vonTatjana Frank 30.04.2021

Empowerment

Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit. Vieles wurde erreicht, vieles muss noch erreicht werden. Ich beleuchte die relevantesten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Mehr über diesen Blog

Für den Feminismus läuft es gut. Mittlerweile taucht er auf T-Shirts in goldenen Lettern als Schriftzug, auf Notizbüchern sowie in Songtexten von Stars auf. Zudem entdecken die Medien das Potenzial von feministischen Debatten und erreichen damit tolle Umsätze. Ihre Produkte bieten Mode- und Kosmetikkonzerne mithilfe des Labels „Selbstermächtigung“ erfolgreicher denn je an, wirklich alle im mittleren bis oberen Management wissen, dass es kaum noch ohne „Diversity“ geht und die Playlists bieten Musikstreamingdienste mit den „Top Feminist Songs“ an. Der geballte Feminismus in den Medien, in der Popkultur, in Netzwerktreffen und in Werbungen könnte immerhin schon irgendwann und irgendwie durchsickern, damit die Menschen davon auch in ihrem echten Leben etwas zu spüren bekommen. Das sollte etwas sein, das weit über die feministische Ästhetik und feministische Symbolik hinausgeht. Bisher ist jedoch nichts gesickert – und genau hierbei handelt es sich um das Problem.

Weshalb gerade jetzt?

Weshalb wird seit einigen Jahren der Feminismus genau von den Kreisen umarmt, die eigentlich Gegner des Feminismus waren? Die Mainstream-Medien, die Schönheitsindustrie, die Eliten und die Kulturindustrie? Wie konnte der Feminismus zu einem Produkt geformt werden, das so gut funktioniert? Es gibt zahlreiche Feminismen, die einen jeweils unterschiedlichen Fokus haben, was abseits des Labels „Feminismus“ vorliegt. Die Soziologin Christa Wichterich sagt, dass diese Vielfalt jedoch nicht Beliebigkeit bedeute, sie zeuge vielmehr von der Vielfalt feministischer Interessen- und Identitätspolitiken.Daher muss Feminismus auf der Seite von denjenigen stehen, die Formen der Diskriminierung ausgesetzt sind. Feminismus muss den Stimmen von Arbeiterinnen, schwarzen Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte, intersexuellen Menschen, Transfrauen, Lesben, Alleinerziehenden oder Geflüchteten Gehör verschaffen. Demnach muss Feminismus gegen Rassismus ebenso eintreten wie gegen Sexismus, gegen Trans- und Homofeindlichkeit sowie gegen ökonomische Ungleichheit.Kimberlé Crenshaw, die US-amerikanische Rechtsprofessorin hat den Ansatz des intersektionalen Feminismus formuliert und dieser erscheint vielen Menschen sinnvoll. Und nein, dieser Ansatz ist nicht kompliziert. Vielmehr lässt es sich unkompliziert auf die Frage verkürzen, auf welcher Seite eine Person stehen will.

Feminismus als Marke statt politische Kraft

Wie lässt sich jedoch aus Feminismus ein profitables Produkt machen? Dazu hat die Frauenbewegung manche eingängigen Slogans aus der Vergangenheit: „Our Bodies, Ourselves“, also die Forderung, dass Personen über ihren eigenen Körper entscheiden können oder dass „Privates politisch“ ist. Selbstbestimmung, Freiheit, Autonomie und Selbstermächtigung. In Bezug auf Feminismus sind diese zentralen Begriffe ebenfalls große Versprechen vom Konsumkapitalismus. Dieser stellt die schnelle Einlösung solcher Versprechen noch dazu in Aussicht. Es kann auch so gesagt werden: Ein T-Shirt mit der Aufschrift „The Future is Female“ oder „Girl Power“ ist schon einmal hilfreich. Diese schaffen ein wohliges Gefühl von Fortschritt. Dabei liefern nicht nur Produkte die verheißungsvollen Forderungen nach Selbstbestimmung, Autonomie, Freiheit und Selbstermächtigung, sie schaffen ebenso für neoliberale Praktiken einen wunderbaren Rahmen, worin im Vordergrund die Verantwortung für sich selbst steht.

Vor Jahren sagte Eva Illouz, die israelische Soziologin, dass der Feminismus von dem Kapitalismus eingenommen werde, fast schon schulterzuckend, da das in akademischen, aktivistischen und politisch-feministischen Kreisen längst bekannt ist. Darüber haben Nancy Fraser, die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Angela McRobbie gleichermaßen kompromisslos und analytisch geschrieben. Dem Ausverkauf der Frauenbewegung hat sich auch Andi Zeisler, US-amerikanische Popkultur Expertin, ausführlich gewidmet. Dabei geht dieser Ausverkauf ungehindert weiter. Deshalb muss ganz genau hingeschaut werden, wo überall sich dieser populäre, marktförmige Feminismus findet und wie sich dieser entwickelt hat. Inwiefern wirkt jeder Mensch dabei mit, dass Feminismus als Marke verwendet wird, sodass er seiner politischen Kraft beraubt wird? Den Feminismus umarmen Neoliberalismus und Kapitalismus. Inzwischen tun diese das auf eine Weise, dass dem Feminismus als politische und soziale Bewegung sogar die Luft genommen wird. Jede Vielschichtigkeit, jegliche Widersprüche, die ihn ausmachen und dessen kritischen Geist dadurch am Leben halten, kommt somit abhanden.

Sonderlicher Feminismus

Inzwischen ist der Hype um Feminismus offenkundig. Ebenso klar ist, dass bei feministischer Frauenpolitik der realpolitische Zustand in einem großen Widerspruch zu der neuen Beliebtheit des Feminismus steht. Es gibt nach wie vor gegen die Probleme keine wirkungsvolle Politik: In Branchen mit vielen Frauen werden miese Löhne gezahlt, im Alter gibt es eine hohe Frauenarmut und Frauen machen immer noch die Arbeiten, die immer gebraucht werden, wofür jedoch niemand zahlt wie das Putzen, Umsorgen, Pflegen und so weiter.Es gibt bei alldem keine Fortschritte. In den meisten Ländern werden sich Ungerechtigkeiten wegen der Corona-Pandemie noch verschärfen. Für die Auswirkungen von der Klimakrise gilt das auch: Von dieser sind ärmere Bevölkerungsschichten weitaus stärker betroffen. Von den Menschen, die ihre Heimat wegen des Klimawandels verlassen müssen, sind 80 Prozent Frauen. In den ganzen Jahren, in welchen Feminismus in die Serien, Medien, Filme und Werbung eingezogen ist und für Selbstmarketing mit einem politischen Touch immer mehr zum Label wurde, sind gleichbleibend viele Frauen durch den Partner ermordet worden und die große Lücke von 40 Prozent der Pensionen von Frauen und Männern nicht verkleinert. 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/empowerment/ist-der-feminismus-nur-noch-eine-modeerscheinung/

aktuell auf taz.de

kommentare