Der Brand im Wang Fuk Court am 26. November 2025 weist viele Ähnlichkeiten mit dem Grenfell-Brand in London im Jahr 2017 auf. Was das Ausmaß angeht, war ersterer viel größer – statt nur einem Gebäude brannten sieben, und statt 72 Todesopfern gab es bisher 160. Die direkte Ursache für beide Brände waren jedoch die brennbaren Materialien, die bei der Renovierung der Außenwände verwendet wurden.
Bei Grenfell verwendete das Bauunternehmen billige Verkleidungen, während sein Pendant bei Wang Fuk Court billige Netze und Schaumstoffplatten zur Abdeckung der Gerüste verwendete. Darüber hinaus ersetzte das Bauunternehmen Prestige Construction die Fenster der Feuerleitern durch Holzbretter, damit die Bauarbeiter sich zwischen den Gerüsten und dem Inneren der Gebäude bewegen konnten, wodurch sich Feuer und Rauch bei Ausbruch des Brandes leicht ausbreiten konnten.
Grenfell und Wang Fu – ihre Gemeinsamkeiten
Grenfell war ein Sozialwohnungsprojekt, das von der Verwaltungsgesellschaft The Kensington & Chelsea Tenant Management Organisation (KCTMO) des gleichnamigen Londoner Stadtbezirks verwaltet wurde. Die Berichte der Grenfell-Untersuchung enthüllten, dass die Gier des Bauunternehmens dazu führte, dass Profit vor Sicherheit gestellt wurde. Das knappe Budget des Gemeinderats bot einen Anreiz, billige Verkleidungen zu bevorzugen, und die Bereitschaft, sogar zu behaupten, dass das Material „den einschlägigen Bestimmungen” entspräche. Dies schuf die Grundlage dafür, dass die Baufirmen brennbare Materialien für die Verkleidung verwendeten. Mehrere Whistleblower und Bewohner von Grenfell bzw. der Aktionsgruppe warnten vor potenziellen Brandgefahren. Hätten die zuständigen öffentlichen Institutionen ihre Arbeit getan, hätten sie diese Missstände aufgedeckt. Der Bezirksrat, die Aufsichtsbehörden und verschiedene Regierungsbehörden zeigten jedoch alle Nachlässigkeit und Selbstgefälligkeit und schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Die Privatisierung der zuständigen Stelle für die Festlegung von Standards in der Bauindustrie, des Building Research Establishment (BRE) im Jahr 1997 war eine weitere Ursache für die weit verbreitete Korruption in der Branche. All diese Faktoren führten schließlich zu systemischem Versagen, Unehrlichkeit, Gier und Interessenkonflikten.
Im Fall von Hongkong wies der Chef der Sicherheitsbehörde den Bambusgerüsten die Schuld zu. Aber das war eher eine Ablenkung von der Untersuchung der eigentlichen Ursachen des Brandes als eine glaubwürdige Behauptung. Nach dem Brand war der größte Teil des Abdeckungsnetzes verbrannt, aber die meisten Bambusgerüste standen noch. Bambus ist viel schwerer brennbar. Die Verwendung von Bambus für Gerüste in Hongkong ist nicht auf kulturellen Stolz oder einfach auf „technologische Rückständigkeit” zurückzuführen. Vielmehr liegt es an den Besonderheiten der Stadt, die mit hohen Gebäuden vollgepackt ist und nur wenig Platz zwischen ihnen lässt. Die Festigkeit und Leichtigkeit von Bambus machen den Aufbau von Gerüsten dort viel einfacher als die Verwendung von Metallgerüsten. Auch wenn einige der herunterfallenden brennenden Bambusstangen das Feuer möglicherweise verschlimmert haben, war dies wahrscheinlich eine relativ viel geringere Ursache für die Ausbreitung des Feuers. Aber man sollte eine unabhängige Untersuchung des Falls abwarten, bevor eine endgültige Schlussfolgerung gezogen werden kann. Wären die Feuermelder wirksam gewesen, hätten ebenfalls mehr Menschenleben gerettet werden können. Aber das waren sie nicht und auch die Feuerlöschschläuche funktionierten nicht.
