Alle diskutieren darüber, aber noch niemand hat sie gelesen – dem Papst ergeht es wie Bruder Sarrazin. Das muss ein Ende haben: Übermittelt vom pontifikalen Redenschreiber Anselmus Neft SJ und mit göttlichem Beistand ist der Reptilienfonds weltexklusiv in der glücklichen Lage, das Manuskript der Rede des Papstes, die dieser am morgigen Donnerstag vor dem deutschen Bundestag halten wird, vorab zu veröffentlichen:
Sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist für mich ein besonderer Moment, vor dem deutschen Bundestag zu sprechen. Doch stehe ich hier als politisches oder als religiöses Oberhaupt des Vatikanstaates? Und was verbindet Politik und katholische Kirche heute in Deutschland überhaupt noch miteinander? Ich stehe hier als Stellvertreter einer Gemeinschaft, die einen Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung in sich verwahrt, der für die ganze Menschheit von Bedeutung ist. Dabei ist jedoch nicht zu übersehen: Das Katholische ist in Deutschland zu einer Stimme unter vielen geworden. Der Staat begreift sich längst als weltanschaulich neutral und garantiert die Glaubensfreiheit. Dazu gehört auch die Freiheit, nicht an Gott zu glauben, sondern sich selbst und den Mammon an dessen Stelle zu setzen. Doch da, wo alles möglich ist, wo alles als gleich gilt, da wird auch schnell alles gleichgültig. Das ist es, was die katholische Kirche meint, wenn sie von einer Diktatur des Relativismus spricht.
Doch liegt in dieser Entwicklung auch eine große Chance: Wie wir erst nach dem Sündenfall ein freiwilliges und authentisches „Ja“ zu Gott sagen können, können wir uns in der obdachlosen Demokratie ohne äußeren Zwang auf unsere wahre Heimat besinnen. So betrachtet ist der demokratische Zeitgeist eine felix culpa, eine glückliche Schuld also, da aus der vorübergehenden Verwirrung eine größere Klarheit erwachsen und schließlich die verwirrte Diktatur des Relativen einer entwirrten Diktatur des Absoluten weichen kann.
Es ist wahr: In Deutschland sind Staat und Kirche nicht in jeder Hinsicht getrennt. Noch gibt es zwei große Parteien, die das Wort „christlich“ in ihrem Namen tragen. Auch zieht der Staat die Kirchensteuer ein und finanziert aus Einkommenssteuer, nicht aus Kirchensteuer, zum Beispiel diesen Papstbesuch, die Arbeit der Caritas und etwa 90 % der Kosten katholischer Schulen, Krankenhäuser und Altersheime. In diesen staatlich finanzierten Einrichtungen kann die Kirche nach ihren Maßstäben entscheiden, wen sie einstellt und wen nicht. Ich danke an dieser Stelle herzlich dem deutschen Steuerzahler, gleich welchen Glaubens, dass er mit seinem großzügigen Steuergeschenk zum Ausdruck bringt: Ja, ich sehne mich nach Verbundenheit mit dem wahren Glauben. Auch das ist Politik.
Jedoch keine Politik, die den jeweils modischen Stimmungsschwankungen einer orientierungslosen säkularen Mehrheit zu Willen ist, sondern die sich allein der Wahrheit verpflichtet. Das führt beizeiten zu Spannungen. Um ein Beispiel zu geben: Manche kritisieren, dass der Vatikanstaat neben Weißrussland der einzige europäische Staat ist, der die Menschenrechtscharta nicht unterzeichnet hat. Die katholische Kirche tritt weltweit für Menschenrechte ein, „Menschenrechte“ heißt für uns aber nicht „Frauenrechte“ und darf also nicht heißen, die gottgewollten Unterschiede der Geschlechter einzuebnen. Mann und Frau haben vor Gott den gleichen Wert, aber ihre Aufgaben im Schöpfungsplan unterscheiden sich. Seit ein paar Jahrzehnten mehren sich Spekulationen im wissenschaftlichen Gewand, die von „Gender“ sprechen, als seien männlich und weiblich nur gesellschaftliche Konstrukte. Da heißt es, die in der Genesis von Gott angeordnete Herrschaft des Mannes über die Frau sei bloße Ideologie. Hier muss die Kirche ihrerseits die Wahrheit gegen eine aggressive atheistische Ideologie verteidigen.
Auch aus den eigenen Reihen wird immer wieder gefordert, Frauen den Zugang zum Priesteramt zu öffnen. Doch die Antwort lautet: Non possumus. Wir können nicht. Wenn Papst Johannes Paul II. 1994 in seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ ausdrückt, dass es keine Frauenordination geben wird, so können wir das nicht wenige Jahre später ignorieren.
Anders verhält es sich, wenn beispielsweise Papst Innozenz IV. im Jahr 1252 die Folter wieder in die mittelalterliche Rechtspraxis einführt. Hier können wir sagen: Kohärenz bedeutet nicht ein Einschließen in ein System, sondern vielmehr dynamische Treue zu einem empfangenden Licht. Und während der Kampf gegen die Ketzer dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist, steht der Lehrsatz von der Unfähigkeit der Frau zum Priestertum in einer langen und gedanklich tiefen Tradition. Wenn der Priester beim Sakrament der Wandlung in persona Christi handelt, so muss er wie dieser ein Mann sein.
