vonTatjana Frank 14.04.2021

Empowerment

Die Stellung der Frau im Wandel der Zeit. Vieles wurde erreicht, vieles muss noch erreicht werden. Ich beleuchte die relevantesten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

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Die Amtszeit der Bundeskanzlerin ist bald vorbei. Sie hat zweifellos Geschichte geschrieben. Doch sie hinterlässt leider kein feministisches Erbe.

Wer sich über das weibliche und feministische Erbe von Angela Merkel informieren will, für den könnte es sich lohnen, die Bundeskanzlerin, die bald aus dem Amt scheidet, mit einem anderen Politiker der letzten Jahre zu vergleichen, der wohl am einflussreichsten war: Die Rede ist von Barack Obama. 

Barack Obama ist zwar ein Mann, doch sein politischer Aufstieg zum Präsidenten der Vereinigten Staaten als erster afroamerikanischer Mann war ähnlich wie der politische Aufstieg von Angela Merkel als eine Frau nicht vorauszusehen. Diese Ereignisse geschahen vielmehr entgegen der allgemeinhin angenommenen Gegebenheiten. Die Regeln brach Obama genauso wie Merkel. Er als ein Afroamerikaner, sie als eine Frau. Dies soll nicht bedeuten, dass das dasselbe ist, doch in manchen Punkten lassen sich Politiker vergleichen. Denn in der Art und Weise, wie sie ihre Ämter ausführten, wurden beide häufig als Vertreter der gesellschaftlichen Gruppen, die sie repräsentierten, interpretiert. Dabei war es einerlei, ob sie das so wollten oder nicht. Für die Geschichte der Schwarzen weltweit stellt Barack Obama eine kaum zu unterschätzende Bedeutung dar, ebenso wie Angela Merkel in der Historie der Frauen ein führender Platz sicher ist. Sie führt seit dem Jahr 2006 die Liste der mächtigsten Frauen der Welt (vom britischen Wirtschaftsmagazin Forbes herausgegeben) beinahe ununterbrochen an. Nur einmal zog Michelle Obama im Jahr 2010 an ihr vorbei. Zweifellos ist ein Grund für Merkels jahrelange Dominanz, dass es nach wie vor zu wenige ähnlich einflussreiche Frauen weltweit gibt. Während der Amtszeit von Donald Trump haben ihr liberale US-Amerikaner sogar den respektvollen Titel „Leader of the Free World“ überreicht. 

Der promovierten Physikerin, die in der Uckermark aufgewachsen ist, liegt es nicht, sich als mächtigste Frau der Welt zu inszenieren. Sie verkörperte eher lange Zeit einen pragmatischen und ostdeutschen Feminismus nach dem Motto „Ich-stehe-meinen-Mann“. Streng genommen verdient dieser Umstand das Wort Feminismus nicht. Mit einer Alice Schwarzer, die einem kämpferischen Feminismus, das politisch lange Zeit eher links beheimatet war, hat die Bundeskanzlerin stets gefremdelt. Es hat zwischen diesen beiden Frauen nie wirklich gefunkt. Merkel schätzt mehr die Intellektualität der Annette Schavan. Ob Angela Merkel nun ein feministisches Erbe hinterlässt, kann durch ihr sympathisches und bescheidenes Auftreten nicht so einfach beantworten lassen. Natürlich lässt sich nicht sagen, dass unter der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bereich der Frauenrechte nichts passiert wäre. Das Elterngeld wurde 2007 eingeführt. Es gibt seit 2016 für Vorstände von börsennotierten Unternehmen die 30 Prozent Frauenquote. Das Verteidigungsministerium haben unter Angela Merkel Ursula von der Leyen und auch Annegret Kramp-Karrenbauer übernommen. Von der Leyen wurde außerdem als erste weibliche Person EU-Kommissionspräsidentin und Kramp-Karrenbauer wurde zumindest für kurze Zeit als zweite Frau die CDU-Vorsitzende. Mit Sicherheit lässt sich jedoch nicht sagen, ob all dies nicht auch ohne die Bundeskanzlerin passiert wäre. Schließlich hat sich der Zeitgeist verändert. In heutiger Zeit werden feministische Debatten viel selbstbewusster geführt als vor zehn Jahren.

In der CDU hat sich zugleich der Anteil von Frauen nicht nennenswert erhöht. Dabei ist in dieser Legislatur im Bundestag der Anteil von Frauen niedriger als in den letzten Jahren, auch, weil nun die AfD-Fraktion mit zahlreichen Männern ebenfalls zum Bundestag gehört. Die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes zwischen Frauen und Männern ist nicht bedeutend kleiner geworden. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich zwischen den Geschlechtern der Vermögensunterschied sogar erhöht. Im Jahr 2019 war in diesem Land laut statistischem Bundesamt lediglich jede dritte Frau eine Führungskraft. Seit 2012 entspricht das einer Zunahme von nur 0,8 Prozent. Alleinerziehende Mütter hingegen arbeiten länger und öfter als andere Frauen und sind dennoch von Armut wie keine andere gesellschaftliche Gruppe bedroht.

Die mehr als 16 Jahre lange Kanzlerschaft Angela Merkels hat also den Frauen in diesem Land rein ökonomisch betrachtet nicht wirklich viel gebracht. Vor allem prägt neben eher kleinen sichtbaren Veränderungen Stagnation das aktuelle Bild. Hierzulande kommt es letztlich darauf an, ob die Bürger ebenso wie die US-Amerikaner dieselben Lehren aus den vergangenen Jahren ziehen. Kein Präsident kann allein Rassismus bekämpfen, ganz gleich, ob er schwarz oder weiß ist. Ebenso kann es nicht die Aufgabe von nur einer Frau oder einem einzelnen Mann sein, zwischen den Geschlechtern eine wirkliche und nicht lediglich behauptete Gleichberechtigung herzustellen. Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig paradox klingt, liegt sogar eine Chance in dem Ende von Angela Merkels Ära. Vor allem, weil sie viele vermissen werden, insbesondere, da sie als Frau so beeindruckend ihren Mann gestanden hat. Dieser Erfolg als Frau lässt doch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

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