Der Subunternehmer handelte wahrscheinlich nicht allein. Das unheilige Trio aus der Eigentümergemeinschaft von Wang Fuk, ihrem Berater (einem lokalen Stadtrat) und den Bauunternehmern/Ingenieurberatern steht nun unter dem Verdacht, an der sogenannten Wei Biu (kantonesisch ausgesprochen 圍標) beteiligt zu sein. Gemeint sind Absprachen verschiedener Akteure zur Sicherung von Aufträgen bei Ausschreibungen von Eigentümergemeinschaften. Um dies zu erreichen, übernehmen die Beteiligten zunächst die Kontrolle über die Eigentümergemeinschaften. Oft sind auch die Mafia und Stadträte daran beteiligt. Im Fall von Wang Fuk Court war eine pro-Peking eingestellte Stadträtin, Peggy Wong, die Beraterin der Gemeinschaft und hatte sich intensiv bemüht, die Gemeinschaft davon zu überzeugen, das Angebot von Prestige anzunehmen, obwohl es mit 330 Millionen HK$ (mehr als 30 Millionen GBP) das höchste Angebot war.
Wie im Fall Grenfell gab es auch im Fall Wang Fuk Bewohner und Whistleblower, die lange vor dem Brand Beschwerden über Brandgefahren einreichten, aber sowohl vom Bauunternehmen als auch von verschiedenen Regierungsstellen ignoriert wurden. Im Jahr 2024 hatte der Aktivist Jason Poon mehrfach vor den brennbaren Gerüstabdeckungen sowohl im Sui Wo Court als auch im Wang Fuk Court gewarnt, wurde jedoch ignoriert. Stattdessen wurde er wiederholt schikaniert.
Im vergangenen Jahr reichten die Bewohner auch Beschwerden über die potenziellen Brandgefahren ihrer Gebäude beim Arbeitsministerium ein, aber dieses erklärte entweder, dass das Gesetz keine Bestimmungen zur Sicherheit von Abdecknetzen enthalte, oder, als es schließlich einräumte, dass dies falsch war, antwortete es einfach, dass die Netze sicher seien (was nicht stimmt). Das Wohnungsamt, das Bauamt, die Stadtentwicklungsbehörde und die Feuerwehr sind alle dafür verantwortlich, die Sicherheit solcher Renovierungsprojekte zu regulieren und zu überwachen, die im Rahmen des obligatorischen Gebäudeinspektionsprogramms der Regierung durchgeführt werden. Sie alle haben kläglich versagt, weil sie sich lediglich auf die Gutachten der Verwaltungsgesellschaft der Wohnsiedlung, der Baufirma oder des technischen Beraters der Eigentümergemeinschaft verlassen haben, ohne jemals vor Ort nachzuschauen; oder wenn sie es taten, dann nur pro forma.
Wie das Hongkonger Grundgesetz den Boden für grassierende Korruption bereitete
Dies geschah zu einer Zeit, in der die Korruption in der Bauindustrie noch weiter verbreitet war. Anstatt sich an die Gesetze zu halten, ist es gängige Praxis, dass Bauunternehmen die Brandschutzzertifikate von Lieferanten aus Festlandchina kaufen. Nach dem Brand warf David Lam Tzit-Yuen, ein Abgeordneter aus dem „Wahlkreis der Berufsgruppe Mediziner”, der Bauindustrie vor, „bis ins Mark korrupt zu sein und auf allen Ebenen Betrug und Ausbeutung zu betreiben”. Er kritisierte den Auftragnehmer, der Metallrohre für die Gesundheitsbehörde gebaut hatte, wegen minderwertiger Ausführung und bemängelte auch die schlampige Ausführung des Eisenbahnprojekts vom Stadtteil Shatin zum Central Link. Er versäumte es jedoch, auf eine Sache hinzuweisen: Warum haben seine sechs Kollegen aus den Wahlkreisen der Berufsgruppen, die einen engeren Bezug zu dem Brand haben (Immobilien und Bauwesen, Architektur und Vermessungswesen sowie Ingenieurwesen), nie öffentlich vor der Gefahr der Korruption gewarnt und etwas dagegen unternommen?
