vonderunterschied 11.06.2019

Der Unterschied

Jan-Niklas Kemper sucht kritische und differenzierte Antworten auf komplexe Fragen der Politik.

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In der vergangenen Woche war vor allem ein Thema unumgänglich: Das Rezo-Video zur „Zerstörung der CDU“. Grundsätzlich ist eine politisierte Gesellschaft in der Woche vor der richtungsweisenden Europawahl durchaus begrüßenswert, doch was, wenn nicht mehr die Politik die Schwerpunkte setzt, sondern YouTuber?

Rezo. Ein YouTuber. Fast eine Millionen Abonnenten. Ein Video. Über zehn Millionen Aufrufe. Zwischen weiteren Videos wie „Die peinlichsten KINDERFOTOS von Joey und Rezo“ oder „Helium Challenge mit Wasser Bestrafung“ bekam ein Video auf dem Kanal „Rezo ja lol ey“ besonders viel Aufmerksamkeit: „Die Zerstörung der CDU“. Im knapp einstündigen Video analysiert Rezo, dessen richtiger Name unbekannt bleibt, die Politik der Union in den letzten 36 Jahren mit den Schwerpunkten Steuerpolitik, Klimapolitik und Aussenpolitik. Dabei nennt der 26-jährige über 250 Quellenangaben für seine Ergebnisse, die unter dem Video einzeln verlinkt sind. Die Quellen sind zum Großteil gut recherchiert, präzise ausgesucht und treffend wiedergegeben. Doch welches Probleme gilt es dennoch im wohl polarisierendsten Video der letzten Woche zu berücksichtigen?

Ja, die CDU kriegt mal so richtig einen auf den Deckel und scheint absolut nicht in der Lage, dem im Geringsten etwas entgegenzusetzen. Viele der im Video angesprochenen Aspekte sind zutreffend. Für den an Politik interessierten Menschen ist jedoch auch wenig Neues dabei. Letztlich gilt es, das Video mit Vorsicht zu geniessen. Es hat einen gewissen Unterhaltungswert, das stimmt. Doch zieht der sehr schnell sprechende Jugendliche mit den blauen Haaren viele Dinge an selbigen herbei und versucht sie zu seinen Gunsten einzuordnen.

Damit beginnt Rezo schon bei seiner ersten Frage: „Für wen macht die CDU eigentlich Politik?“ Seine Antwort darauf scheint logisch und wird durch entsprechende Balkendiagramme untermauert: Die Schere zwischen arm und reich ist weiter auseinander gegangen, seitdem die CDU regiert. Klares Ergebnis der christlich-demokratischen Steuerpolitik. Ganz so einfach ist aber eben nicht. Obwohl seine Quellen die Politik für selbiges Phänomen in die Mangel nehmen, gibt es noch weitere zu berücksichtigende Aspekte. Ein Grund dürfte vor allem die Einführung von Hartz 4 zur Bekämpfung von Massenarbeitslosigkeit 2005 gewesen sein. Eine rot-grüne Maßnahme, die sozialpolitisch große Auswirkungen hatte und bis heute hat. Weitere Ursachen gehen aus der späten Einführung des Mindestlohns, sowie dessen Umgehungsmöglichkeiten durch Zeitarbeitsfirmen, Subunternehmen etc. hervor. Auch die Nicht-Berücksichtigung der Inflationsrate stellt sich in diesem Zusammenhag als problematisch dar. Rezo unterschlägt ganz bewusst einflussreiche Faktoren. Kritik an der zu kurz greifenden Erbschaftssteuer und anderen steuerpolitischen „Stellschrauben“ ist durchaus berechtigt, die Entwicklung der Vermögensverteilung jedoch alleine auf die Steuerpolitik der Union zurückzuführen, ist einseitig und polemisch, steht aber stellvertretend für viele beschriebene Zusammenhänge im gesamten Video.

Eine weitere schwierige Kategorie eröffnet Rezo mit dem Begriff „Inkompetenz“. Dass die Drogenbeauftragte der Bundesregierung – Marlene Mortler von der CSU – grundlegende Fragen zum Thema Drogenpolitik nicht beantworten kann und sich dabei als unfassbar inkompetent erweist, ist unbestritten ein Armutszeugnis der Union. Da gibt es auch überhaupt nichts schön zu reden oder zu relativieren: Was Frau Mortler in dem kurzen Interviewausschnitt von „Jung und naiv“ von sich gibt, lässt das Vertrauen in unsere Politker*innen gen 0 gehen. Und genau das ist das Problem. Es gilt erneut das Video einzuordnen, als eines von wenigen politischen Videos für ein junges, womöglich eher unpolitisches und wenig kritisches Publikum. Für viele Menschen, die Rezos Kanal zwecks Entertainment besuchen, ist es vielleicht der erste oder einer der ersten Berührungspunkte mit Politik. Diesen Menschen in so einem Video zu vermitteln, führende deutsche Politiker*innen seien durchweg inkompetent, rückt unser politisches System in ein ganz schlechtes Licht. Das Framing im Video führt wohl vor allem dazu, dass junge Menschen das Vertrauen in unsere Demokratie und ihre gewählten Abgeordneten verlieren. Wer lange genug sucht, findet wohl aus jeder politischen Ecke mindestens ein Zitat, dass nur durch seine Inkompetenz berühmt geworden ist und doch sollte das nicht der allgemeine Eindruck sein, den eine Gesellschaft von ihren Politiker*innen hat.