Nun könnte man auch verlangen, dass er wie dieser ein Jude sein muss, oder ein guter Familienvater, wie es Paulus für Bischöfe in 1. Timotheus 3, 4 fordert. Aber so, wie Letzteres nur der damalige, vom Judentum geprägte Zeitgeist gewesen ist, so ist das Volk, aus dem jemand stammt, nur ein Akzidens, etwas Zufälliges und Oberflächliches also. Es ist dieser klare Geist, der uns sagen lässt: Wenn es im Frühchristentum noch weibliche Diakone gab, so ist das kein Grund, warum es sie heute geben sollte. Die Kirche begegnet jeder Verwischung der Geschlechter mit Misstrauen. Daher spricht sie sich gegen Männer aus, die sich in Frauenkleider hüllen und Sopran singen, und ebenso gegen Frauen, die glauben, Männerfrisuren tragen und der Ehe entfliehen zu müssen. Etwas anderes gilt für Priester und Nonnen, die in der Nachfolge Christi allem Geschlechtlichen entraten und auf eine heile Welt jenseits der Sexualität verweisen. Denn die nicht gelebte Sexualität steht weit mehr in der Nachfolge Christi als die geordnete Sexualität in einer Ehe, ist doch das Geschlechtliche Ausdruck der erbsündigen Natur des Menschen und kam zusammen mit dem Tod über uns.
Und so kann Jesus also nur von einer Frau geboren worden sein, die ihn nicht durch den befleckten Akt des Verkehrs empfangen hat und die selbst unbefleckt empfangen wurde. Dies mag für den religiös Unmusikalischen verwirrend klingen, wer aber den Segnungen einer katholischen Erziehung teilhaftig wird, versteht bald, wie Vernunft und Glaube zusammengehören.
Allerdings müssen wir auf der Hut sein, nicht in die Falle unserer alten Herausforderin und Feindin – der Gnosis – zu tappen, die mit der Sexualität die göttliche Schöpfung mitverdammt hat. Wir müssen betonen, dass die Geschlechtslust etwas Gottgewolltes ist, wenn sie nicht um ihrer selbst willen angestrebt wird.
In brevis: Gott hat uns so gemacht, wie wir sind, und dafür sollten wir ihn um Vergebung bitten. Aus diesem Geist der Vergebung heraus lehnt die katholische Kirche ab, was dem Menschen schadet und ihn vom Ideal entfernt. Dazu zählen nicht nur die ausgeübte Homosexualität und das selbstbezogene Laster der Masturbation. Wir müssen auch Eheleute mahnen, keinen genitalen Verkehr zu haben, wenn die Frau nicht oder nicht mehr gebären oder der Mann nicht oder nicht mehr zeugen kann. Viel zu oft wird übersehen, dass nicht nur Sex vor der Ehe eine Sünde und in der Ehe eine Pflicht ist, sondern auch, dass diese Pflicht nach den Wechseljahren der Ehefrau wieder zur Sünde wird. Keine Sorge, dies war ein kleiner Scherz. Auch der Papst weiß einen Jux zu setzen. Gemäß der Enzyklika humanae vitae bleiben jene Akte auch sittlich erlaubt bei vorauszusehender Unfruchtbarkeit, wenn deren Ursache keineswegs im Willen der Gatten liegt.
Dies gilt jedoch nicht für die homosexuellen Neigungen. Nur unausgelebt sind sie nicht sündhaft, und daran erkrankten Menschen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Vielen Menschen, die Angst vor Sexualität haben, in ihren Aggressionen gehemmt sind, die sich ihrer Geschlechtlichkeit schämen und die sich in ihrer gottgegebenen Existenz als Mann oder Frau unwohl fühlen, bietet die Kirche einen Platz in einem ihrer Orden oder einem klerikalen Amt. So kehren viele Männer aus den Armen einer behütenden und sie zum Engel oder Messias verklärenden, frommen Mutter in die Arme der Kirche, in der sie rundum versorgt werden und die ganz besondere Aura des Priesters erhalten. Dabei dürfen sie in dem sexuell unschuldigen Zustand des Kindes verweilen. Mir kam zu Ohren, dass tatsächlich auch immer wieder einmal Männer mit homosexuellen Neigungen das Priesteramt anstreben. Ideal ist es, diesen Neigungen zu widerstehen. Wo dies nicht erreicht wird, ist zumindest Stillschweigen zu bewahren, damit nicht andere ermuntert werden. Auch gäbe die Kirche ein wichtiges Instrument der Disziplinierung aus der Hand, wenn Sünden wie Masturbation, gelebte Homosexualität oder Pädophilie aus dem Schatten des Innerkirchlichen an das grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt würden. Hier hat die katholische Kirche eine große Verantwortung.