Im Allgemeinen bilden das unheilige Trio aus korrupten Eigentümergemeinschaften, lokalen Ratsmitgliedern und Bauunternehmern die unterste Stufe der Entscheidungsebene. Sollte es jemals zu einer unabhängigen Untersuchung kommen, sollte diese in erster Linie die oberste Ebene der Regierung von Hongkong untersuchen. Insbesondere die Beziehung zwischen Peggy Wong und Clement Woo – er verhalf ihr zu seiner Nachfolge als Beraterin der Eigentümergemeinschaft. Bevor Woo 2021 zum Unterstaatssekretär des Ministeriums für Verfassungs- und Festlandangelegenheiten ernannt wurde, war er Berater der Eigentümergemeinschaft Wang Fuk Court und soll Peggy Wong dabei geholfen haben, seine Nachfolge anzutreten. Darüber hinaus wird der neu gewählte Abgeordnete der Berufsgruppe Ingenieurwesen, Bok Kwok-Ming, derzeit zu seiner Rolle bei der kostspieligen Renovierung der Wasserleitungen der Villa Fairview Park im Wert von 475 Millionen HK$ befragt. Die Eigentümer dort beklagten sich, dass ihnen die Entscheidung aufgezwungen worden sei, und Bok habe in seiner Funktion als Mitglied eines Ausschusses und einer Arbeitsgruppe des entsprechenden Projekts einen solchen Deal ermöglicht.
Die weit verbreitete Korruption in der Branche hat ihre Wurzeln in dem Grundgesetz, das Hongkong von Anfang an von Peking auferlegt wurde. Nach diesem Grundgesetz wird nicht nur ein Drittel der Abgeordneten von den oben genannten Berufsgruppen „gewählt” (vor 2021 war es fast die Hälfte), sondern sie erhalten auch das Recht, Teil des Wahlkomitees zu sein, das den Regierungschef „wählt”. Die funktionalen Wahlkreise nach Berufsgruppen bestehen hauptsächlich aus Vertretern der Wirtschaft und der freien Berufe und sollen den Geschäftsleuten eine Sonderstellung gegenüber dem Volk verschaffen und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts weiterhin blockieren. Diese Praxis wurde aus der faschistischen Idee des Ständestaates übernommen, in dem die Regierungen aus Vertretern verschiedener Gesellschaftsgruppen bestehen, die aufgrund ihrer angeblichen Verdienste um die Gesellschaft ausgewählt wurden. Wer die Ursachen der Korruption in Hongkong ernsthaft ergründen will, darf diesen Umstand nicht übersehen.
