vonHans Cousto 07.11.2013

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Am 5. November 2013 wurde der Jahresbericht der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) veröffentlich. Darin werden unter anderem Daten zum Drogenkonsum, so etwa die Ergebnisse der Umfragen des Epidemiological Survey on Addiction (ESA), veröffentlicht. Im DBDD Bericht 2013 (Seite 25 in der gedruckten Version, Seite 57 in der PDF-Version) findet man in der Tabelle 2.1 Angaben zur Prävalenz des Konsums illegalisierter Drogen in Deutschland. Gemäß diesen Angaben hat sich die Zahl der Menschen, die Erfahrungen mit dem Konsum illegalisierter Drogen haben, von 13.729.000 im Jahr 2009 auf 12.351.000 im Jahr 2012 reduziert. Dies entspricht einer Abnahme um 1.378.000 Personen respektive um 10%. Gemeint ist hier die Lebenszeitprävalenz des Konsums illegalisierter Drogen (mindestens einmal im Leben konsumiert). Die Lebenszeitprävalenz ändert sich nicht durch spätere Verhaltensänderungen, das heißt, wenn jemand bei einer solchen Umfrage einmal wahrheitsgemäß mit „Ja“ geantwortet hat, kann es nicht sein, dass diese Person ein paar Jahre später die gleiche Frage wahrheitsgemäß mit „Nein“ beantwortet.Tabelle 2.1 „Prävalenz illegaler Drogen in Deutschland“ aus dem DBDD-Jahresbericht 2013

Abbildung 1 zeigt die Tabelle 2.1 „Prävalenz illegaler Drogen in Deutschland“ aus dem DBDD-Jahresbericht 2013. ESA steht hierbei für Epidemiological Survey on Addiction (Suchtsurvey) und DAS für die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Statistisch gesehen ist eine solche Abnahme der Lebenszeitprävalenz des Konsums illegalisierter Drogen überhaupt nicht möglich. Deshalb haben diese Angaben im DBDD-Jahresbericht bei Experten große Skepsis ausgelöst, so bei Maximilian Plenert, der am 6. November 2013 unter dem Titel „Wieviele Menschen konsumieren in Deutschland illegalisierte Drogen?“ seine Zweifel an der Richtigkeit der vom DBDD veröffentlichten Daten kund tat. In den folgenden Abschnitten wird aufgrund der Daten von 2009 und einer statistischen Fortschreibung aufgezeigt, dass die Lebenszeitprävalenz des Konsums illegalisierter Drogen bis zum Jahr 2012 zugenommen haben muss und nicht abgenommen haben kann. Hierfür ist zuerst ein Blick in die Bevölkerungsstruktur in Deutschland für das Jahr 2009 notwendig.

Einwohner der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 nach Altersgruppen aufgeschlüsselt.

Abbildung 2 zeigt die Einwohnerzahl Deutschlands im Jahr 2009 nach Altersgruppen aufgeschlüsselt. Die Altersgruppe der 18- bis 64-jährigen umfasste 51.418.000 Personen, davon waren 47.361.000 Personen unter 60 Jahre und 4.057.000 Personen älter als 60 Jahre. Von letzteren (5 Jahrgänge) überschritten in vier Jahren 80% oder etwa 3.246.000 Personen das 65. Lebensjahr und waren somit im Jahr 2012 nicht mehr Teilmenge der 18- bis 64-jährigen Personen. Dafür sind 3.334.000 Personen, die 2009 zur Gruppe der Jugendlichen von 14 bis unter 18 Jahren gehörten, im Jahr 2012 durch ihr älter werden, zur Gruppe der 18- bis 64-jährigen Personen hinzu gekommen. Durch ein positives Wanderungssaldo (mehr Zu- als Abwanderung) von 174.000 Personen ist die Gruppe der 18- bis 64-jährigen im Jahr 2012 auf insgesamt 51.680.000 Personen angewachsen. Nicht berücksichtigt wurden hierbei die Sterbefälle, die in der Altersgruppe der 18- bis 64-jährigen pro Jahr mit etwa 125.000 Todesfällen, also in vier Jahren mit insgesamt 500.000 Todesfällen, zu verzeichnen sind. Diese wurden vollständig durch Zuwanderung in dieser Altersgruppe ausgeglichen. Die Bevölkerungsfortschreibung erfolgt hier ohne Berücksichtigung des Zensus 2011.

