vonbranden-buzz 11.08.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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Als westdeutsches Stadtgewächs betrachte ich die Wahlplakate im ländlich geprägten Brandenburg mit staunendem Interesse. Da wirbt die CDU damit, dass Brandenburg gefährlicher werden soll. Für Kriminelle!
Huch, da kann man aber froh sein, dass man den Spruch „Augen auf bei der Berufswahl“ damals ernst genommen hat. Nicht auszudenken, was man sonst als ausgebildeter Panzerknacker zu erwarten gehabt hätte!

Die AfD wiederum wirbt mit „Vollende die Wende“. Und ich frage mich: Wieso vollenden? Hab ich da was verpasst oder verwechselt? Oder ist gemeint, dass man in Brandenburg immer noch nicht so toll lebt wie im autoverseuchten Stuttgart, im überteuerten Frankfurt oder im stinklangweiligen Havixbeck?

Vermutlich steckt was anderes dahinter. Die stille und durch Fakten nicht zu widerlegende Übereinkunft, dass man nicht zufrieden sein kann und soll. Dass Ossis Menschen zweiter Klasse sind. Und natürlich abgehängt von allen Segnungen der modernen Menschheit. Dass die Wende noch gar nicht vollzogen wurde. Und dass früher alles besser war.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Deshalb ging ich auf Lektüresuche zur Frage: Wie lebte es sich denn nun wirklich in der DDR? Und da Geschichte zwar interessant ist, Geschichten aber interessanter sind, habe ich mich für das absolut lesenswerte Werk des in der DDR geborenen und sozialisierten Kabarettisten Nils Heinrich mit dem schönen Titel „Wir hatten nix, nur Umlaute. Meine Kreisstadtjugend im Systemwechsel“ entschieden.

Heinrich, das vorneweg, lässt kein gutes Haar an der DDR. Allerdings sind seine Argumente schlagend und brüllend komisch auf den Punkt gebracht. Er erzählt von seiner todlangweiligen Jugend in Sangerhausen im Ostharz, wo er zwischen ostdeutschen „Erotik zur Nacht“-Sendungen im trauten Familienkreis und westdeutscher Hitparade aufwuchs; berichtet von Erfahrungen als Rettungsschwimmer und als Trompeter im Posaunenchor, vom volkseigenen Konditoreibetrieb, in dem er seine Lehrzeit durchlitt und mit Hygieneverhältnissen der besonderen Art Kontakt hatte. Auch Protestdemos fanden in Sangerhausen statt. Trotzdem war der Mauerfall ein Schock, über den man eine Woche später mittels einer eigenen „Grenz-Erfahrung“ Gewissheit erlangte. Als sich die Familie nämlich via Auto in den Westharz bewegte, irgendwann in der BRD landete und ihr Begrüßungsgeld in der örtlichen Sparkasse abholte. Davon kaufte sich der junge Nils erstmal zwei Dosen Westbier, denn das Ostbier, das der Normalbürger damals zu kaufen bekam, war schlicht ungenießbar.

Wende vollendet. Unspektakulär. Der Rest ist Geschichte.

Oder das, was man daraus gemacht hat.

 

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kommentare

  • Vollende die Wende – hat schon mal jemand darüber nachgedacht, dass die Mauer auch antifaschistischer Schutzwall genannt wurde? Ich weiß, bei dieser Bezeichnung lacht jeder abfällig, es wird vielleicht noch ein Weilchen dauern, bis allen aufgeht, dass da doch was dran war. Extremismus entsteht, wenn die Unterschiede in der Gesellschaft zu groß werden. Politiker und zum großen Teil auch Journalisten nehmen das nicht war, außer wenn sie bahnhofskneipen in Templin oder bad Saarow, Flohmärkte in Cottbus oder Fürstenwalde besuchen, sich dort unters Volk mischen und den Gesprächen lauschen. Aber auch dann hat man nur einen Ausschnitt aus dem Lebensgefühl.
    Vollende die Wende bedeutet nichts anderes als zurück zum Faschismus, Hass und Angst sind die Mittel und wir alle schauen zu und verstehen nichts.
    Und selbst Artikel in der taz, faz,… bringen nichts, das diese Leute sie nicht beachten. Wir müssen dort hin, als mutige Menschen.
    Beste Grüße

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