vonJan Eijking 03.04.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Im Jahr 2017 erschien ein Buch mit dem passend gewählten Titel The Death of Expertise. Nur kurz nach Michael Goves berüchtigter Erklärung, Briten hätten „genug von Experten”, warnte der Verfasser Tom Nichols hier vor einer vermeintlich wachsenden Bedrohung des Expertentums. Die Welle des Populismus, so der Autor, untergrabe die Rolle des Fachwissens in der Politik. Verfechter von post-truth und alternative facts seien drauf und dran, die sonst so unerschütterliche Autorität wissenschaftlicher Fakten auszuhebeln. Der Tod des Expertentums stünde kurz bevor.

Die Corona-Krise gibt Nichols und Gove Unrecht. Das Expertentum könnte lebendiger kaum sein — wir sind bloß wählerisch, welchen ExpertInnen wir wann Gehör schenken. Von der WHO zum Robert-Koch-Institut bis hin zu den Medien, ExpertInnen sind überall. Sie erzählen uns unaufhörlich, was wir denken sollen, wie sehr wir in Panik ausbrechen müssen, ob wir mehr WC-Papier kaufen sollen oder nicht, ob wir uns in Bunker zurückziehen sollten, ob Strategie A mehr Sinn macht als Strategie B, und so weiter. So viele Expertinnen und Experten wie es gibt, so viele Auslegungen gibt es. Also: was tun?

Expertise im Wettbewerb um Gehör

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert, wenn in der Politik Fachkenntnis gefragt war, sei es in der Telekommunikation, in der Entwicklung von Industriestandards, oder eben bei Epidemien, brach zu allererst Wettbewerb aus. Ein Überangebot an Fachkenntnis bedeutete, dass sich Expertenstimmen gegeneinander behaupten mussten — jede mit ihren jeweils eigenen Datensätzen, Graphen, Tabellen, und Prognosen. Genau das können wir seit ungefähr Anfang Februar in Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien und anderswo beobachten: es gibt mehr Expertinnen und Experten als wir über den Virus und seine Ausbreitung wissen.

Drei Fälle veranschaulichen das. Erstens sorgte die anfängliche Haltung des britischen Premierministers Boris Johnson für Aufsehen. Johnson überließ seinen Ruf den Experten in Whitehall — nicht denen in Genf — und plädierte für Herdenimmunität. Herdenimmunität bezieht sich normalerweise auf Maßnahmen wie Massenimpfung, wenn etwa eine Vielzahl Kinder gegen Masern geimpft werden soll. In der Pandemiebekämpfung ist das unüblich, abgesehen davon, dass es noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt. Die Frage im Kern der Auseinandersetzung war allerdings nicht wissenschaftlich, sondern politisch-moralisch: wie viele tausende Menschenleben darf die Gesellschaft, grob gesagt, in Kauf nehmen? Rory Stewart, ehemaliges Kabinettsmitglied und Bürgermeisterkandidat für London, brachte das Problem in einem Interview mit CNN auf den Punkt:

„In Großbritannien tun alle so, als ob es nur eine einzige wissenschaftliche Meinung gäbe. Andere Länder versuchen es [den Virus] zu unterdrücken. Großbritannien verfolgt eine Theorie der Herdenimmunität. Das ist eine ziemlich große Entscheidung. Keine wissenschaftliche Entscheidung — sondern eine politische Entscheidung.”

Zweitens stieß auch US-Präsident Donald Trumps anfängliche Haltung auf Kritik. Aus anderen Gründen, denn seine Antwort auf den Virus berief sich zunächst auf den Rat nationaler Sicherheitsexperten, die für ein Schengen-US Reiseverbot plädierten. Diesmal waren es die anderen Experten — Epidemiologen statt Verteidigungsspezialisten — die argumentierten, dass Trumps Maßnahme wenig effektiv sei, da sie auf die Beschränkung weiterer Ansteckungsgefahr abziele statt die Ausbreitung des Virus innerhalb des Landes zu bekämpfen. Trump, der den Virus anfangs noch mit einer gewöhnlichen Grippe verglichen hatte, zog es vor, der einen Expertengruppe Gehör zu schenken. Die andere ignorierte er. Den Empfehlungen medizinwissenschaftlicher Berater zum Trotz entschied er sich dafür, die Ansteckungsgefahr herunterzuspielen.

