vonJan Eijking 12.06.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

Mehr über diesen Blog

Unser Umgang mit der Geschichte ist, das weiß jede Historikerin und jeder Historiker, ein andauerndes Gespräch: eine fortwährende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unserer Gesellschaft. Diese Vergangenheit ist oft hart und rücksichtslos. Meist ist sie eine Geschichte voller Gewalt, Verbrechen, Machtmissbrauch. Sie ist aber auch eine fortwährende Auseinandersetzung mit Wahrheit und Lüge: mit den Tatsachen und Tatgegenständen, die weitergegeben werden, denen, die verschwiegen werden, und denen die uns trivial erscheinen und die deshalb schlicht in Vergessenheit geraten.

Colstons Sprung ins kalte Wasser

Die Black Lives Matter-Proteste in Reaktion auf die Ermordung des US-Amerikaners George Floyd durch willkürliche, rassistische Polizeigewalt, haben der Weltöffentlichkeit den hartnäckigen Rassismus in der Mitte unserer Gesellschaft einmal mehr in Erinnerung gerufen. Das schlug Wellen und hat den strukturellen Rassismus überall, zumindest vorläufig, in den Vordergrund gerückt. Eine der Reaktionen war das Aufleben verschiedener Bewegungen zur Entfernung von Statuen und Denkmälern, die Täter der Kolonialgeschichte ehren. In Belgien wurden etwa mehrere Statuen des belgischen Kolonialkönigs und Massenmörders Leopold II beseitigt.

Besonders deutlich bekam Großbritannien die Bewegung zu spüren. In Bristol deponierten Aktivist*innen die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston im Hafen, in dem im 17. Jahrhundert dessen Schiffe andockten. In Oxford protestierten Tausende gegen die Statue des rassistischen und imperialistischen Großunternehmers und Stifters Cecil Rhodes. Diese schmückt nach wie vor die Fassade des Oriel College, und starrt einen damit auf Augenhöhe an, wenn man im Doppeldecker-Bus durch das Zentrum der Stadt fährt. Die in Südafrika begonnene Studentenbewegung Rhodes Must Fall hatte sich bereits 2015 gegen die Statue ausgesprochen. Doch ohne Erfolg. Das Oriel College leistet weiterhin Widerstand – trotz Zuspruch der Oxforder Stadtverwaltung und einer Petition, die inzwischen mehr als 170.000 Unterschriften gesammelt hat.

Selektive Geschichtsschreibung: was denn sonst?

Von vielen Seiten ertönt der Einspruch, das Beseitigen von Statuen widerspräche der Erhaltung geschichtlichen Erbes. Das Argument ist ein Klassiker der konservativen Empörung über Veränderung, hat aber nicht viel mehr zu bieten als Nostalgie. Denn Statuen niederzureißen ist erstens weit entfernt davon, sie „auszulöschen“ (denn oft sind Initiativen an die Forderung gebunden, die Statue dann in ein Museum zu transportieren); und zweitens ist eine Statue selbst eine selektive Form der Geschichtsschreibung.

Jede Statue ehrt eine Protagonistin oder einen Protagonisten der Geschichte auf eine Weise, die sie oder ihn hervorhebt. Jede Hervorhebung ist eine Umschreibung der Geschichte, denn sie hat automatisch zur Folge, dass andere Einflussfaktoren und Protagonist*innen durch sie in den Hintergrund rücken. Das ist in Ordnung insofern, als dass jede Geschichtsschreibung im Prinzip nichts anderes ist als eine Umschreibung. Der Bildersturm der Reformation im 16. Jahrhundert kann uns davon ein Lied singen, und die enthaupteten Standbilder und ausgekratzten Gesichter in Kirchen sind bis heute – trotz „Auslöschung“ – ein Zeugnis dieser Geschichte.

Zu behaupten, die Versenkung von Statuen ginge „gegen“ die Geschichte, ist also Unsinn. So gesehen ist die Bewegung gegen Statuen zu Ehren des Imperialismus und den Haupttätern kolonialer Gewaltverbrechen nicht anti-historisch, sondern im Gegenteil pro-historisch: sie nimmt aktiv daran teil, wie Gesellschaft Gedenken gestaltet.

Don’t mention the …!

Etwas anders ging das zuletzt der BBC an. In Reaktion auf die begrüßenswerte Welle der Rassismus-Selbstreflexion, die die Black Lives Matter-Proteste zur Folge hatten, verkündete der BBC die Löschung der Comedy-Serie Little Britain vom BBC Online-Angebot. Der Humor der Sketch-Serie sei überholt und nicht mehr zeitgemäß, so der BBC. Auch die Macher David Walliams und Matt Lucas bestätigten, Little Britain würden sie so heute nicht wieder produzieren. Anlass dazu war unter anderem eine Folge in der David Walliams im Blackface-Makeup eine schwarze Frau verkörperte. Günter Wallraff könnte sich daran ein Vorbild nehmen und sich endlich für seine rassistische Pseudo-Doku Schwarz auf weiß von 2009 (!) entschuldigen.

