vonJan Eijking 27.07.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Veränderung fällt uns allen schwer. Nicht nur Konservative tun sich nicht immer leicht, die Gegenwart abzuschütteln und sich Neuem zu öffnen. An Dingen, die wir für selbstverständlich erachten, oder schlicht unser ganzes Leben lang als normale Bestandteile unserer Realität hingenommen haben, halten wir mitunter krampfhaft fest. Seit einigen Jahren hat die Kontroverse um die niederländische Nikolaustradition des zwarte Piet deutlich aufgezeigt, wo die Grenzen dieses Festhaltens verlaufen.

Der niederländische Nikolaus, so das Kindermärchen, kommt im November in den Niederlanden auf seinem Schiff aus Spanien an. Der Einzug, der jedes Jahr in einer anderen Hafenstadt mächtig in Szene gesetzt wird, ist ein großes Straßenfest nicht nur für Kinder. Der Legende nach arbeiten hunderte kleiner Helferlein für Sinterklaas, die zwarte Pieten. Schauspieler mit schwarz geschminkten Gesichtern und rot bemalten Lippen, in Kostümen, die rassistischen Karikaturen aus dem 19. Jahrhundert entsprechen, tummeln sich auf dem Schiff und werfen mit Pfeffernüssen um sich. Das Spektakel ist groß, aufregend – und ziemlich rassistisch.

Langsames Umdenken: Die zwarte Piet-Kontroverse

Die Tradition ist erst seit Kurzem kontrovers. Das ist schon an sich ein Indiz dafür, wie sich eine Gesellschaft, die sich sonst ihrer Fortschrittlichkeit rühmt, damit schwer tun kann, Veränderung zu akzeptieren. Eine Gesellschaft, vor allem, die ihre koloniale Vergangenheit – in welcher der Rassismus der Nikolaus-Tradition unverkennbar verankert ist – noch lange nicht öffentlich aufgearbeitet hat. Lautstarker Einspruch, den Aktivist*innen – vor allem Niederländer*innen mit karibischem Hintergrund – schon seit geraumer Zeit erhoben hatten, verschaffte sich erst jetzt Gehör. So wurde die niederländische Öffentlichkeit erst vor ein paar Jahren auf das Problem aufmerksam – und erst nach einiger Zeit ließ sich auch Premier Mark Rutte zum Eingeständnis bewegen: er denke inzwischen doch anders über die Tradition nach.

Vielerorts in den Niederlanden hat die Tradition weiterhin Bestand, vor allem in kleineren ländlichen Gemeinden. Doch die Alternativen – bunte Pieten oder Pieten mit vom Ruß der Schornsteine verschmierten Gesichtern – sind immer weiter verbreitet und werden nun, peu à peu, zur neuen Normalität. Sicher wird schnell in Vergessenheit geraten, dass der Aufschrei anfangs noch groß war: die niederländische Durchschnittsfamilie konnte sich erst kaum dazu überwinden, eine geliebte Tradition und die mit ihr verbundenen Erinnerungen an eine ganze Kindheit so krass in Frage zu stellen.

Das ist begreiflich insofern, als dass wir uns alle an Dingen festhalten, die Bestand haben, damit unsere Lebensgeschichten ebenso Bestand haben können. Es ist deswegen auch nie an sich falsch, sich an Dingen festzuhalten. Wenn sich aber Weltbilder und Menschenbilder mit diesen Dingen verflochten haben, die heute nicht mehr als akzeptabel gelten, dann müssen wir umdenken. Rassismus und koloniale Vergangenheit spielen dabei gerade in Europa die Hauptrolle. Umdenken ist immer schwer, aber das ist keine Ausrede dafür, es nicht zu tun. Traditionen und Normalitäten sind immer ein Ausdruck ihrer Gesellschaften. Wenn sich also die Standards dieser Gesellschaft ändern, dann müssen sich auch ihre Traditionen und Normalitäten anpassen.

