vonJan Eijking 30.04.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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In den 90er Jahren unterstützten dutzende niederländische Großkonzerne das “Global Institute” des Klimaskeptikers Frits Böttcher — das ging Anfang diesen Jahres aus neu zugänglichem Archivmaterial hervor. Laut Pressemitteilung des niederländischen Projekts Follow the Money lässt sich aus Böttchers Nachlass zurückverfolgen, dass insgesamt rund eine Million Gulden (heute rund 450.000 Euro) von Unternehmen wie Shell, KLM, Texaco, und ING in die Taschen des klimaskeptischen Chemikers flossen. Das Geld sorgte dafür, dass mit dem Anschein wissenschaftlicher Autorität systematisch die Idee in Umlauf gebracht wurde, der Treibhauseffekt sei ein Mythos.

Einer der Kontakte des Klimaskeptikers war Huub van Engelshoven, ehemaliges Vorstandsmitglied bei Shell. Dieser, so Böttcher selbst in einem der Dokumente aus seinem Nachlass, “hatte es betont, dass ich als Wissenschaftler neutraler herüberkomme als Menschen aus der Unternehmenswelt.” Im Kampf gegen das, was Böttcher Zeit seines Lebens als “Kohlenstoff-Hetze” anprangerte, sicherte sich der ehemalige Chemieprofessor großzügige finanzielle Unterstützung durch Shell: so spendete der Ölkonzern zwischen 1990 und 1993 rund 142.000 Gulden an Böttchers “CO2-Projekt”, schrieb de Volkskrant. Van Engelshoven streitet den Vorwurf seither vehement ab und betont, Böttchers Äußerungen seien noch lange kein Beweis — es gäbe keinerlei Vertragsdokumente, die die Transaktionen zweifelsfrei nachweisen würden.

Die Liste der Sponsoren ist lang

Die Zusammenarbeit erstreckte sich auch auf inhaltliche Details — alle zwei Monate trafen sich van Engelshoven und Böttcher zum Brainstormen. Wie de Volkskrant weiter berichtete, nutzte Frits Böttcher die finanzielle Unterstützung voll aus. Jahrelang veröffentlichte er Artikel, Bücher (unter anderem “Science and Fiction of the Greenhouse Effect and Carbon Dioxide” im Jahr 1992), und wurde ins Fernsehen eingeladen, um mit ein und derselben Nachricht zu hausieren: der Treibhauseffekt sei ein Schwindel, CO2 spiele keine Rolle in der Erderwärmung. Anderen Klimaskeptikern wurde er zur Inspiration, und noch heute berufen sich niederländische Klimaskeptiker in Politik und Medien auf die Autorität Böttcher.

Shell war bei weitem nicht der einzige Konzern, der hier seine Finger im Spiel hatte. Die Liste der Sponsoren des “CO2-Projektes” ist lang. Zwischen 1990 und 1998, so Follow the Money, erhielt Böttcher Spendenzahlungen von insgesamt 24 niederländischen und multinationalen Konzernen — darunter Texaco, KLM, Schiphol, ING und ANWB. Auch die deutsche Thyssen Stahl AG trug dazu mit 5.000 DM bei. Die neuen Befunde bestätigen einen Verdacht, den schon in den 90ern etwa das linke Magazin De Groene Amsterdammer geäußert hatte: die niederländische Klimaskepsis “riecht nach Benzin.”

Zweifel säen mit System

Der Fall Böttcher ist kein isolierter Einzelfall. Vielmehr handelt es sich um das jüngste Beispiel einer weit verbreiteten — und kaum überraschenden — Strategie der fossilen Brennstoffindustrie, die besonders nach Gründung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in 1988 an Fahrt gewonnen hatte. Profiteure der betroffenen Industrie haben ein logisch nachvollziehbares Interesse an solchen Vorgehensweisen — und wenn sie noch so dubios sind.

Wirtschaftliche Interessen hängen, soviel macht der Fall Böttcher deutlich, mit dem Kenntnisstand der Gesellschaft zusammen. Solange keiner weiß, dass Zigarettenrauch impotent machen kann oder Krebszellen erregt, verdient die Tabakindustrie zuverlässig ihr Geld. Heutzutage machen wir darauf aufmerksam. Wir organisieren Schulkampagnen zur Aufklärung junger Menschen über die gesundheitlichen Schäden, die Zigarettenkonsum zur Folge haben kann. Oder wir versehen Zigarettenschachteln mit Warnhinweisen oder Fotos. Das soll einerseits abschreckend wirken, andererseits bestätigt es auf eine bestimmte Weise: Wissen ist Macht — oder in diesem Fall Geld.

Dasselbe gilt für die fossile Brennstoffindustrie, die Atomenergie, oder die Herstellung von Glyphosat. All diese Industrien basieren auf einer Form der Produktion, die wir in der Vergangenheit für unproblematisch und legitim gehalten haben — und das womöglich wissenschaftlich auch so legitimiert haben —, deren Ruf sich inzwischen aber geändert hat. Und zwar ganz einfach, weil sich unser Kenntnisstand und unsere Prioritäten geändert haben. Auf dem Weg vom einen in den anderen Zustand wird ausgefochten, wer am Ende siegreich hervorgeht — jemand wie Böttcher nimmt den Kampf gegen jemanden wie Al Gore auf.

Autoritäten im Rampenlicht

UnternehmerInnen, kaum anders als PolitikerInnen, kämpfen mit Fakten um ihre Märkte, denn letztlich sind diese es, die uns nachhaltig überzeugen (zumindest ist das die Idee). Darum ist es ihnen, wieder ganz genau so wie PolitikerInnen, umso wichtiger, Einfluss darauf zu haben, was als Fakt zählt — also muss wissenschaftliche Autorität her. Böttcher ist ein Paradebeispiel dafür, wie fachliche Autorität manipuliert wird um einen gewünschten Effekt zu erzielen.

Dank Strategien wie dieser kam die Klimapolitik in der Niederlanden, aber auch anderswo in Europa und der Welt, nur langsam in Fahrt. Es ist aber mehr auf dem Spiel: ob Klimawandel, künstliche Intelligenz, Brexit oder Vorratsdatenspeicherung — was wir meinen hängt davon ab, was wir wissen. Und was wir wissen hängt, öfter als uns lieb ist, davon ab, welche Autoritäten es ins Rampenlicht der Öffentlichkeit schaffen. Politische, wirtschaftliche, und ideologische Interessen machen davon strategisch Gebrauch.

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