vonTatjana Frank 17.05.2021

Empowerment

Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit. Vieles wurde erreicht, vieles muss noch erreicht werden. Ich beleuchte die relevantesten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

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Täglich fühlen sich Frauen in ihrer Sicherheit bedroht. Aus welchem Grund ist es für Männer schwierig, dabei ihre Rolle zu reflektieren – und ein anderes Verhalten zu zeigen?

Von Italo Calvino gibt es die schöne Kurzgeschichte, der den Titel „Der nackte Busen“ aufweist. Am Strand geht darin Herr Palomar spazieren. Dann sieht Herr Palomar eine Frau, die am Strand oben ohne liegt und sich sonnt. Er starrt stur geradeaus, während er an der Frau vorbeigeht, damit diese sich durch seine Anwesenheit nicht gestört fühlt. Herr Palomar ärgert sich im Nachhinein, denn er hat erstens das Gefühl, dass es sich hierbei von ihm um eine ziemlich verklemmte Aktion handelt und er hätte zweitens einfach gerne geguckt. Die Frau liegt zum Glück nach wie vor in der Sonne, als sich Herr Palomar auf dem Rückweg befindet. Er schaut ihr diesmal ganz beiläufig auf ihre Brüste, ebenso, wie er davor die Wellen, die Bäume und die Wolken betrachtet hat. Herrn Palomar scheint aber auch das kein richtiges Verhalten zu sein. Schließlich sind Brüste ja nicht mit Bäumen zu vergleichen. Schließlich sind diese doch viel mehr, in Wahrheit ist es ein Ausdruck der männergemachten Weltordnung und der Prüderie, welches das Weibliche nicht ausreichend würdigt.

Also nimmt er seinen Mut zusammen, dreht sich um und läuft an der Frau ein drittes Mal vorbei. Dieses Mal starrt er mit Freude und Ehrfurcht sowie ohne Hemmungen ihren Busen an. Daraufhin schnappt sich die Frau ihre Kleidung und läuft weg. Darüber ist Herr Palomar etwas angepisst und er denkt sich: Ein aufgeklärter Mann zu sein ist schwierig, es ist schade, wie grob sein reines Herz missverstanden wurde. Diese Erzählung wurde 1983 verfasst, doch es handelt sich dabei auch in heutiger Zeit noch für eine gelungene Parabel, die aufzeigt, wie sich Männer mit dem Thema Sexismus auseinandersetzen. Dieses ist oberflächlich, empathielos und scheinheilig. Typen nehmen nicht selten daran teil, damit sie sich selbst bestätigen können, dass sie im Grunde ganz ok sind. Und eventuell eine dieser heißen Feministinnen kennenlernen zu können.

Daran hat die #Me-Too-Bewegung nichts geändert. In London wird an der 33-jährigen Sarah E. der Mord nichts ändern. Auch werden daran in Atlanta die Anschläge auf Massagesalons nichts ändern. Am Verhalten der Männer ändert sich auch nichts, wenn in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau statistisch gesehen von ihrem Ex-Partner oder Partner ermordet wird. Dass in Europa jede vierte Frau laut einer EU-Studie in ihrem Leben irgendwann ein Opfer sexueller Gewalt wird, dass bei nahezu jedem Besuch in einem Club oder in einer Bar Frauen sexuell belästigt werden, ändert auch nichts daran. In Partnerschaften sind bei sexueller Nötigung und Vergewaltigung laut BKA die Opfer zu mehr als 98 Prozent Frauen und bei Bedrohung in der Partnerschaft und Stalking sind es 89 Prozent. Dabei schätzen Experten, dass von den Frauen, die Vorfälle wie diese erleiden müssen, lediglich fünf bis 15 Prozent sie zur Anzeige bringen. Trotz dieser Zahlen sind sich Männer meist nicht einmal dessen bewusst, dass sich Frauen beständig mit Fragen zu der eigenen Sicherheit befassen müssen. Auch fragen sich viele Männer nicht, welche Rolle sie hierbei spielen. Schließlich leben Männer in einer anderen Welt als die Frauen. Der Autor fühlt zwei Dinge, während er das schreibt: Verwirrung und Scham. Scham, weil der Autor sich nicht besser sieht als die Männer, über die er schreibt. Das meint er nicht als Floskel, es handelt sich dabei also nicht um einen Trick aus einem Rhetorikhandbuch. Er hat bis auf wenige private Versuche, sich mit Sexismus zu beschäftigen, nichts vorzuweisen. Und diesen Text würde der Autor ohne Bezahlung nicht schreiben, so ehrlich will er sein. 

Männer würden natürlich etwas gewinnen, wenn sie in der Gesellschaft die Gründe für Sexismus beheben könnten. Ohne ihren Maskulinitätsmist könnten sie auch glücklicher und freier werden. Doch sie haben nicht einfach ausreichend zu verlieren, damit sie sich ändern würden. Denn das, was erforderlich ist, ist letztlich, sich zu verändern und an sich zu arbeiten. Zum Beispiel das Zuhören lernen. Mit ihrem Fehlverhalten andere Männer konfrontieren. Vergewaltiger kennen alle. Und von diesen kommen fast alle einfach davon. Und der Herr Palomar? Wie er reagieren sollte, wenn er die frische Morgenluft genießend in der früh um vier Uhr in der Stadt durch die leeren Straßen schlendert und er eine telefonierende Frau sieht? Er sollte sich klein machen, Abstand halten und deutlich machen, dass er gerade nicht an ihren Arsch oder Busen denkt. Vielmehr sollte er an ihr Gefühl denken, dass sie sicher ist und er das Privileg hat, darüber entscheiden zu können.

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