vonJan Eijking 18.11.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Bin ich ein Gerät – und wenn ja, wie viele? Wenn wir unsere körperliche Gesundheit am Smartphone-Schrittzähler festmachen, unser Selbstwertgefühl von Likes und LinkedIn-Empfehlungen abhängt, wir voneinander erwarten, immer und überall verfügbar zu sein, oder ungefilterte Fotos zur Rarität werden: dann messen wir unser Selbstverständnis an technischen Standards der Effizienz, Produktivität, Optimierung.

Trotzdem sorgen wir uns eher um menschenähnliche Maschinen als um maschinenähnliche Menschen. TV-Serien wie Black Mirror oder Humans bedienen das klassische Science-Fiction-Motiv des Mensch-Maschine-Verhältnisses aus Sicht des unveränderten Menschen: inwieweit werden technische Neuerungen unsere Menschlichkeit antasten oder bedrohen? Eine ganz andere, unter Umständen viel dringendere Frage ist aber das umgekehrte Problem: was tun, wenn wir uns mehr und mehr durch Augen der Maschine betrachten?

Entdeckung der messbaren Innenwelt

Quantifizierbare Betrachtungen der menschlichen Psyche sind nichts Neues. Schon Aristoteles machte sich in seinem Werk zur Logik Gedanken zur numerischen Messung physischer Objekte und Verhältnisse. Doch erst im neunzehnten Jahrhundert, als die moderne Statistik noch in den Kinderschuhen steckte, gewann die Selbstmessung an Zulauf: die Vorstellung, man könne jede noch so triviale Beobachtung in eine Tabelle eintragen, mit einer Nummer versehen, und so in “Daten” verwandeln, übte von Anfang an eine besondere Anziehungskraft aus. Jetzt sollte nicht mehr nur die Außenwelt quantifiziert werden, sondern eben auch die Innenwelt.

Eine parallele Entwicklung trug dazu bei, dass die Messbarkeit der Innenwelt vermehrt für selbstverständlich erachtet wurde. Schrittweise näherten sich Verhaltensforschung und Psychologie aneinander an. Maßgeblich beeinflusst von den Ideen John Watsons, erreichte von den 1920er Jahren an der Behaviorismus zentralen Status in der modernen Psychologie. Bis heute hat dieser Einfluss nur wenig nachgelassen. In seinem 1913 erschienenen Aufsatz Psychology As The Behaviorist Views It hatte Watson die introspektive Psychologie, jenes Wunderkind der Freudschen Psychoanalyse, von Grund auf in Frage gestellt.

Statt zu versuchen, den letztlich unergründlichen Tiefen der menschlichen Psyche auf die Spur zu kommen, schlug Watson vor, die Psychologie müsse sich auf beobachtbares Verhalten beschränken. Getreu dem Motto: was man nicht sehen kann, existiert nicht. Schluss mit dem Hokuspokus von Ödipus-Komplex bis Über-Ich. Von dem Moment an war der Aufstieg der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie kaum aufzuhalten. So ist die Annahme, man könne das Innenleben der menschlichen Psyche wissenschaftlich beobachten und mit den richtigen Instrumenten ablesen, bis heute zentraler Bestandteil psychologischer Forschung.

In der Nachkriegszeit entwickelte B. F. Skinner diese Ideen weiter. Seine Karriere gründete sich ganz auf der Theorie des “operant conditioning”, demzufolge man mittels behavioristischer Erkenntnisse rückwirkend menschliches Verhalten konditionieren könne. Verhalten lasse sich, so Skinner, im Wesentlichen auf Reiz-Reaktions-Vorgänge reduzieren: Verhalten sei eine erlernte Reaktion auf Belohnungen und Bestrafungen. Wie etwa Skinners Laborratten es lernten, einen Hebel zu betätigen, um mit Nahrung belohnt zu werden, lerne ein Schulkind, regelmäßig die Hausaufgaben zu erledigen, wenn es dafür jedesmal mit einem Fünf-Euro-Schein belohnt werde.

Also: Ratte = Mensch, Nahrung = Fünf-Euro-Schein. Man muss Stanley Kubrick’s Meisterwerk Clockwork Orange nicht gesehen haben, um die Grenzen eines derart reduktiven Menschenbildes zu erkennen. Im Film wird die Haftstrafe eines gewalttätigen Jugendlichen im Tausch für eine experimentelle Verhaltenstherapie erheblich verkürzt. Der junge Mann muss sich wochenlang brutales Videomaterial anschauen (seine Augen werden mechanisch offen gehalten), während ihm ein Mittel eingeflößt wird, dass Brutalität mit Brechreiz assoziiert. Der Film endet mit einer düsteren Frage: was von seiner Menschlichkeit bleibt übrig?

