vonJan Eijking 03.10.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Die neue Netflix-Doku Das Dilemma mit den sozialen Medien (im Original The Social Dilemma) prangert die sozialen Medien an. Von Facebook über Instagram bis Twitter und Pinterest: kein Silicon-Valley-Konzern bleibt verschont. Tatsächlich könnte man den Eindruck haben, hier werde schonungslos aufgedeckt, was die Kalifornier im Schilde führen. Klassische Metaphern – wie der des Marionettenspielers im Computer, der uns steuert und dazu zwingt, den Like-Button zu drücken – werden reichlich bedient. Auch eine Handvoll zweitrangiger Schauspielerinnen und Schauspieler nahmen an der Produktion Teil, und veranschaulicht dem Publikum, wie eine heile amerikanische Familie am Unheil der sozialen Medien zugrunde geht.

Wir sind das Produkt

Eigentlich wird aber gar nicht so viel aufgedeckt. Die Message des Films lautet insgesamt: von fake news über soziale Abstumpfung bis hin zu Teenage-Selbstmordraten, die sozialen Medien sind an allem schuld. Die Demokratie insgesamt stehe auf dem Spiel. Das sei alles schrecklich, und wir müssten aufwachen bevor es zu spät sei. Einer der zahlreichen ehemaligen „tech bros“ die für den Film interviewt wurden, Tristan Harris, sagt etwa: Technologie habe menschliche Schwächen besiegt. Wenn wir nichts unternehmen, werde sie als nächstes menschliche Stärken besiegen. Facebook ist umsonst, aber die machen Geld mit Werbung! Mit unseren Klicks! Wir sind das Produkt, nicht die Plattform! Der Informationsgehalt ist ein ernüchternder Rückschritt nach Filmen wie The Great Hack.

Abgesehen von einem kurzen Gespräch mit Shoshanna Zuboff, Harvard-Professorin und Autorin des kürzlich erschienenen (lesenswerten!) Bestsellers The Age of Surveillance Capitalism, in dem diese das Problem – Überraschung – surveillance capitalism nennt, fällt der politische Beitrag des Films minimal aus. Es kommen fast ausschließlich ausgebrannte Ex-Tech-Männer zu Wort, deren Urteil nicht nur erstaunlich naiv ist, sondern auch nahezu alle schlechten Seiten überraschend findet: als ob es nicht schon seit jeher klar gewesen wäre, womit die sozialen Medien ihr Geld verdienen.

Kurzsichtige Wichtigtuer im Mittelpunkt

Kapitalismus bleibt Schlagwort statt Erklärungsbegriff, und die tech bros signalisieren bis zuletzt vor allem ihre eigene Naivität: sie hätten nie gedacht, dass es mal soweit kommen würde mit den sozialen Medien. Was bei ihrem Staunen vor allem durchscheint, ist unerschöpfliche Wichtigtuerei. Denn selbst wenn der eine oder andere Instagram-Ehemalige oder Ex-Twitter-Kapitalist einen „beängstigenden“ Trend erkennt, oder negative Folgen „bedauert“, sind die sozialen Medien immer im Mittelpunkt: ob positiv oder negativ, die sozialen Medien sind, in den Augen der Silicon-Valley-Ausgebrannten, revolutionär, weltbewegend, und überhaupt eine transformative Kraft der Weltgeschichte.

Eine solche Auswahl an Interview-Partnern erklärt, warum der politische, kritische Aspekt der Doku so dünn ausfällt. Nicht zuletzt sind ehemalige Mitarbeiter der einschlägigen Konzerne (sowie eine einzige Mitarbeiterin) nicht unbedingt naheliegende out of the box-Denker. Ihr Ausgangspunkt, von dem sie sich selten weit entfernen, bleibt die Idee, dass soziale Medien grundsätzlich gut sind, solange man sie nur vernünftig reguliert. Eine Datensteuer könne die Privatsphäre ausreichend schützen; mehr Gesetzgebung könne die Monopolmacht der Konzerne eindämmen.

Ausgedünnte Kritik

Das ist in erster Linie okay, in zweiter Linie kurzsichtig. Ironischerweise beginnt der Film mit der Frage an alle Interview-Partner: haben wir ein Problem, und wenn ja, was ist es? Alle geraten ins Stottern. Wo bleibt die Kapitalismuskritik? Warum tut der Film so, als ob die sozialen Medien Ungleichheit und Polarisierung verursacht hätten, anstatt aufzuzeigen, auf welche perfide Weise bereits existierende wirtschaftliche, politische und soziale Probleme durch soziale Medien verstärkt und ausgenutzt werden? Polarisierung ist nichts Neues. Dass die „Demokratie auf dem Spiel“ stehe, ist ebenso eine alte Leier liberaler Politik. Was genau daran schlimm ist, wo genau die Gefahr liegt, darüber schweigt der Film.

Mehr will er auch nicht – denn unterliegt ihm ein reaktionärer Unterton. Was die zweite Hälfte der Doku unterstreicht, ist das Unheil, das über eine gutbürgerliche amerikanische Kleinfamilie hereinbricht, als eines der Kinder Social-Media-süchtig wird. Über Facebook gerät der Junge, der nach und nach, dem klassischen Vorstadt-Eltern-Albtraum entsprechend, zum Smartphone-Zombie mutiert, in den Sog „alternativer Fakten“. Hier liegt zunächst eine der Stärken des Films: die Episode rückt den Effekt sozialer Blasen auf den politisch-öffentlichen Diskurs in den Mittelpunkt, vor allem den oft vergessenen Effekt der Desinformation, dass wir Andersdenkende für dumm erachten (weil wir nicht wissen, wie sie darauf kommen, zu denken wie sie denken).

Kulturkonservative Naturdoku?

Dann aber driftet das Beispiel ab. Eine fiktive Bewegung, Extreme Center genannt, überzeugt den Jungen mehr und mehr davon, dass man den Mainstream-Medien nicht glauben sollte. Die Zuschauer erfahren nie, was genau diese Bewegung will, aber sie ist eine klare Anspielung auf Verschwörungstheoretiker, irgendwie kombiniert mit Protestbewegungen à la Extinction Rebellion. Aktivismus und post-truth werden hier kombiniert als die drohende Gefahr dargestellt, die vom Manipulationseffekt sozialer Medien ausgehe.

Letztlich scheint der reaktionär-konservative Aspekt des Films dort durch, wo Protest indirekt insgesamt verurteilt wird. Als ob alle Demos eigentlich nur das Ergebnis von Manipulation wären. Das ist kein Zufall. Regisseur Jeff Orlowski ist eigentlich Natur-Dokumentarfilmer, und so ist Das Dilemma mit den sozialen Medien eigentlich auch eine Naturdoku. Hier ist eine Natur – die heile Welt der Vorstadt, das „soziale Umfeld“, „die Gesellschaft“ – vom Aussterben bedroht: von Marionettenspielern, die uns polarisieren und gegeneinander ausspielen wollen. Der politische Inhalt befindet sich dann letzten Endes doch genau darin. Die Nachricht scheint zu lauten: wir müssen zurück zur guten alten Gesellschaft, in der Wahrheit noch unanfechtbar war, in der es keine Polarisierung gab und die Demokratie noch nicht auf dem Spiel stand. Ein konkretes Beispiel für diesen wundersamen Urzustand bleibt Orlowski uns schuldig.

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https://blogs.taz.de/faktenprosa/2020/10/03/soziales-dilemma-oder-politisches-problem/

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