Eine dritte, international anerkannte Plattform für Expertise ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Generaldirektor der WHO, Äthiopiens ehemaliger Gesundheitsminister Tedros Adhanom, hatte sich von Anfang an konkret zu den Maßnahmen geäußert, die die Regierungen angesichts COVID-19 getroffen hatten. In einer offiziellen Erklärung vom 13. März drängte er die Staatengemeinschaft zu einem „gesamtheitlichen Ansatz” und warnte:

„Jedes Land, das sich die Erfahrung anderer Länder mit Epidemien anschaut und denkt ‘das wird uns nicht passieren’, macht einen tödlichen Fehler. Es kann jedem Land passieren.”

Schon zuvor, als die WHO den Coronavirus-Ausbruch zur Pandemie erklärt hatte, hatte Adhanom die weit verbreitete Zurückhaltung und Passivität vor allem europäischer Staaten beanstandet. Mahnend hatte er betont, dass die WHO „zutiefst besorgt” sei — „sowohl über das alarmierende Ausmaß der Ausbreitung und Ernsthaftigkeit [des Virus], als auch über das alarmierende Ausmaß an Untätigkeit.” Mike Ryan, geschäftsführender Direktor des WHO-Programms für gesundheitliche Notsituationen, fügte dem hinzu, dass er zwar keine einzelnen Mitglieder nennen wolle, aber „Sie wissen wer Sie sind.”

Politische Grenzen der Expertise

Das Stimmenchaos der Expertinnen und Experten ertönt von allen Seiten — sei es in der Tagesschau, in den sozialen Medien, oder von Balkon zu Balkon. Nehmen wir den bemerkenswerten Fall einer niederländischen Ärztin, die vor Kurzem als Gesundheitsexpertin zu einer Talkshow eingeladen wurde. Mitten in der Sendung erwähnte sie, fast beiläufig, dass man sie kürzlich positiv auf COVID-19 getestet hatte. Die fassungslosen Blicke aller Anwesenden ließen keinen Zweifel übrig: die Einschätzung der Situation in den Augen dieser Expertin stand im klaren Kontrast zur Mehrheit. Was wir derzeit also beobachten, ist nicht etwa eine eindeutige, direkte Anwendung von Expertise: Lösungsvorschläge der ExpertInnen weichen stark voneinander ab. Eins ist also klar: das Expertentum lebt. Was bedeutet das für das Expertentum im Allgemeinen, und für die Rolle der Expertise in der Politik?

Mit Expertise erkennen wir fachliche Autorität an; eine Autorität, die es ohne diese Anerkennung nicht gäbe. Doch in der Politik muss Fachwissen immer auch in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Diese Übersetzung steht jetzt unter mehr Zeitdruck als sonst. Manche Experten mögen Covid-19 für extrem katastrophal halten und den Bürgerinnen und Bürger deshalb raten sich, koste es was es wolle, in die Isolation zu begeben — andere mögen den Virus eher mäßig beunruhigend finden und der Öffentlichkeit daher stattdessen vorschlagen, sich auf die unsichtbare Hand der Herdenimmunität zu verlassen. Der Unterschied ist nicht nur die empirische Faktenlage, sondern auch ein moralisches und politisches Werturteil.

Hinzu kommt, dass es uns normalerweise wichtig ist, Expertise vor ihrem Einsatz in Frage stellen zu können. Dass Boris Johnson wissenschaftlichen Rat zunächst ignoriert hat, können wir falsch finden. Das kann aber kein Grund sein, das Prinzip, dass ein Politiker oder eine Politikerin die Option haben sollte, wissenschaftlichem Rat nicht zu folgen, über Bord zu werfen. Das wäre schwer zu rechtfertigen. Nicht zuletzt ist wissenschaftlicher Rat „input” der hinzugezogen wird, nicht demokratisch gewählte Entscheidungsgewalt.

