vonTatjana Frank 15.04.2021

Empowerment

Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit. Vieles wurde erreicht, vieles muss noch erreicht werden. Ich beleuchte die relevantesten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

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Es handelt sich leidglich um eine Zahl: 135,6 Jahre. Die Gleichberechtigung hat Corona um Jahrzehnte zurückgeworfen. Es wird im Durchschnitt noch 135,6 Jahre dauern, bis eine Geschlechtergerechtigkeit erreicht werden kann.

Laut Weltwirtschaftsforum (WEF) hat die Corona-Pandemie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern um Jahrzehnte zurückgeworfen. In einem aktuellen Bericht teilte das Forum mit, es dürfte noch 135,6 Jahre lang dauern, bis die Frauen zu ihren männlichen Mitbürgern bei der Gleichbehandlung aufschließen. Das WEF war vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Dezember 2019 noch davon ausgegangen, dass sich in 99,5 Jahren der Gender Gap schließen könnte. Inzwischen soll es sogar 36 Jahre länger dauern.Frauen habe die globale Corona-Krise im Vergleich zu Männern ungleich höher belastet, weil sie öfter ihre Arbeit verloren und bei geschlossenen Kitas und Schulen mehr Betreuungsarbeit gehabt hätten. Langfristig würden diese Folgen spürbar sein, teilte das Weltwirtschaftsforum mit.

Saadia Zahidi, die WEF Geschäftsführerin, beklagte in einer virtuellen Pressekonferenz, dass vielerorts die Menschen zuhause in traditionelle Verhaltensmuster zurückgefallen seien. Zudem seien arbeitende Frauen durch doppelte Schichten belastet worden. Eine weitere Generation von Frauen werden nun auf Geschlechtergleichheit warten müssen. Die Unterschiede der Geschlechter umschreibt der Gender Gap mit Blick auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Teilhabe und Anerkennung. Eine Rolle spielen auch der Zugang zu Bildung und die Lebenserwartung. Den Global Gender Gap erstellt das WEF, das in Genf ansässig ist, anhand der vier Kriterien Gesundheit, Wirtschaft, Bildung und politische Teilhabe.

Das Gegensteuern der Frauen

Das WEF sieht es positiv, dass Frauen in den Bereichen Gesundheit und Bildung zunehmend aufschließen. Auch aufgrund der Pandemie rechnet das Forum jedoch mit einer völligen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz erst in etwa 268 Jahren. Dabei verwiesen die Experten auf eine UN-Studie, woraus ersichtlich wird, dass Frauen in solchen Berufen überproportional vertreten sind, die besonders von den Lockdown-Maßnahmen betroffen sind.Dem WEF bereitet auch die Entwicklung im politischen Bereich Sorge – die Lücke wachse dort: Weltweit werde noch immer lediglich ungefähr ein Viertel der Parlamentssitze von Frauen besetzt. Weltweit sitzen etwa 22,6 Prozent Frauen auf Ministeriumsposten.

Insgesamt gibt es dabei laut WEF große Unterschiede zwischen den Regionen und Ländern. Zwar dürfte es in Westeuropa gelingen, in etwa 52 Jahren die Geschlechterungerechtigkeit zu überwinden, doch im Mittleren Osten und in Nordafrika könnte es noch mehr als 142 Jahre dauern.Die nordischen Länder Norwegen, Finnland und Island stehen am fortschrittlichsten da. Auf Platz elf folgt Deutschland. Irak, Afghanistan und Jemen rangieren am unteren Ende der Skala.Von der Politik fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), beherzt gegenzusteuern, indem personennahe und soziale Berufe aufgewertet werden. In der Krise dürften Frauen nicht vom Arbeitsmarkt gedrängt werden, da sie Kinder betreuen.

Von Corona-Maßnahmen sind Frauen stärker betroffen

Die Zeit, die erforderlich ist, um zwischen den Geschlechtern die Gerechtigkeitslücke zu schließen, hat sich damit um eine ganze Generation hinweg verlängert. Regina Frey, eine Gleichstellungsberaterin für Politik und Verwaltung sagt, dass es natürlich frustrierend sei, dass sich der Zeitraum für eine Gleichstellung nicht verkürze, sondern sogar verlängere. Dies sei jedoch ein globaler Wert und Deutschland stehe nicht ganz so schlecht da. Dennoch sei das unterm Strich zu lang.In Sachen Geschlechtergerechtigkeit sei der Grund für den Rückschritt die Pandemie. Aufgrund der Corona-Krise würden vor allem solche Berufszweige geschlossen, in denen vor allem Frauen arbeiten würden wie zum Beispiel der Konsumsektor.Frauen würden häufig Angehörige pflegen, den Haushalt führen und die Kinder betreuen. Frauen hätten also überproportional viel zu tun, da pandemiebedingt Betreuungseinrichtungen geschlossen seien.

Die Ungleichheit wird durch die Pandemie verstärkt

Frey betont, dass die Corona-Pandemie wie ein Brennglas sei, das Ungleichheiten verstärke und für die Geschlechterverhältnisse gelte das gleichermaßen. Darüber hinaus würden Studien zeigen, dass Frauen, die bereits vor der Pandemie an der Betreuungsarbeit den Großteil übernommen hatten, sich in der Krise diese Ungleichverteilung zusätzlich verstärkt habe. Wenn schon vorher zwischen Frau und Mann die Aufgaben gleichmäßiger verteilt waren, sehe es in der Krise bezüglich Geschlechtergerechtigkeit auch besser aus.

Frauen in der Arbeitswelt von morgen

In der Studie schneidet Deutschland vor allem im Bereich der Lohngleichheit bei einer vergleichbaren Arbeit schlecht ab: Von 156 Ländern steht hierbei Deutschland nur auf Platz 97. Hier betrage die Lücke 38,6 Prozent. In Deutschland sei das Durchschnittseinkommen von Frauen etwa 30,2 Prozent geringer als das von Männern.Zudem sind Frauen in der Datenverarbeitung, in dem Arbeitsbereich der künstlichen Intelligenz und in Ingenieurberufen sehr wenig vertreten. Saadia Zahidi, die Geschäftsführerin vom Weltwirtschaftsforum sagt, dass Frauen in der Arbeitswelt von morgen unbedingt einen Platz erhalten müssten, sofern eine dynamische Wirtschaft in der Zukunft angestrebt werde.

Wie sollen diese strukturellen Veränderungen erreicht werden? Frey betont, dass das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. In Deutschland müssten dabei insbesondere die Rahmenbedingungen verändert werden, die für Ungleichheiten einen Anreiz geben würden: Beispielsweise eine beitragsfreie Mitversicherung oder ein Ehegattensplitting, welche bei Ehepartnern ungleiche Verdienstverhältnisse begünstigen würden. 

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