Hongkong war jedoch für seine Anti-Korruptions-Behörde, die Unabhängigen Kommission gegen Korruption (Independent Commission Against Corruption ICAC), bekannt. Nach heftigen sozialen Protesten gegen Korruption wurde sie 1973 gegründet, und die Kolonialregierung begann widerwillig, korrupte Beamte und Geschäftsleute auszusortieren. Seitdem galt sie in der Öffentlichkeit als die angesehenste Strafverfolgungsbehörde. Warum ist die ICAC nicht gegen die schreckliche Korruption in der Branche vorgegangen? Obwohl der Brand der Wang Fuk die ICAC dazu veranlasste, die direkt verantwortlichen Direktoren von Prestige strafrechtlich zu verfolgen, reicht dies bei weitem nicht aus, und diese Unzulänglichkeit reicht schon einige Zeit zurück. Da die pro-Peking freundlichen Medien wiederholt den „britischen Einfluss” innerhalb und außerhalb der ICAC verurteilt haben, scheint es, dass die ICAC seit Jahren aufgehört hat, entschlossen gegen Korruption vor zu gehen. Peking sieht es sicherlich nicht gern, wenn die Aufsichtsbehörde gegen pro-Peking eingestellte Politiker und Geschäftsleute vorgeht. Da chinesische Unternehmen (vom Festland d.Ü.) in der Stadt immer dominanter werden, bedeutet dies, dass der ICAC zunehmend die Hände gebunden sind. Der Fall des Leiters der ICAC, Timothy Tong, ist besonders aufschlussreich. Im Jahr 2013 zeigte der Bericht der Rechnungsprüfungskommission, dass er öffentliche Gelder missbraucht hatte, um Pekinger Beamte privat zu bewirten, jedoch wurden keine Anklagen gegen ihn erhoben.
Ein globaler Kapitalismus mit viele Varianten
Dies führt uns zu einer Diskussion über die Unterschiede zwischen den Fällen Grenfell und Wang Fuk. Man stellen sich vor, der Londoner Bürgermeister würde junge Menschen verhaften, weil sie Flugblätter verteilt haben, in denen eine unabhängige Untersuchung des Grenfell-Brandes gefordert wird, seine Polizei würde Menschen, die lediglich eine Pressekonferenz über den Brand abhalten wollen, wegen Verstoßes gegen das Nationale Sicherheitsgesetz anklagen, seine lokalen Beamten würden Freiwillige vertreiben, die lediglich eine Versorgungsstation betreiben, um die Überlebenden des Brandes mit dem Nötigsten zu versorgen, und schließlich würde er die Gründung eines nicht unabhängigen Untersuchungsausschusses ankündigen, der die Ursachen des Brandes untersuchen soll. Darüber hinaus sitzt der ranghöchste Whistleblower von vor einem Jahrzehnt, Lam Cheuk Ting, ein ehemaliger pan-demokratischer Abgeordneter, der die „Große Allianz gegen Korruption und gegen Wei Biu” gegründet hat, jetzt im Gefängnis (zusammen mit Hunderten von demokratischen Abgeordneten und Aktivisten). Genau das ist seit 2020 in Hongkong geschehen, aber nicht in Großbritannien, zumindest noch nicht.
Der im Exil lebende Hongkonger Wissenschaftler Chung Kim-Wah, der jetzt in Großbritannien lebt, kommentierte, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Brand und der Auslöschung der Autonomie, der Rechtsstaatlichkeit und der Zivilgesellschaft Hongkongs durch Peking gibt, wodurch es Regierungsbeamten und ihren Kumpanen aus der Wirtschaft ermöglicht wird, nicht nur ohne jede Befürchtungen zusammenarbeiten zu können, sondern durch das Nationale Sicherheitsgesetz sogar noch mehr Macht erhalten, um diejenigen, die es wagen, Fragen zu stellen, ins Gefängnis zu werfen. Chungs Kommentar wird von den meisten Menschen in Hongkong geteilt.
Es ist jedoch eine andere Sache zu sagen, dass die Stadt bis zur Übergabe 1997 immer frei von Korruption gewesen sei und sich die Lage seitdem nur verschlechtert habe, oder zu argumentieren, dass der britische Kolonialismus den Menschen in Hongkong im Allgemeinen zugutekam, während das Regime in Peking uns nur Not und Korruption gebracht hätte. Das Regime in Peking ist nicht gut, aber was die Kolonialregierung angeht, müssen wir uns fragen, um welchen Zeitraum der Kolonialzeit es sich handelt. Die Aussage, dass die Kolonialregierung sich erheblich reformiert hat, gilt nur für den kurzen Zeitraum von 1973 (dem Jahr, in dem die ICAC gegründet wurde) bis 1997. Mit anderen Worten: Der größte Teil der mehr als 150-jährigen Geschichte der Kolonie war brutal und von Korruption geprägt. Tatsächlich war der relative Erfolg der ICAC nur ein Ergebnis einer vorübergehenden Angleichung der Kräfteverhältnisse zwischen der Kolonialregierung und der aufkommenden Jugendbewegung sowie zwischen China, Hongkong und Großbritannien. Daher muss die oben genannte Aussage der Liberalen revidiert werden – die britische Regierung hat Peking nur in den letzten mehr als zwanzig Jahren ihrer Herrschaft übertroffen.
