vonJan Eijking 14.09.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Sanda Dia, 20 Jahre alt und Sohn Senegalesisch-Belgischer Eltern, hatte sich nach zwei Jahren seines Studiums an der Königlichen Universität Lüttich (KU Leuven) dazu entschlossen, dem traditionsreichen Studentencorps Reuzegom beizutreten. Zwar kannte er dort keine Mitglieder – doch er versprach sich Karrierevorteile davon, Teil einer alteingesessenen Verbindung zu werden. Von Generation zu Generation landen Reuzegom-Mitglieder schließlich die besten Posten in Politik und Privatwirtschaft.

Um aufgenommen zu werden sollte Sanda, gemeinsam mit anderen Anwärtern, ein Initiationsritual bestehen. Darin planen bestehende Mitglieder mehrere Hürden, die die Anwärter durchlaufen müssen: eine in der Regel ekliger und entwürdigender als die andere. Für Sanda fing es harmlos an: zunächst musste er in der Fußgängerzone so viele Rosen wie möglich verkaufen. Dann aber begann das erste Saufgelage, und die Anwärter mussten um die Wette trinken, bis sie nicht mehr konnten.

Für die nächste Stufe fuhren die Mitglieder in spe mit ihren Prüfern auf eine Hütte in Vorselaar bei Antwerpen. Berichten der Volkskrant zufolge eskalierten die Rituale schnell. Mit drei anderen Prüflingen musste Sanda gegen zwölf Uhr mittags eine Grube graben, die anschließend mit Wasser gefüllt wurde. In dieser Grube mussten die Studenten verharren — bei 6 Grad Außentemperatur.

Ein Quiz begann: bei falscher Antwort mussten die Anwärter Pfeffer essen. Dann mussten sie einen lebenden Goldfisch verzehren. Dann Fischöl trinken. Dann Urin. Rund acht Uhr abends ging es Sanda deutlich schlechter als den anderen Prüflingen. Die Corpsmitglieder holten ihn aus der Grube und legten ihn neben ein Lagerfeuer, um ihn aufzuwärmen.

Vergeblich: am 8. Dezember 2018 starb Sanda Dia im Krankenhaus an mehrfachem Organversagen. Die Todesursache war zunächst unklar: die Menge Fischöl in Sandas Körper war ebenso tödlich gewesen wie die durch das stundenlange Verharren in Eiseskälte verursachte Hypothermie.

Die Mitglieder der Reuzegom-Verbindung waren gut vernetzt und hatten Kontakte zu den besten Anwälten. Sie vertuschten zunächst alles, löschten Fotos und Videos die zuvor in WhatsApp-Gruppen kursiert hatten. Auch rassistische Bemerkungen hatten unter Mitgliedern kursiert. Ein Gerichtsverfahren ist inzwischen eingeleitet; das Urteil steht aus.

Ähnlich wie in den Niederlanden ist das belgische Studentenleben von Verbindungen geprägt: seien es die jahrhundertealten Corpsgruppen, die in den wichtigsten Studentenstädten –Antwerpen, Lüttich, Brüssel; oder in den Niederlanden Groningen, Utrecht, Leiden, Delft, Rotterdam, Amsterdam – Söhne (seltener, Töchter) wohlhabender Familien rekrutieren, oder modernere Verbindungen die einst als Alternative entstanden waren, heute aber ähnlich aufgebaut sind.

Sie sind elitär, zumeist ausschließlich  männlich, in der Regel konservativ, und rühmen sich damit, dass ihre Mitglieder bis weit in die obersten Etagen von Regierung und Wirtschaft reichen. In beiden Ländern eilt den Verbindungen aber nicht nur dieser positive Ruf nach, sondern sie machen auch mit teils schockierenden Schlagzeilen über entwürdigende Initiationsriten auf sich aufmerksam.

Was als Gruppenzwang und Mutproben beginnt, mündet oft im Komasaufen,   Tierquälerei, Entwürdigung, Peinigung, Körperverletzung — im Fall Sanda Dia mündete es im Tod. Gleichzeitig sind Verbindungen wie Reuzegom stark normalisiert. Sie bilden einen organischen Teil des Studentenlebens und sind, anders als etwa schlagende Verbindungen in Deutschland, allgemein anerkannt, akzeptiert, und erhalten mitunter sogar Subventionen von Seiten der Universität.

In den Niederlanden gelten die Corps darüber hinaus als nationales Kulturerbe; ein Status, der den Gruppen 2016 offiziell zuerkannt wurde und ihnen damit besonderen Schutz zuspricht. Dieser Schutz bedeutet einerseits, dass Verbindungen weitreichende Autonomie genießen und ihre fragwürdigen Traditionen am Leben erhalten können, die oft im krassen Widerspruch zu geltenden gesellschaftlichen Normen stehen (oder diese, wie etwa allgemein verbreiteten  Sexismus, deutlich verstärken).

Andererseits bedeutet der öffentliche Zuspruch auch, dass Corpsgruppen als Kulturerbe auf einer Ebene mit historischen Landschaftsmalern und Gebäuden mit Museumswert begriffen werden. Der tragische Todesfall Sanda Dias macht auf schockierende und zugleich ernüchternde Weise deutlich, wie absurd der Status belgischer wie niederländischer Verbindungen ist. Eine offizielle Stellungnahme muss her — von Seiten der Regierungen, die derartige Strukturen nicht nur zulassen sondern fördern. Dumm nur, dass diejenigen, die Stellung nehmen müssten, oft selbst Mitglieder sind.

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