Seitdem sich die dunklen Wolken des Missbrauchsskandals auch über ihr zusammenziehen, ist es unabdingbar nötig, dass künftige Kleriker gewissenhaft geprüft werden. So ist der Seminarist zu fragen, ob er homosexuelle oder pädophile Neigungen in sich spürt. Bejaht er, so muss er gefragt werden, ob er beabsichtigt, diese künftig auch einmal auszuleben. Bejaht er auch dies, so ist er für die Arbeit in der Kirche als ungeeignet zu betrachten und darf nicht geweiht werden.
Wenn wir nach den Ursachen des Missbrauchs fragen, der hinter Klostermauern, in katholischen Internaten und auf Messdienerfahrten stattgefunden hat, so dürfen wir abermals nicht den Zeitgeist aus den Augen verlieren. Seit sich die Kirche mehr und mehr als eine Kirche der Liebe versteht, greift das Kirchenrecht nicht mehr mit der nötigen Härte. Zwar wissen wir nicht, ob es vor den 68ern nicht vielleicht sogar mehr und grausamere Übergriffe gegen Schutzbefohlene gab, aber zumindest wissen wir, dass davon weniger in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Auch war das Bewusstsein ja ein ganz anderes, und Dinge, die dem heutigen Zeitgeist als schrecklich erscheinen, wie zum Beispiel das Schlagen von Kindern, galten damals als normal. Die eigentlichen Probleme beginnen also mit der Laxheit der neuen Zeit, in der man sogar in der katholischen Kirche über Sexualität spricht, so dass es zu dem Skandal kommen musste.
Noch am 18. Mai 2001 habe ich in meiner Funktion als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation versucht, das Schlimmste zu verhindern, und ein Schreiben über schwere Vergehen an alle regierenden Bischöfen, Ordinarien, Hierarchen und Oberen versendet. Darin wird Unzucht mit Minderjährigen unter das „Secretum Pontificium“, das päpstliche Geheimnis, gestellt. Dies schließt eine Anzeige an die weltliche Justiz nicht aus, aber es ist nicht die Aufgabe der katholischen Kirche, sich selbst anzuzeigen. Als dann die Missbrauchsfälle in den USA, in Irland und schließlich auch in Belgien und Deutschland an die Öffentlichkeit kamen und nicht mehr zu leugnen waren, habe ich sofort gehandelt und die Vorkommnisse nicht nur öffentlich verdammt, sondern schließlich auch verkündet, dass offenbar der Teufel den Klerus im Priesterjahr 2010 besonders schwer prüfen wollte.
Die Rede vom Teufel mag selbst echten Katholiken mittlerweile gestrig erscheinen, und ich möchte hier nicht vom Satan als einer Person reden. Aber die Idee des absoluten Bösen ist unabdingbar, wenn wir am absoluten Guten festhalten wollen. Und irgendwoher muss der Schmutz in der Schöpfung unseres guten, allmächtigen Gottes ja kommen. Der altböse Feind scheint heute stärker zu wirken denn je, sei es, weil er die Menschen verführt, die Umwelt zu zerstören, sich mit HIV zu infizieren oder Finanzmärkte zu entfesseln, die nur wenigen nutzen und vielen schaden. Hier stellt sich die Kirche mutig hin und sagt ein entschlossenes „Nein“. Wer Gott aus seinem Horizont ausschließt, der bekommt ein schiefes Bild von der Wirklichkeit und kann nur auf dem falschen Weg landen, mit den falschen Rezepten in der Hand. Ein Humanismus ohne Gott ist nicht nur ungöttlich, er ist auch unmenschlich. Unsere erste grundlegende Aussage ist darum: Nur wer Gott anerkennt, kennt die Realität und kann auf sie adäquat und wirklich menschlich antworten.
Die Wahrheit dieser These scheint evident, wenn wir auf das Versagen aller Systeme blicken, die Gott in Klammern setzen. In diesem Geiste heißt es im Zweiten Vatikanum in der Nummer 14 der Konstitution über die Kirche: „Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in sie aber nicht eintreten oder in ihr nicht ausharren wollten.“ Die wahre Kirche ist aber keine hartherzige und keine verschlossene: Sie bleibt mit Protestanten, Muslimen, Juden und allen anderen in der Finsternis tappenden Menschen im Dialog. Mit Menschen also, die Sehnsucht nach dem wahren Gott haben, so undeutlich sich diese Sehnsucht zunächst auch zeigen mag. Denn es heißt in der Konstitution über die Kirche auch: „So erweckt der Geist in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Tat, dass alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden geeint sein mögen.“
Jesus Christus ist nicht allein derjenige, der uns aus der Vergangenheit entgegenkommt. Er ist auch derjenige, der uns aus der Zukunft entgegenkommt. Unsere geistige Heimat kann nicht in erstarrten Formeln liegen, sondern allein in der Begeisterung und Überzeugungskraft eines gelebten Glaubens. Eines Glaubens, in dem die Regeln für die Menschen und nicht die Menschen für die Regeln geschaffen sind. Eines Glaubens, in dem es um Aufrichtigkeit und nicht um den schönen Schein geht. Eines Glaubens, der den Menschen befreit. Dafür steht die katholische Kirche heute ebenso wie zu ihren Anfängen, getreu dem Wort des großen Paulus: „Eure Liebe sei ohne Heuchelei.“