vonchaizeit 19.04.2020

ChaiZeit

Ein Blog für Diasporablues, Intersektionalität und womxn of colour in Deutschland.

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Lange galt das Bedecken von Mund und Nase als unnötige Vermummung und Bedrohung für die öffentliche Sicherheit. Nun ruft Frau Merkel ‘dringend’ zum Maskentragen auf. Davor hatten wochenlang diverse Nachrichtenoutlets ständig beteuert, dass Masken nicht viel brächten. Obwohl Taiwan und Hongkong des Öfteren beteuerten, dass sie, trotz ihrer Nähe zu China, viel weniger Fälle als sonst ein europäisches Land hätten, da sie zu dieser Zeit, als Schutz vor Pollen sowieso nicht ohne Masken aus dem Haus gingen.

Mitte März noch am Flughafen Tegelfeld, Berlin musste ich Ähnliches und dazu verstärkte anti-islamische Parolen, passiv aggressive Lautgespräche und penetrante Blicke miterleben. Natürlich hat der weiße deutsche Kleinfamilienmittelstand mit Missvertrauen gegenüber Großkonzernen wie Amazon es einfach nicht geschafft, sich rechtzeitig stylishe Masken in ‘all Black’ zu besorgen, um nun alle offensichtlich nicht weißen Deutschen mit schwarzer Schutzmaske mit strafenden Blicken und AfD Floskeln zu bestrafen. Insbesondere, wenn es auf dem Weg zum Supermarkt plötzlich anfängt zu regnen, und der stylishe Kaschmir oder Seiden Schal (je nach Saison) nun als Regenschutz Babuschka, um den Kopf gewickelt wird, dann kommt plötzlich eine voll vermummte Burka-ähnelnde Gestalt mit Migrationshintergrund, natürlich, in den REWE-Markt hereinspaziert. Ein Outfit, das sonst als ‘Hipster’ verspottet werden würde, ist vom “Anderen” getragen als Gefahr für den Rechtsstaat und der Deutschen Demokratie.

Dabei sind, beige-weiß-gelbliche ökobaumwollen Masken mit Froschmuster doch eigentlich viel empörender. Laut der amerikanischen Soziologin Peggy Phelan, sollten wir uns alle eine Burka anziehen, um das theatralische Szenario einer unschuldigen Provokation des schwarzen Seidengewands im Alltag nach zu inszenieren. Dabei würden uns, normalisierte Menschenrechtsverletzungen gegenüber nicht weißen Menschen, viel deutlicher bewusst werden.

Über die Gewalt der Blicke berichtet, ähnlicher Weiser die Künstlerin Nural Moser. Beim diesjährigen CTM Festival in Berlin hat sie mit ihrer Mobilitätskampagne und Fotoserie antiislamische Parolen gegen gehetzt. In jedem Bild hat Nural jeweils verschieden farbene Burkas an und befindet sich irgendwo in Europas Flughäfen. Nural Moser österreichisch-syrische Berlinerin kritisiert in ihrer Kunst die gesellschaftlichen Blicken auf den „anderen Körper“. Das ‚Andere‘ (im Englischen ‚the Other‘) ist in der Kulturkritik, die Verdinglichung des nicht weißen exotisierten Körpers, welcher im Prozess des Massenvoyeurismus der weißen Gratifikation zu Liebe, fast schon zu einen entleibenden Zustand führt. In dem Zusammenhang, dient die Burka in einem visuell penetrierenden Überwachungszustand wie bei Grenzkontrollen fast schon als Sicherheitshaube, sagt auch Peggy Phelan. Denn laut Audre Lorde, ist Sichtbarkeit nicht zwangsläufig befreiend, denn forschende Blicke der westlich christlich konservativ europäischen Gesellschaftsordnung greifen uns PoC Folks täglich an. Blicke der Anklage, genauso wie die, der Massenüberwachung.

Weshalb gehen wir lieber, im inkognito Webbrowser surfen (obwohl unsere Schritte im World Wide Web dennoch verfolgt werden)? Weshalb ist, das massenhafte Anhäufen von schwarzen Kleidungsstücken, fast schon zur dekadenten Millennialsumuniform geworden? Der Wunsch nach Unsichtbarkeit und mehr Anonymität ist kein Phänomen in unserer jetzigen Weltordnung. Dennoch wird selbst mein stylishes Modeaccessoire als Schutz vor einer globalen Pandemie, schnell als Religionsbekenntnis abgestempelt. Fragt sich jemand, dann noch, weshalb beige ökobaumwollen Masken mit Froschmuster nicht den Scham und Ruhm, für denen sie existieren, erhalten. …

 

Nural Moser’s Mai Ausstellung in Wien wurde, jetzt erst einmal verschoben. Denn eine virtuelle Vernissage kann lange nicht, mit des Charmes ihres kuratorischen Projekts vor Ort in Wien mithalten.

 

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