vonbranden-buzz 03.11.2019

Branden-Buzz

Die Provinz summt und Helga Stöhr-Strauch hört zu. Eine Symphonie aus Brandenburg/Havel – ein Hund summt mit.

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„Greta ist ein bisschen ängstlich, denn sie wurde viel geschlagen. Früher, als sie noch ein Hund war.“
(Erläuterung für ein Geisterkind, das meinen Hund Greta streichelte)

…, ach ja, früher!…

Man sagt ja, im Alter verändere sich das Wahrnehmungsvermögen. Die Ohren würden schlechter, das Sehvermögen lasse nach und auch die taktilen, sensorischen und olfaktorischen Möglichkeiten würden dem alternden Menschen hinterher hinken. Was eine nette Metapher ist, denn normalerweise hinkt ja der alternde Mensch irgendwem hinterher.
Bei uns ist es umgekehrt. Oder die Umstände sind so eklatant andere, dass wir tatsächlich noch Neues wahrnehmen. Zum Beispiel die Luft. Am ersten Tag nach unserer Ankunft in Brandenburg kam ich morgens doch tatsächlich auf die Idee, hier Meeresluft schnuppern zu können. Mein Mann meinte dagegen: „Ich glaube, das ist frische Luft“.
Die Sommer sind heller auf dem Land. Die Lichtverhältnisse am Himmel können atemberaubend schön sein.

Der Himmel über Brandenburg

Die Winter sind bedrückender und deutlich dunkler, wobei ich es genieße, mit meiner Hündin Greta um halb sechs Uhr abends durch die Dunkelheit zu tapern. Oder die Nebelschwaden zu durchpflügen, um die Wildgänse auf der Kuhweide beim Pausieren zu beobachten.
Oder, schlimmes Beispiel: Silvester. Während man in Stuttgart bereits an seinem Verstand zweifelt angesichts der Unmenge von Böllern, die in die Luft gejagt werden, um das vermutlich sinnfreiste Fest des Jahres zu „feiern“, gleicht Brandenburg/Havel einem Kriegsgebiet.
Neulich war Halloween. Also Reformationstag, der hierzulande als Feiertag gehandelt wird, während der 1. November wieder als Arbeits- oder (so wie dieses Jahr) als Brückentag fungiert. So wie überall ist auch hier die Kürbisfeier angesagt, in gesteigerter Art und Weise. Gärten werden ganz besonders interessant geschmückt, und ganze Regale mit Halloween-Kram erleben in den einschlägigen Supermärkten einen regelrechten Ansturm. Denn die Kinder aus den Vierteln kommen pünktlich mit Einbruch der Dunkelheit ins Haus und fordern Süßigkeiten.

Die klassische Variante
Die schöne Variante
Die Hardcore-Variante

Bei uns kamen sie in vier Wellen. Die erste Welle bestand aus einem Pulk von geschätzt sechs Kindern jeder Altersklasse. Wunderbar hergerichtet als Hexen, Skelette und sonstige Gruselgestalten, und wenig beeindruckt von unserem gespielten Entsetzen, als wir sie vor der Haustür empfingen. Denn sie sagten hochkonzentriert ein richtiges Gruselgedicht auf. Es war ein längeres Werk, im Jambus gehalten, mit Paarreim und mit punktgenauer Betonung am Reimende. Vermutlich von einem der vor der Gartentür wartenden Elternpaare erschaffen. Wir waren hingerissen. Die Gestalten griffen in die Süßi-Kiste, bedankten sich artig und zogen wieder ab.

Die zweite Welle war etwas verhoppelter. Auch die Gestalten wirkten nervöser, es waren weniger, und ich hatte das Gefühl, ihr Auftritt war ihnen ein bisschen peinlich. Auch die Kostüme waren indifferenter, irgendwie mehr Skelette und weniger Hexen. Trotzdem lobte ich die Kostüme und mahnte, ganz mütterlicher Zombie: „Liebe Skelette, zieht Euch was über, sonst holt ihr euch noch den Tod!“. Und den Hexen gab ich mit auf den Weg, gut auf ihre Hexenhüte aufzupassen (es zog mal wieder gewaltig), woraufhin mich eine Hexengestalt rügte: „Ich bin Vampir!“ – Mist!

Welle Nummer drei bestand aus zwei älteren Jungs, die mir irgendwie von Welle eins bekannt schienen. Ein Batman und ein Anonymus. Sie bauten sich vor mir auf und forderten ohne große Umschweife: „Süßes oder Saures!“ „Okay, Jungs. Da habt ihr!“ entgegnete ich ihnen, aber sie wollten fast nichts aus unserem inzwischen schon deutlich ausgedünnten Süßigkeitenvorrat. Vermutlich, weil sie das Sortiment bereits aus Welle eins kannten.

Die Reste vom Feste

Als wir uns dann endlich dem Abendessen widmen wollten, kam Welle vier. Oder besser: das Wellchen. Bestehend aus zwei wunderhübschen Wesen mit Laterne. Und weil ich endlich mal auf die Idee kam, mein Handy in greifbare Nähe zu legen, um unsere Besucher für die Ewigkeit bei uns zu behalten, kam ich zum lang ersehnten Foto wunderbarer Geistergestalten (siehe Titelbild).

Seither finde ich Halloween richtig schön!

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