vonchaizeit 30.03.2020

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Ein Blog für Diasporablues, Intersektionalität und womxn of colour in Deutschland.

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Letzte Woche noch in London, hatte ich ganz gespannt und hoffnungsvoll Nachrichten und Aussagen von Freunden und Familie über Deutschlands politische Strategien zur Bewältigung von COVID-19 verfolgt- und geglaubt. Während wir in London noch in den Unis hockten, wurde bei meiner Schwester im Charité, schon ein ganzes Semester verschoben. Selbst Berghain, hatte erstmals die Türen zugelassen- erzählten mir Londons Hipster, als Anmerkung zu Deutschlands lobenswerten COVID-19 Präventionsmaßnahmen. Als ich dies mitbekam, lag die Nummer der Infizierten bei 4000 und 13 Verstorbenen. Obwohl sich diese Zahl nun weit mehr als nur verzehnfacht hat, habe selbst ich aufgehört, panisch mit Maske und Handschuhen im Zimmer eingesperrt, meine letzten Toilettenpapierrollen abzuzählen.

Kritiker befürchten, dass Deutschland mit mehr als 60.000 Infizierten, bei einem Viertel so vielen Einwohnern wie Amerika, mit genauso vielen Fatalitäten wie Italien zu rechnen hat. Vor meiner Rückkehr von London, war auch ich selbst davon überzeugt, dass Deutschlands Gesellschaft viel gelassener und weniger panisch mit Corona umgehe, da mehr Vertrauen auf das Gesundheitssystem gesetzt wird. Dank der 52 Euro für das Quer-Durchs-Land-Ticket, dreimal Umsteigen, um dann neun Stunden lang von der Deutschen Bahn von Berlin nach Flensburg chauffiert zu werden, hat sich meine Meinung deutlich verändert.

Ich glaube, in Zeiten, wo Berliner und Hamburger Bahnhöfe mit postkolonialen Werbepostern der Rittersportschockoladensensation namens ‚Marhaba‘, bedeckt sind, die uns einen ‚Orient-Express‘ in ihrer ‚bunten Vielfalt‘ versprächen; und auch der Duden inzwischen ‚Inschallah‘ und ‚Maschallah‚ als grundlegenden Bestandteil der deutschen Sprache anerkennt; und meine britischen Kollegen_Innen mir gerne erzählen, wie multikulti und „radical“ und „queer“ und so-much-more-space-for-creatives-from-all-over-the-world“ Deutschland sei- wird Rechtspopulismus als Neujahrserfindung unter den Teppich gekehrt.

Hauptbahnhof Berlin 20.März 2020. Foto: privat.

Auf meiner Zugfahrt begegnete ich alles Mögliche an Verschwörungstheoretikern, wie noch nie zuvor. Im ersten Zug hatte ich das Vergnügen, eine Unterhaltung zwischen einem Veganer und einer Hundebesitzerin mitlauschen zu dürfen. Diese waren höchst überzeugt davon, dass COVID-19 die neuste Erfindung der Demagogen wäre. Dementsprechend verbreitete Corona-Panik Tierfeindlichkeit, denn es stamme nicht von Tieren, sondern wäre das Resultat eines unglücklichen Experiments der großen Pharmazeutika.

Im zweiten Zug hatten wir gleich die Ehre, dass die Lokführerin auf Ihrem Heimweg nach Kiel, sich unbedingt zu uns gesellen wollte. Sie erzählte nicht nur, wie Türken_Innen laut der Bibel zu Deutschland gehörten, sondern gab gleich zu, wie sie sich damals vor drei Jahren für die AfD faszinierte. Dabei beteuerte sie immer wieder, dass sie keine rassistischen Neigungen hätte, da ihr Partner nicht nur Türke sei, sondern selbst sie mit ihren blauen Augen, weißer Haut und blondem Haar türkisch aussähe. Dennoch hielt sie fest an ihrer Theorie, dass Corona eine Nebenwirkung von 2015 sei. Bei Nachfrage, erläuterte sie, dass Covid-19, Kartenzahlungen, Impfen und die Ankunft von Geflüchteten in 2015, alle unter demselben Hut steckten- keiner weiß wer, wo, was dieser Hut ist.

Mitleidsparolen wie, „wo gehen dann wir Deutschen hin, wenn alle Ausländer hierher kommen?„, sind nach vier Jahren Deutschland Pause immer noch höchst überraschend. Obwohl, zugegeben, mich damit schon meine Grundschullehrer_Innen bombardierten. Oh Corona: Der personifizierte Virus- eine Frau unterdrückt von uns Ausländern. 

Die University of Oslo veröffentlichte eine Studie, die deutet, dass Deutschland zwischen 2016 und 2018 mit Abstand die höchsten Fatalitäten von Rechtsterrorismus im Großraum Europa erleiden musste- die Terroranschläge auf Hanau sprechen für sich. Die AfD ist mit 13 % inzwischen die drittstärkste Partei im Deutschen Bundestag, und dennoch stilles Schweigen über erhebliche Menschenrechtsverletzungen und strukturellen Rassismus im heutigen Deutschland.

Heute wird auf dem „Orient-Express“ Richtung Flensburg, der auf Bahnschienen der tragischsten Deutschen Geschichte läuft; der in 2015, vergeblich, Geflüchteten ein bisschen Hoffnung versprach, Propaganda für die AfD betrieben.

 

 

 

 

 

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