-Zone und die dazu gehörigen Schilder zu ignorieren und über die Piste zu brettern, was das Zeug hält.

Der Freiheitsweg. Idyllisch und geschwindigkeitsbeschränkt

Natürlich, so könnte man einwenden, ermöglicht allein die Tatsache, dass hier Autofahrer wie die Blöden aufs Gas drücken können, doch noch ganz andere Freiheiten! Zum Beispiel, dass die Stadt Brandenburg, die sich rühmen kann, auf fast jeder Straße 30er-Zonen eingerichtet zu haben und dank voll funktionsfähiger Blitzer selbst bei ausgewiesenen Trantüten wie mir schon über sechzig Euro eintreiben konnte, ermächtigt wird, ihren klammen Stadtsäckel weiter zu füllen, aber NEIN!!! Nichts passiert. Kein Blitzer, keine Überwachung, nichts.

Der Grund liegt auf der Hand: Es ist die Lage. Die Gemarkung, die (siehe oben!) genau auf der Grenze zwischen BRB und PM liegt und daher in den Untätigkeitsbereich zweier Gemeinden fällt. Und so gibt es keine Blitzer, keine Bürgersteige, keine Ausweichmöglichkeiten.

So bleibt Eltern, die a) etwas auf sich halten und sich b) auf dem hübsch gelegenen Seehof nahe des Beetzsees ihren Traum vom Einfamilienhäuschen erfüllt haben, nichts anderes übrig, als helikopterelterngleich auf ihren Drahteseln mit den Kindern zur Bushaltestelle zu strampeln, um nicht ihre SUVs und BMWs vor den Schultoren präsentieren zu müssen.

Schmuckes Einfamilienhaus am Seehof

Denn Busse verkehren auch nicht auf dem hoch frequentierten Freiheitsweg. Warum das so ist, kann ich ebenso wenig erklären wie die Frage, wieso die beiden Gemeinden so sinn- und anschlussfrei aneinander vorbei operieren.

Aber auch das ist ein Thema, das laut Jean-Jacques Rousseau ganz wesentlich zum Thema Freiheit gehört: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will“.

Jean-Jacques Rousseau
(1712-1778)

 

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