Viele Aspekte sind jedoch auch richtig analysiert und dementsprechend belegt. Rezos Ausführungen zu Bildungs- und Klimapolitik sind verifiziert und nicht widerlegbar. Sie erfüllen auch ihren Zweck: Sie rütteln den oder die Wähler*in auf. Andere Zusammenhänge sind aber eben nur oberflächlich oder auch gar nicht erklärt. Genau da gilt es vorsichtig zu sein. Die wenigsten Wähler*innen können in so einem Video die vollständig zutreffenden von den weniger schlüssigen Thesen und Erklärungsansätzen unterscheiden und an dem Punkt wird es gefährlich und führt zu Desinformation.

In links-grünen Kreisen wird das Video weitestgehend abgefeiert. Na klar, zum einen brachte es in Bezug auf die Europawahl vergangenen Sonntag wohl weitere Stimmen ein, zum anderen schaffte es aber genau das, was dem links-grünen Kreis oft selbst nicht gelingt: Es erreichte viele Menschen und zeigte diesen die Missstände einer lediglich den status-quo verteidigenden Partei, die eben wenig Politik für die Mitte der Gesellschaft macht, auch wenn sie auf Basis genau diesen Mythos’ noch immer große Stimmanteile erfährt. Doch drehen wir das Szenario einmal um. Stellen wir uns vor, ein oder mehrere YouTuber und Influencer mit mehreren Millionen Anhängern erklären in einem Video unter der Hinzunahme einiger vermeintlich seriöser Quellen die Nicht-Existenz des durch den Menschen gemachten Klimawandel oder die große Gefahr für Deutschland durch geflüchtete Menschen aus dem nicht-europäischen Ausland so kurz vor einer richtungsweisenden Wahl. Gerade bei einem nicht weiter politisch in Erscheinung tretendem Kanal ist davon auszugehen, dass viele junge und bislang unpolitische Zuschauer*innen die Thesen ihres Idols oder Entertainers umhinterfragt übernehmen. Man kann leider nicht davon ausgehen, dass sich alle Erstwähler*innen vor der Wahl ausgiebig mit den verschiedenen Parteiprogrammen und Historien auseinander setzen und vor diesem Hintergrund hat ein solches Video leider nur noch einen einzigen Effekt: Es manipuliert.

Zudem unterscheidet sich die Methode, mit der Rezo komplexe Sachverhalte auf das Versagen einer einzigen Partei zurückführt, leider nicht wirklich von dem Populismus, mit dem die AFD den Auslöser jeder politischen Herausforderung auf die sogenannte Flüchtlingskrise projiziert. Das Video ist einseitig, polemisch und oberflächlich. Unterm Strich keine Grundlage für eine ausdifferenzierte Wahlentscheidung.

Aus politischer Überzeugung neige ich dazu, Rezo für seine Meinungsmache zu danken. Doch bleibt die Frage, inwiefern der Zweck die Mittel heiligt. Die Gefahr, dass derartige Videos auch in eine andere politische Richtung gedreht werden, ist hoch. Was passiert, wenn das politische Interesse am Konsum von einseitigen YouTube-Videos gestillt wird, anstatt von seriösen Nachrichten oder Zeitungsartikeln? Wie verändert sich ein Diskurs, wenn Influencer die Schwerpunkte definieren und nicht Politiker*innen oder Journalist*innen? Wenn das Rezo- Videos eins gezeigt hat, dann die Macht der sozialen Netzwerke und die Gefahr durch einseitige Berichterstattung. Die Meinungsfreiheit einzuschränken kann und wird nicht die sich durchsetzende Antwort sein. Doch die Frage nach dem Umgang mit Videos wie von Rezo bleibt weiterhin offen. Wenn sich YouTube als ein Portal der Zukunft weiter politisiert, müssen Möglichkeiten zur Diskussion geschaffen werden. Eine Debatte über einen politischen Input der neuen Generation darf dann nicht nur in der Kommentarspalte und in Zeitungen geführt werden. Wer vorher nicht über konventionelle Medien mit politischen Inhalten in Berührung kam, wird das auch in Zukunft nicht tun. Die politische Debatte verlagert sich weiter in soziale Netzwerke und genau dort müssen Meinungsaustausch und Analyse präsenter werden, damit Menschen in Zukunft zu einer differenzierten Meinung kommen können.

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