Natürlich können wir Johnsons Form des Krisenmanagement ablehnen. Wenn wir das aber einzig und allein unter Berufung auf „die Wissenschaft” tun, als ob diese hier außerhalb der Politik stünde, tappen wir in eine Falle: die Falle der Schein-Depolitisierung, auf die Johnsons eigener Verlass auf die Experten abzielt. Darüber hinaus: das Prinzip der Infragestellung über Bord zu werfen, könnte durchaus Öl ins Feuer der nächsten Welle populistischer Anti-Experten gießen.

Sehnsucht nach Klarheit in Krisenzeiten

Die Expertenpandemie ist Teil einer typischen Reaktion auf Krisen: wenn wir plötzlich keine Ahnung haben, was als nächstes passieren wird, wollen wir genau das unbedingt wissen. Das ist im Moment unmöglich, da sich unser Wissen über die Pandemie und ihre Eindämmung gerade täglich ändert. Und trotzdem setzen wir alles daran, so viel wie möglich herauszufinden — deshalb die Live-Ticker, endlosen Twitter-Feeds und Gerüchte, denen wir alle so eifrig nachhängen. In Krisenzeiten himmeln wir Menschen in Kitteln an, die uns, ausgestattet mit Statistiken und Graphen und Schaubildern und Tabellen, sagen, was wir denken sollen. Politikerinnen und Politiker sind sich dessen natürlich bewusst: Trumps Zahlenpolitik, und seine anfängliche Behauptung, die Todesrate der WHO sei eine „falsche Zahl”, zeigen, wie unser Durst nach Expertise ausgenutzt werden kann.

Wir sollten akzeptieren, dass die Einbindung von ExpertInnen von politischen Entscheidungen abhängt (und, wie die WHO klarstellte, von politischem Willen). Dann müssen wir aber auch akzeptieren, dass die Frage, welche ExpertInnen wir einbinden, grundsätzlich politisch ist. Westminster, Washington, und die WHO beziehen jeweils völlig andere Einschätzungen von ExpertInnen. Welche Regierung welche Berater auswählt, und welchen sie letztlich Gehör schenkt, hängt von der Politik ab: ob diese nun die Kapazitäten der Gesundheitsversorgung vorne anstellt; oder das Schicksal der Verlierer der Schlacht um die Supermärkte; oder die langfristigen Konsequenzen für die Wirtschaft; oder die psychologischen Folgen des social distancing. Wie Ökonom Lars Peter Hansen kürzlich deutlich machte: Fakten sprechen nicht für sich selbst. Modelle können noch so evidenzbasiert sein; sie können von noch so sehr akzeptiert sein — und trotzdem falsch liegen. Politische Entscheidungen können, so sehr wir uns das auch wünschen mögen, nicht ausschließlich auf Fakten und Modellen basieren.

Zum einen zeigt die Corona-Krise, dass wir uns in Ausnahmezuständen nach ExpertInnen sehnen — ganz gleich, wie sehr wir die Macht der Wissenseliten normalerweise hinterfragen. Zum anderen machen Meinungsverschiedenheiten unter ExpertInnen deutlich, wie kompliziert das Verhältnis zwischen Politik und Expertise ist. Ob Trump, Johnson, Rutte oder Merkel: Regierungen such sich ihre ExpertInnen aus. Auch die Kritik an Regierungsmaßnahmen tut das, ob von Seiten der WHO oder von Seiten der Bürgerinnen und Bürger.

Was also tun? Klar können wir vor allem aufhören, massenhaft Klopapier zu kaufen. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass Expertise kein Allheilmittel für politische Probleme ist. Expertise wird unvermeidlich politisiert, sobald sie in der Politik zum Einsatz kommt. Das gilt auch in Krisensituationen wie jetzt. Wen der Coronavirus am härtesten trifft, welche Mitbürgerinnen und Mitbürger wir schützen wollen, und wie wir die Zukunft wirtschaftlich und sozial gestalten wollen, das sind alles politische Fragen. Politik — und wenn sie noch so wissensbasiert ist — bleibt am Ende eben doch Politik. Daran führt kein Weg vorbei.

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