In der Folge werden jetzt die gegebenen Daten zum Wandel in der Bevölkerung mit den Anteilen der Personen in verschiedenen Altersgruppen bezüglich ihrer Erfahrungen mit illegalisierten Drogen abgeglichen.

Lebenszeitprävalenz des Konsums illegalisierter Drogen in Deutschland im Jahr 2009

Abbildung 3 zeigt die Lebenszeitprävalenz des Konsums illegalisierter Drogen in Deutschland in Prozentwerten für verschiedene Altersgruppen für das Kalenderjahr 2009 gemäß ESA-Befragung. Von den 25- bis 29-jährigen Personen hatten 45,2% solche Erfahrungen gesammelt, von den 60- bis 64-jährigen Personen jedoch nur 7,2%.

Im Zeitraum von 2009 bis 2012 sind 3.246.000 Personen, von denen im Durchschnitt 7,2% Erfahrungen mit illegalisierten Drogen hatten, also etwa 234.000 Personen, aus der Gruppe der 18- bis 64-jährigen Personen mit Drogenerfahrung herausgewachsen. Hinzugekommen sind 3.334.000 Jugendliche, von denen im Jahresdurchschnitt etwa 25% beim 18. Geburtstag Erfahrungen mit illegalisierten Drogen hatten, also 833.500 Personen mit Drogenerfahrung. Durch das positive Wanderungssaldo von 174.000 Personen und unter der Annahme, dass die Zuwanderer ein ähnliches Verhaltensmuster beim Drogenkonsum an den Tag legten wie die Alteingesessenen, kamen nochmals 46.500 Personen mit Drogenerfahrung hinzu (26,7% von 174.000). Insgesamt ist aufgrund der statistischen Fortschreibung anzunehmen, dass von 2009 bis 2012 die Zahl der Personen im Alter von 18 bis 64 Jahre, die Erfahrungen mit illegalisierten Drogen hatten, um 646.000 angestiegen ist.

(833.500 + 46.500 – 234.000 = 646.000).

Gemäß der – rein logisch aufgebauten – statistischen Fortschreibung stieg die Zahl der Personen, die Erfahrungen mit illegalisierten Drogen haben, in der Altersgruppe der 18- bis 64-jährigen Personen in den letzten vier Jahren von 13.729.000 auf 14.375.000 Personen respektive um 4,7%. Gemäß der epidemiologischen ESA-Umfrage aus dem Jahr 2012 soll sich diese Zahl jedoch um 1.378.000 respektive um 10% reduziert haben. Gemäß der statistischen Fortschreibung ist die Zahl derer, die Erfahrungen mit illegalisierten Drogen haben, um mehr als zwei Millionen (genauer um 2.024.000) oder um 16,4% größer, als es die Schätzung gemäß ESA-Umfrage aus dem Jahr 2012  vermuten lässt.

Es sei hier noch angemerkt, dass es sich hier immer um Minimalschätzungen zur Prävalenz des Konsums illegalisierter Drogen in Deutschland handelt. Die Daten sind somit mit Vorsicht zu betrachten. Die Unterschiede zwischen den Ergebnissen von zwei aufeinanderfolgenden ESA-Umfragen und der statistischen Fortschreibung der ersten dieser beiden Umfragen zeigen, wie groß die Abweichungen im Ergebnis ausfallen können. Eines kann jedoch aufgrund der Datenanalyse mit Sicherheit festgestellt werden: Im Zeitraum von 2009 bis 2012 hat die Zahl der Personen in Deutschland, die Erfahrungen mit illegalisierten Drogen haben, zu- und nicht abgenommen.

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https://blogs.taz.de/drogerie/2013/11/07/fragliche-umfragewerte-zum-drogenkonsum/

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kommentare

  • Sehr geehrte „DBDD“, wenn soviele Leute in Deutschland Drogen konsumieren, sollte man doch wenigstens Haschisch & Marijuana legalisieren. Nach meiner Meinung.

  • Es fehlt – in der Statistik wie im Kommentar – der Hinweis auf die mathematische Unsicherheit der Statistik.

  • Die Schickimicki – Schnupfdosen mit ihrem hohen Einkommen in den Villenvororten halten den Drogenhandel am Laufen ….