Owen Au schrieb in The Diplomat über den Fall Hongkong und argumentierte: „Nein, die Regierungsführung in Hongkong wird nicht wie die in China. Sie ist sogar noch schlechter. Hongkong steckt in einem Machtvakuum, in dem weder demokratische noch autoritäre Rechenschaftspflicht effektiv funktioniert.“ Ihm zufolge wurden viele der Regierungstraditionen und wichtigen Mechanismen der Rechenschaftspflicht in Hongkong „in den letzten Jahrzehnten der britischen Herrschaft entwickelt und institutionalisiert, als die Kolonialregierung versuchte, Hongkong zu einer prosperierenden Weltstadt zu entwickeln, die auf Professionalität, öffentlicher Rechenschaftspflicht und Rechtsstaatlichkeit basiert“. In seiner Liste fehlte „allgemeines Wahlrecht“. Das konnte auch nicht anders sein, denn es gab kein allgemeines Wahlrecht. Warum also „demokratische Rechenschaftspflicht“ und „autoritäre Rechenschaftspflicht“ gegenüberstellen, wenn man die Kolonialregierung und das Regime in Peking vergleicht? Und warum ist Großbritannien, das über eine liberale Demokratie verfügt, immer noch nicht in der Lage, die Ausbreitung der Korruption wie ein Krebsgeschwür zu stoppen?
Der Fall Grenfell und viele andere ähnliche Fälle haben bereits gezeigt, dass eine repräsentative Regierung, solange sie auf dem Kapitalismus basiert, die Korruption niemals beseitigen kann. Die liberale Demokratie gibt den Menschen mehr Rechte, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, als der autoritäre Kapitalismus in China. Aber dieser Unterschied sollte uns nicht davon abhalten, ihre Gemeinsamkeit zu sehen – den Kapitalismus. Der Kapitalismus ist zwangsläufig korrupt. Kapitalismus bedeutet, dass mit Geld auch Beamte gekauft werden können, die eigentlich die Korruption bekämpfen sollten. Genau deshalb haben Grenfell und Wang Fuk so viel gemeinsam. Die Opfer des Grenfell-Brandes warten auch acht Jahre nach dem Brand noch immer auf Gerechtigkeit.