Dann ging der BBC jedoch einen Schritt weiter und entfernte eine Folge der 1970er-sitcom Fawlty Towers (von und mit Monty Python-Star John Cleese) von der BBC-Plattform UKTV. In der Folge „The Germans“, bekannt für den Ausspruch „Don’t mention the war!“ der seither in Großbritannien zur Redewendung geworden ist, macht sich der Hotelgast Major Gowen in unverhohlen rassistischer Wortwahl über das westindische Cricket-Team lustig. In einer anderen Szene ist Cleese in der Hauptrolle schockiert, als er von einem schwarzen Arzt behandelt werden soll.

John Cleese fand das No-Platforming gar nicht witzig. Wenn man jemandem „nonsense“ in den Mund lege, um sich über dessen Figur lustig zu machen, erklärte der Schauspieler und Comedian, „dann verbreitet man deren Ansichten nicht, sondern macht sich über sie lustig. Der Major war ein altes Fossil, übrig geblieben von Jahrzehnten zuvor. Wir haben seine Ansichten nicht unterstützt, sondern uns über sie lustig gemacht. Wenn Leute das nicht einsehen können, wenn sie zu dumm sind, das einzusehen, was soll man dazu sagen?“

No-Platforming oder Zensur?

Cleese zeigt mit dem Finger auf eine fast unsichtbare, aber doch entscheidende Linie, die Ironie von Überzeugung trennt. Andererseits geht es auch hier um die politisch aufgeladene, gesellschaftlich zentrale Frage des Gedenkens. Ist die Entfernung von rassistischen Inhalten ein Akt des Vergessenwollens, des Leugnens, oder eine Entziehung einer Plattform, die der BBC derlei Inhalten bislang gegeben hatte, und somit ein Akt des Antirassismus? Geht die Entfernung dann aber von Inhalten, die sich ironisch mit dem Thema auseinandersetzen, zu weit?

Die Frage ist eigentlich sehr viel einfacher, als sie zunächst klingt. Edward Colston war kein Major Gowen – und Cecil Rhodes keine Lachnummer. Blackface-Humor ist ganz klar rassistisch, Punkt. Humor, der Rassismus lächerlich macht, ist das nicht. Im Gegenteil ist solcher Humor ein wichtiger und dankbarer Bildungsinhalt. Oder wollen wir auch Quentin Tarantinos Antifa-Film Inglourious Basterds zensieren?

Man könnte meinen, die Trennlinie wäre nicht so wichtig. Wir haben besseres zu tun, als uns just im Aufschwung der Black Lives Matter-Bewegung in Europa mit solchen Kleinlichkeiten zu beschäftigen. Das Problem ist aber, dass es genau diese Kleinlichkeiten sind, die für die politischen Gegner antirassistischer Initiativen – ob Konservative, Rechtspopulisten, oder white supremacists – herzlich willkommene Grenzüberschreitungen darstellen. Jede Löschung „zu viel“ wird dann als Zensur wahrgenommen und spielt rechten Meinungsmachern ein Argument zu. Aktivismus muss sich diese Wirkung bewusst machen, um nicht seinen eigenen Zielen entgegenzuwirken.

Aktivismus und Dialog mit der Vergangenheit

Das bedeutet nicht, dass insgesamt Vorsicht das oberste Gebot ist – das wäre nichts anderes als Rückzug und Beschwichtigung einer Bewegung, die eine dringend nötige Auseinandersetzung in den Mittelpunkt rückt: eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Gesellschaft der Gegenwart, Erinnerung an die Vergangenheit, und unser aller Einwirken auf die Zukunft. Leopold II, Edward Colston, und Cecil Rhodes gehören ins Museum – nicht auf einen Sockel, der diese Verbrecher auf eine Weise verehrt, die im krassen Gegensatz mit den Werten einer wünschenswerten Gesellschaft steht.

Rassismus heute spiegelt sich auch in unserem Verhältnis zur Vergangenheit wider. Wichtig ist aber auch, dass unser Verhältnis zur Vergangenheit ein Gespräch ist. Und das Gespräch muss fortgeführt werden und lebendig bleiben – und nicht an Stellen verhindert werden, die am Ende womöglich die reaktionäre Abwehr befördern. Letztlich geht es schließlich darum, die Bedingungen für weitreichende Veränderungen zu schaffen.

Jede Statue, die vom Rampenlicht ins Museum befördert wird, ist erst dann ein Schritt in die richtige Richtung, wenn Taten folgen: wenn der symbolische Akt Anlass wird für Antirassismus-Training der Polizei, wenn eklatante Vorurteile im Alltag nicht nur angesprochen sondern auch aktiv abgebaut werden, wenn Institutionen die vorgeben, die Gesellschaft zu repräsentieren, das auch wirklich tun. Die Liste ist lang. Der entblößte Sockel ist nur der Anfang.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/faktenprosa/2020/06/12/geschichte-und-gedenken-nach-rhodes-must-fall/

aktuell auf taz.de

kommentare