  • Über die Aussagekraft offizieller telefonischer Umfragen zum Drogenkonsum

    Bis lang stiegen in allen Publikationen der DBDD veröffentlicht in den Zahlen der ESA der %-Anteil in der Gesamt-Bevölkerung von 18-65 Jahre mit einer Lebenszeit-Konsumerfahrung (LZ-KE) zu irgendeiner illegalen Droge seit den 1970er bzw. 80er Jahren logischerweise stetig an.
    Der Vergleich der Erhebungen der Jahre 2012 zu 2009 erstmalig dargestellte Rückgang der LZ-KE zu irgendeiner Droge von 26,7 % auf 23,9 % respektive von 13,7 Mio. auf 12,3 Mio. (Differenz 1,4 Mio.) ist logisch nicht erklärbar, allenfalls wenn jene fehlenden 1,4 Mio. 18-65-Jährigen in diesen 3 Jahren alle verstorben wären … ?
    Diese beiden Erhebungen im Jahres-Vergleich sind zugleich der erste stringente Beweis! dafür, dass jene Erhebungsbefragungen zum Konsum einer illegalen Droge (nicht jeder gibt einen auch nur ehemaligen Drogenkonsum in einer angeblich „anonymen“ Telefonbefragung zu) zu einem großen %-Anteil der Antworten falsch sind, und deshalb sind alle diese %-Zahlen zum Drogenkonsum allenfalls auch nur grobe „Schätzwerte“ mit der Tendenz ein Drittel mehr (bei Cannabis) bis das Doppelte (bei Kokain) an realer Konsumerfahrungen in der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu diesen „offiziellen“ Erhebungsdaten. Bislang gab es für die Fehlerhaftigkeit von derartigen telefonischen Drogenkonsum-Befragungen noch keine Beweise, sondern nur verschiedene Indizien, etwa a) durch Abwasser-Analysen zum Kokain-Verbrauch und Vergleich offizieller Konsum-Daten oder b) durch einen Vergleich von anderen derartigen Telefonumfragen (über tns-Emnid) mit diesbezüglichen großen Internetumfragen, welche beide das Drogenforschungsinstitut INEIDFO wiederholt durchführen ließ, und deren widersprüchlichen Ergebnisse bereits öffentlich diskutiert wurden (Eul und Stöver: Konsumerfahrungen zu Cannabis und anderen Drogen bei der Bevölkerung in Deutschland. Konturen, 5-2011, S. 34-40, Artikel als pdf beim Drogen-Journal „Konturen“ oder unter: info@ineidfo.de).

    Essenz:
    Telefonische Meinungsumfragen zur gewünschten rechtlichen Einstellung zu einer illegalen Droge mögen noch zu 90-100 % wahrheitsgemäß und deshalb repräsentativ sein, derartige Umfragen zur Konsumerfahrung (insbesondere zu eher „heiklen“ Drogen wie Kokain etc.) sind es aber deutlich nicht mehr ….

    Joachim Eul, INEIDFO

  • Sehr geehrter Hans Cousto,

    vielen dank für die unvoreingenommenen Blogs zum Thema Drogen allgemein.
    Vielleicht sollte jemand wie Sie den Job von Frau M. Dyckmanns übernehmen.
    Dann würden den Tatsachen mal ins Auge gesehen werden, anstatt eine Lüge nach der anderen zu verbreiten.

    DANKE.

  • Es ist ja ohnehin sehr fragwürdig, nur die Konsumentenzahlen in der Bevölkerung von 18 bis 64 Jahren zu ermitteln. Auch die Aufteilung in Abb. 3 ist merkwürdig gewählt, da manche Balken 5 Jahre, andere 10 Jahre repräsentieren. Meiner Meinung nach wird dadurch bewusst eine Verlagerung des „Problems“ auf die jüngere Generation vorgetäuscht.
    Mal ganz davon abgesehen, dass die Menschen mit 65 Jahren natürlich nicht auf einmal aufhören, Drogen zu konsumieren.
    Danke für den Artikel und allgemein für diesen Blog, es ist schön, mittlerweile immer öfters sachliche und auf ehrliche Aufklärung setzende Artikel zu lesen. Wäre nur zu wünschen, dass auch in der eigentlichen taz das Thema Drogen immer so sachlich behandelt würde.

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