Owen Au sieht zwar die Unterschiede zwischen den beiden Fällen, übersieht jedoch weitgehend ihre Gemeinsamkeiten, nämlich dass sie Teil desselben kapitalistischen Systems sind. Stattdessen deutete er auf die „demokratische Rechenschaftspflicht” unter der Kolonialregierung hin und stellte diese der heutigen Situation in Hongkong gegenüber, indem er übertriebene Behauptungen darüber aufstellte, wie gut das koloniale Hongkong gewesen sei. Und er übertrieb dabei auch die angebliche „chinesische autoritäre Rechenschaftspflicht”, als er erwähnte, dass chinesische Beamte oft zurücktreten, wenn Katastrophen eintreten – wobei er vergaß, dass diese Beamten oft innerhalb weniger Jahre wieder in denselben Rang zurückkehren, wenn auch nicht unbedingt auf denselben Posten. Es ist kein Zufall, dass er den Begriff Kapitalismus überhaupt nicht erwähnt. Wenn man den Begriff „Kapitalismus” und seine Geschichte in Diskussionen über die Ursachen von Korruption vermeidet, kommt man bei der Suche nach Antworten nicht sehr weit. Dies hindert uns wahrscheinlich auch daran, das Phänomen Trump vollständig zu verstehen – viele denken fälschlicherweise, dass es sich hierbei nur um eine Anomalie handelt, die korrigiert werden kann, sobald die Demokratische Partei wieder an die Macht kommt. Nein, es hat tiefe und starke Wurzeln im westlichen Kapitalismus und Kolonialismus, und wenn die bösen Mächte der extremen Rechten und des sozialen Verfalls zu Zeiten, als es noch einen Sozialstaat gab, weniger grassierten, so erleben sie jetzt ein fulminantes Comeback. Einige Liberale in Hongkong und Festlandchina haben die sogenannte „westliche Zivilisation”, vertreten durch Großbritannien und die USA, immer als ihren „Leuchtturm” in der dunklen Nacht gesehen. Kein Wunder, dass sie völlig verwirrt und orientierungslos waren, als Trump alle Mittel für Voice of America und Radio Free Asia strich.
Pauschalisierungen und selektive Angriffe
In China verfasste ein Autor namens „Maoist21” eine Anklageschrift gegen die „bourgeoise Diktatur in Hongkong und (Festland-)China”, die in etwa wie folgt lautete:
Das Verabscheuungswürdigste an diesem Feuer ist nicht das Feuer selbst, sondern die schamlose Bourgeoisie. Die Menschen in Hongkong wurden (von ihnen) unterdrückt und ausgebeutet. Li Ka-Shing (der bekannte lokale Tycoon) lebt in einer Villa auf dem Gipfel, während das Proletariat in überfüllten kleinen Wohnungen lebt. Das Proletariat Hongkongs wurde von der schamlosen Bourgeoisie angefeindet und reichte zahlreiche Beschwerden ein … in der Hoffnung, sich an eine von der Bourgeoisie kontrollierte Regierung zu wenden oder zu preisen, wie demokratisch Taiwan oder ähnliche Orte sind … Wenn sie nicht verstehen, wie reaktionär die Regierung Hongkongs ist, oder nicht verstehen, dass die bourgeoise Diktatur in Hongkong und in ganz China vernichtet werden muss, werden Katastrophen wie dieser Brand dort immer wieder vorkommen.
Die obige Anklage gegen Hongkong und den chinesischen Kapitalismus und ihre „bourgeoise Diktatur” ist deutlicher als die der Linken, die zwar den westlichen Kapitalismus angreifen, aber das chinesische Regime verteidigen, indem sie es als „sozialistisch” oder „Verteidiger unseres Mutterlandes gegen den US-Imperialismus” bezeichnen. Allerdings fehlt in diesem und anderen Artikeln des Autors eine konkretere Analyse der Hintergründe des Brandes – der Autor hat nie anerkannt, dass es einen Unterschied zwischen dem Hongkong vor 2020 und dem Hongkong seitdem gibt, oder allgemeiner gesagt, einen Unterschied zwischen einem Kapitalismus, in dem es ein gewisses Maß an Bürger- und Arbeitnehmerrechten gibt, und einem, in dem dies nicht der Fall ist. Die Menschen in Hongkong beklagen, was sie verloren haben. Da der Autor diesen Verlust nicht anerkennt, ist sein Appell an die Menschen dort umso unplausibler.