Deutsche Sprachpolitik: „Mohr“ is sometimes less

Im deutschen Kontext ist ein deutliches Beispiel hierfür die Sprachpolitik, mittels derer sich gegenwärtige Rassismuskontroversen äußern. Unter dem Titel „Der neue Umbenennungsfuror“ etwa sprach sich vor einigen Tagen FAZ-Kolumnist Helmut Glück dafür aus, das Wort „Mohr“ beizubehalten. „Mohr“ sei keinesfalls rassistisch, sondern schlicht eine „Entlehnung aus dem Lateinischen“ von „maurus“ für „einen Bewohner Nordwestafrikas“. In der Kunstgeschichte sei das Wort „maurisch“ daher auch weiterhin Gang und Gebe; wir erinnern uns etwa an maurische Einflüsse in der Architektur der Alhambra in Granada. Wozu also umbenennen? Mauretanien und Mauritius, so Glück, verlangen wir doch genauso wenig ab, sich umzubenennen.

Glücks Fehler ist ein klassischer. Die Beispiele, die er anführt, zielen auf zweierlei ab. Zum einen habe das Wort „Mohr“ harmlose Wurzeln und sei schon deshalb nicht kontrovers. Zum anderen seien andere Ableitungen desselben Wortstammes völlig einwandfrei in Gebrauch und weitgehend akzeptiert – selbst Länder seien danach benannt. Soweit, so faktisch richtig. Doch die Argumentationskette ist keineswegs so logisch, wie sie erscheinen mag.

Nehmen wir als Gegenbeispiel das N-Wort, bei dem wir uns hoffentlich einig sind, dass es zu Recht verpönt ist. Das hat, erstens, ähnlich harmlose Wurzeln: das Wort stammt vom lateinischen „niger“ und ist sowohl im Spanischen als auch im Portugiesischen bis heute die ganz normale Bezeichnung für die Farbe schwarz. Zweitens ist das Wort, wieder wie „Mohr“, auch in Landesnamen verankert – Niger und Nigeria haben ihre Namen jeweils demselben lateinischen Stamm zu verdanken.

Warum soll nun, erstens, aus dem einen Kontext (harmloser Wortstamm) folgen, dass das Wort selbst deshalb harmlos sei? Haben nicht, in dem Sinn, alle Wörter unserer Sprachen einen harmlosen Ursprung – werden sie nicht alle erst durch ihren Gebrauch bedeutsam, gewichtig, oder mitunter gefährlich? Zweitens, warum sollte der zweite Kontext (Landesnamen) auch nur auf die entfernteste Weise etwas über den Gebrauch eines völlig anderen Wortes aussagen? Ist die Familienzugehörigkeit etwas, worauf antirassistische Kritiker*innen abzielen? Glück verlässt sich hier auf ein Strohmann- oder Schein-Argument: kein Mensch fordert, Nigeria solle sich umbenennen, bloß weil der Name denselben Wortstamm wie das N-Wort trage.

Veränderung kommt am Ende trotzdem

Die Liste weiterer Fälle in diese Richtung gearteter Debatten ist lang. Sie reicht von Straßennamen über das Maskottchen der Sarotti-Schokolade (und dem der Marke Uncle Ben’s) bis hin zur Rolle von Statuen im öffentlichen Raum (siehe dazu mein Kommentar hier). All diese Fälle haben eins gemein: die meisten Konsument*innen, Adressat*innen, und Statuenbetrachter*innen haben sich bislang keine Gedanken darüber gemacht, was ihre Normalität eigentlich für sich in Anspruch nimmt, und was und wen diese dabei ausschließt. Das gilt für Sprache wie für Statuen. Letztlich sind es alles – ob Marke, Straßenname, oder Standbild – vor allem eines: Artefakte. Künstlich erschaffene Objekte. Erfundene Traditionen.

Nur weil ihr Bestand oft über ein einzelnes Menschenleben hinausgeht, sind sie noch lange nicht „natürliche“ Begebenheiten, denen wir uns fügen müssen. Ob etwas seine Wurzeln im Lateinischen oder im Kolonialismus des 19. Jahrhunderts hat, tut daher nichts zur Sache. Es geht also nicht um eine Politisierung der Sprache, wenn kritische Stimmen laut werden. Von zwarte Pieten über genderspezifische Personalpronomen bis hin zu rassistischen Straßennamen: Sprache und Artefakte sind von Grund auf politisch, und werden es immer bleiben. Wir werden sie hinnehmen müssen, selbst wenn wir uns vor ihr sträuben: Veränderung kommt am Ende trotzdem.

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https://blogs.taz.de/faktenprosa/2020/07/27/wer-hat-angst-vorm-wandel/

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