Der Behaviorismus lebt weiter

In den 1970ern und 80ern verlor der klassische Behaviorismus an Bedeutung, nachdem sich Kritik an seinen Annahmen gemehrt hatte. Ab Mitte der 70er Jahre gewann stattdessen der Kognitivismus an Bedeutung. Vom klassischen Behaviorismus bleiben uns jedoch Spuren im Alltag: IQ-Tests, Persönlichkeitstests, und die Verhaltenstherapie. Letztere erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, vor allem dank sichtbarer Erfolge der Verhaltenstherapie in der Behandlung von Sucht, Phobien, und Depressionen. Ein weniger sichtbares Erbe des behavioristischen Menschenbilds lebt in unserer Mitte weiter. Von Smartphone-Apps bis zu den Marketingstrategien sozialer Medien: behavioristische Reiz-Reaktions-Ketten bilden die Grundlage unserer emotionalen Abhängigkeit von Geräten. Diese Abhängigkeit füttert uns tagtäglich mit der Idee, dass wir wirklich nichts weiter sind als Fitness-Indikatoren, gezählte Schritte, verlernbare Angewohnheiten – Versuchskaninchen unserer selbst.

Der Like-Button ist heute das unverkennbare Symbol dieser Selbstvorstellung. Ganz den Skinnerschen Grundlagen der Verhaltenspsychologie entsprechend, bricht dieser unsere Hoffnungen, Wünsche, Ängste, Meinungen, Neigungen auf ein binäres System herunter: Dinge, die wir mögen oder nicht mögen. In Skinners Labor entdeckte die Ratte nach und nach, dass Nahrung immer dann auftauchte, wenn sie den Hebel betätigte. Auf dieselbe Weise lernen wir, welches Verhalten (welche Fotos, welche geteilten Links, welche Freundschaftsgruppen, welche Interessen) mehr Likes bekommt, und ändern unsere Gewohnheiten entsprechend. Die Sucht ist endlos: Skinners Ratte betätigt den Hebel immer wieder – bis sie sich zu Tode frisst.

Am Ende bestehen wir selbst dann vor allem aus den Menschen die wir “folgen”, den Fotos die wir “teilen”, und so weiter. Man muss kein nostalgischer Feind des Fortschritts sein, um darin ein Problem zu sehen. Die “Quantified Self”-Bewegung etwa erhebt die Geräte-basierte Selbstwahrnehmung zur Tugend und schlägt vor, künftig alles was wir tun aufzuzeichnen, um so negative Tendenzen (zu wenig Sport, zu viel Fernsehen, schwache Herzfrequenz, zu hoher Blutdruck, Zuckermangel, Vitaminmangel, unregelmäßiger Schlaf) frühzeitig erkennen und ihnen entgegenwirken zu können. Datensexuelle treiben das Ganze dann noch einen Schritt weiter.

Quadratisch und praktisch ist nicht gleich gut

Technische Lösungen für, zum Beispiel, Schlafstörungen klingen erstmal attraktiv. In seinem Buch “To Save Everything, Click Here” beschreibt Evgeny Morozov etwa Intels Lullaby, das genau das bietet. Dabei handelt es sich um ein System, das Daten aus Infrarotkameras, zwei passiven Infrarot-Bewegungssensoren, sowie Licht-, Luftqualitäts- und Temperatursensoren zusammenführt, um festzustellen mit welchen Umgebungsfaktoren Störungen des Schlafrhythmus des jeweiligen Nutzers korrelieren. Einmal dahingestellt, klingt die Sache wunderbar. Doch Morozov fragt zynisch: “Wie ist unser vorwissenschaftliches Selbst nur jemals darauf gekommen, das Fenster zu schließen und die Gardinen vorzuziehen?”

Dasselbe gilt für Diät-Apps, kontaktlose Bezahlung mit Google Pay, Treuepunkte-Apps oder Schrittzähler. Oder etwa die Gesundheitsapp im iPhone, die ohne dass man sie je geöffnet hat, täglich Schritte zählt. Öffnen Sie Ihr iPhone und suchen Sie nach der App: auch über Ihre Schritte wurde bereits eine Statistik erhoben! Apples Screentime gibt Benutzer*innen regelmäßig Auskunft über durchschnittliche Zeit vor dem Bildschirm (die Zeit lässt sich sogar nach genutzten Apps und besuchten Internetseiten aufteilen). Klingt nützlich: so kann ich mich etwa selbst dazu herausfordern, meinen Wochendurchschnitt nach und nach zu senken. Doch wollen wir diese Information? Brauchen wir sie? Oder ist sie eine weitere Form der Selbstwahrnehmung durch die Augen meines Smartphones?

Der Knackpunkt ist letztlich, dass die quantitativen Modelle und Lösungen unserer Maschinen nicht aus heißer Luft entstehen. Sie sind menschengemacht: ob von Selbstmessern des 19. Jahrhundert, Behavioristen des 20. Jahrhunderts, oder Smart-Watch-Fanatikern des 21. Jahrhunderts. Wenn uns aber das Menschenbild einer Handvoll Ingenieure und Informatiker so sehr in den Bann zieht, dass wir uns mitunter mit Geräten verwechseln, dann läuft etwas falsch. Wir sind Menschen mit komplexen Ideen, vielschichtigen Ansichten, und komplizierten Gefühlen, nicht bloß Reiz-Reaktions-Ketten. Wir sind mehr als unsere Likes und Tweets und TikToks: mehr als die Marketingstrategien der Monopole und Kartelle, die die sozialen Medien und unsere Smartphones dominieren.

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https://blogs.taz.de/faktenprosa/2020/11/18/wenn-wir-uns-mit-geraeten-verwechseln/

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