Während Owen Au keine gemeinsame sozioökonomische Grundlage zwischen der Korruption im Westen und der in Hongkong/China sieht, ging Maoist21 ins andere Extrem und ignorierte die Unterschiede zwischen dem Kapitalismus in Großbritannien, Taiwan und Hongkong vor 2020 und dem heutigen Hongkong (und dem Kapitalismus auf dem Festland). Wir sollten den britischen Kapitalismus oder die beiden anderen nicht glorifizieren – der britische Kapitalismus ist hart gegen die Solidarität mit Palästina vorgegangen und hat viele ihrer Aktivisten inhaftiert, wodurch er deren Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt hat. So schrecklich der Kapitalismus auch sein mag, die Menschen in Großbritannien, Taiwan haben und in Hongkong vor 2019 hatten einige Rechte, um sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren. Dies anzuerkennen, bedeutet nicht, der liberalen Demokratie unverdiente Anerkennung zu zollen. Vielmehr geht es darum, der Geschichte des heldenhaften Kampfes ihrer Völker um grundlegende Bürger- und Arbeitnehmerrechte gegenüber ihrer herrschenden Klasse Tribut zu zollen und uns gleichzeitig daran zu erinnern, dass wir für das Recht kämpfen müssen, um uns gegen Ungerechtigkeiten unter der KPCh wehren zu können.
Das Problem mit dem Artikel von Maoist21 ist, dass er im Namen der Ablehnung des Reformismus dem Kampf zur Verteidigung oder Erlangung grundlegender Rechte wenig Beachtung schenkt. Der Autor will stattdessen nur eine Revolution. Aber für Reformen zu kämpfen ist nicht gleichbedeutend mit Reformismus. Reformismus bedeutet, dass Aktivisten darauf hoffen, dass die herrschende Klasse von sich aus Reformen durchführt. Sozialisten betonen stattdessen immer die Notwendigkeit, die Selbstorganisation und den autonomen Kampf von unten zu fördern. Echte Sozialisten sind immer „auf zwei Beinen gegangen“ – während sie das verteidigen, was sie errungen haben, oder für das kämpfen, was ihnen verweigert wird (Reformen), verstehen sie immer die Notwendigkeit, diese Rechte bei jeder Gelegenheit erheblich auszuweiten, bis sie die Bourgeoisie und ihre Regierungen entmachten können (Revolution). Das erste Bein ist die Brücke zum zweiten Bein. Im Gegensatz dazu scheint der Artikel von Maoist21 nur auf einem Bein zu laufen – dem zweiten Bein der „revolutionären Transformation“, aber ohne die Brücke, die dies ermöglicht. Umgekehrt betonen Sozialisten den Kampf für Reformen mit ihrer eigenen Kraft und ihren eigenen Mitteln, nicht nur, um Verbesserungen für ihr Leben zu erreichen, sondern auch, um den arbeitenden Menschen zu ermöglichen, während dieser Teilkämpfe geschult und geprüft zu werden – ohne dies ist eine Revolution einfach unmöglich.
Noch beunruhigender ist, dass diese Art von pauschaler Verallgemeinerung von verdächtigen falschen linken Argumenten genutzt werden könnte. Der Autor erwähnte Li Ka Shing als Beispiel. Aber nicht wenige chinesische Linke gingen noch einen Schritt weiter und nahmen Li buchstäblich als ihr Ziel ins Visier. Oder selbst wenn die Ziele auf andere ausgeweitet werden, umfassen sie nur lokale Tycoons. Nach dem Brand wurden im Internet Videos geteilt, in denen „die vier großen Familien” angegriffen wurden, darunter Li und drei weitere lokale Immobilienmagnaten (die über große Landreserven und neu gebaute Wohnungen verfügen). Aber warum gerade diese vier? Die vier Familien sind natürlich der Gier schuldig, aber der oben erwähnte Angriff auf sie hat ein Problem – auch hier wird die im Grundgesetz festgelegte Verfassungsordnung nicht erwähnt. Es ist diese Konstruktion des Landbesitzes, die ein solches Oligopol überhaupt erst ermöglicht. Sie sieht vor, dass alle Grundstücke in Hongkong „Staatseigentum“ sind, aber „von der Regierung Hongkongs verwaltet“ werden. Aber bedeutet „Staatseigentum“ auch „Eigentum des Volkes“? Das ist unmöglich, denn um eine solche Implikation zu haben, müsste der Staat zumindest eine Form von Demokratie haben. In Festlandchina gibt es keine Demokratie, und im Fall von Hongkong ist die Situation noch lächerlicher – während Festlandchina auf dem Papier das allgemeine Wahlrecht anerkennt, enthält das Grundgesetz von Hongkong nur vage Versprechungen, es irgendwann in der Zukunft umzusetzen, ohne einen Zeitplan zu nennen. Der Regierungschef und das Kabinett der Regierung von Hongkong werden weiterhin von Peking nach Rücksprache mit lokalen Eliten ausgewählt. Ohne demokratische Kontrolle durch die Bürger Hongkongs können Regierungsbeamte einfach ihre Absprachen mit allen großen Immobilienriesen (sowohl Festland- als auch Hongkong-Unternehmen) fortsetzen, um die Grundstücks- und Immobilienpreise in die Höhe zu treiben und davon zu profitieren. Wenn also ein Linker den Kapitalismus Hongkongs anklagt, aber nur eine oder vier Familien herausgreift und vergisst, die verfassungsmäßige Regelung des Grundbesitzes anzugreifen, die nichts anderes als in den Diensten des Oligopols steht, ist das nicht glaubwürdig. Methodisch widerspricht diese Art von falscher linker Argumentation sich selbst . Wenn sie den westlichen Kapitalismus verurteilt, scheint sie immer zu pauschal zu verallgemeinern, aber wenn es darum geht, Hongkong oder chinesische kapitalistische Kräfte anzugreifen, ist sie überraschend engstirnig – sie greift nur lokale Hongkonger Tycoons oder private Unternehmen vom Festland/ausländisches Kapital heraus. Sind das wirklich die einzigen Schuldigen?
Als sich einige der „Linken” vom Festland diesem Kreuzzug gegen Li Ka Shing oder die vier Familien anschlossen, war dies auch eine Zeit, in der Letztere zunehmend politisch und wirtschaftlich von chinesischen Unternehmen vom Festland und den dahinterstehenden Paten an den Rand gedrängt wurden. Letztere machen mittlerweile mehr als 80 Prozent des Gesamtwerts der Hongkonger Börse aus, weil sie den Segen des großen Bruders in Peking haben. Sie haben sich mit lokalen Tycoons verbündet, stehen aber auch in Konkurrenz zu ihnen und haben meist die Oberhand gewonnen. Auch sie sind nicht gerade dafür bekannt, frei von Korruption zu sein. Diese selektive Kritik der „Linken” am „Kapitalismus” Hongkongs dient nur einem Zweck: die Aufmerksamkeit von der grassierenden Korruption der mächtigsten kapitalistischen Allianz abzulenken – den hochrangigen Parteifunktionären und ihren Geschäftspartnern aus dem Freundeskreis.
Fazit
Wir sollten jedoch nicht glauben, dass es zwischen liberalem Kapitalismus und autoritärem Kapitalismus unüberwindbare Unterschiede gibt. Wie oben erwähnt, war die dunkelste Kraft der Barbarei schon immer einer der Kernbestandteile des westlichen Kapitalismus. Trumps Vereinigte Staaten nähern sich dem chinesischen Kapitalismus an, wenn die Menschen dort dies zulassen. Derzeit gibt es jedoch noch Unterschiede im Ausmaß zwischen den beiden. Aktivisten müssen auf zwei Beinen stehen – sie müssen die Unterschiede zwischen den beiden Versionen des Kapitalismus verstehen, um die lokale Situation bestmöglich zu nutzen, und gleichzeitig wachsam bleiben, wie sich in Zukunft verschiedene Formen des Kapitalismus entwickeln könnten.
Der Artikel erschien erstmalig am 24. Dezember 2025 auf Englisch unter den Titel Two Narratives on the Hong Kong Fire auf der Webseite von International Viewpoint . Übersetzung von F. Hofmann, Forum Arbeitswelten.