vonJan Eijking 15.12.2020

Faktenprosa

Keine Politik der Fakten kommt ohne Fiktion aus. Jan Eijking kommentiert Politik und Wahrheitsmanagement.

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Inzwischen, so scheint es, haben wir uns alle dran gewöhnt. Tagein, tagaus haben Studentinnen und Studenten dieses Jahr wohl die meiste Zeit ihrer Arbeitswoche vor dem Bildschirm verbracht – nicht mehr nur um Recherchen anzustellen, Papers zu lesen, und Hausarbeiten zusammenzuschustern, sondern jetzt auch für jedes Meeting, jede Vorlesung, jedes Seminar, jede Konferenz, jede Präsentation. 2020 war für eine Menge junger Menschen so digital wie noch nie.

Dass die Universitäten so schnell auf Microsoft Teams oder Zoom umschalten konnten, war allerdings nicht nur der Pandemie verschuldet. Grund hierfür war auch ein sich bereits seit Jahren vollziehender Wandel hin zur Digitalisierung des universitären Betriebs und Arbeitsablaufes, der vor allem an größeren Universitäten zunehmend Teil europaweiter, kosteneinsparender Umstrukturierungspläne wird.

Digitalisierung vor Corona

Bereits 2018, in der Ära vor Corona (so lang ist das gar nicht her), startete die Leuphana-Universität in Lüneburg etwa das Projekt „DataX“ zur Förderung sogenannter data literacy unter Studierenden. Bundesweit begrüßten viele das Projekt und lobten den Anreiz, die Digitalisierung in Deutschland nicht nur voranzutreiben, sondern auch das bekanntlich Technik-schüchterne Deutschland auf das Niveau von Nachbarländern wie Dänemark oder die Niederlande zu bringen.

Im selben Jahr empörte sich das Handelsblatt mit der heute amüsanten Schlagzeile: „Bund will Digitalisierung der Hochschulen erst ab 2020 fördern.“ Im März des Folgejahres beklagte dieselbe Zeitung, dass deutsche Hochschulen weiterhin „schlecht gerüstet für die Digitalisierung“ seien. Der Artikel beruft sich auf eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, nicht zufällig in Zusammenarbeit mit der notorischen Unternehmensberatung McKinsey, zum Thema „Future Skills“. Unterm Strich ergab die Handelsblatt-exklusive Studie: in den nächsten fünf Jahren benötige Deutschland „700.000 zusätzliche Tech-Spezialisten.“ Zudem ergebe die Untersuchung deutlich, dass „2,4 Millionen Erwerbstätigen Schlüsselqualifikationen wie die Fähigkeit zu agilem Arbeiten oder digitalem Lernen vermittelt werden“ müssen.

Eine Studie (2019) der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) für die Bundesregierung zum Schwerpunkt Digitalisierung bekräftigte die Diagnose. Lediglich „20,4% der Hochschulen“ stuften „den Gesamtstand der Digitalisierung als eher hoch oder hoch“ ein. Ebenfalls im März 2019 nahm die Kultusministerkonferenz (KMK) die Idee eines Digitalpakts für Hochschulen in Betracht. Dennoch gab sich im September 2019 auch der Tagesspiegel weiterhin ernüchtert. An der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft etwa versuche man, „von Klausuren mit Stift und Papier auf Prüfungen am Computer umzusteigen. Alles sollte einfacher und effizienter werden […] Doch zunächst fehlten Monitore für die Arbeitsplätze.“

Ohne die Notgedrungenheit einer Pandemie, wie wir sie jetzt täglich erleben, stand die Digitalisierung bereits 2019 ganz oben auf der Tagesordnung. Die Devise war schon vor Corona klar: die Bildung muss „digitaler“ werden. Was genau das bedeutete, war hingegen unklar – manche beriefen sich auf individuelle technische Kompetenzen und grundlegende Fertigkeiten, andere auf weitreichendere Umstrukturierungen für den Einsatz neuester technischer Mittel im Bildungsalltag.

Dammbruch in Zeiten der Pandemie

Nur wenige Monate später brach die Corona-Pandemie aus – ein Dammbruch für die Digitalisierung nicht nur in Fragen der Bildung. In einem Schub für cash-free business verbreitete sich die kontaktlose Bezahlung schneller als zuvor (obwohl Deutschland dieser vielerorts weiterhin mit Skepsis begegnet), und der Arbeitsalltag für Lehrer*innen, Ausbilder*innen, Berater*innen, und zahlreiche andere Berufe stieg nahezu vollständig auf Zoom um. So auch das Alltagsleben von Studierenden: von Einführungen über Vorlesungen bis hin zu Kaffeeklatsch und Parties. Die New York Times fasste den Wandel im März treffend zusammen: „We live in Zoom now.

Seither mehren sich radikale Stimmen der Umstrukturierung. Prof. Dr. Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität Berlin, schrieb etwa im Juli für die Zeit: „Die Corona-Pandemie zwingt uns, unser Handeln grundlegend zu hinterfragen.“ Sie werfe, so Thomsen, weiter, Fragen auf wie: „Welchen Wert haben Digital- und Präsenzlehre für den Lernprozess? Welche digitalen Formate eröffnen neue didaktische Optionen? Welche Formen der Präsenzveranstaltungen haben sich überlebt?“ Ein „einfaches Zurück“ werde es „nicht geben.“ Der Digitalpakt für Hochschulen müsse endlich her.

Dass der Trend zur Digitalisierung am Ende wenig mit Corona zu tun hat, dass die Pandemie nicht ihre Ursache sondern ihre Hebamme ist, verrät Thomsen wenige Absätze später. Durch Digitalisierung würde Deutschland „ortsunabhängiger. Es müssten sich – unabhängig von Corona – nicht mehr 800 oder mehr Menschen in einen Hörsaal drängen.“ Unabhängig von Corona spiele der Ort kaum mehr eine Rolle, Studierende würden zudem „zeitunabhängiger“, die Lehre flexibler, und die Wissensvermittlung „öffentlich zugänglich“ selbst für „Externe“.

Offener, flexibler, billiger – ein falsches Versprechen

Einst war das der Marktvorteil der Fernuniversität Hagen. Heute, in Zeiten der Pandemie, gilt das Modell Universität 2.0 für alle – unverhohlener denn je. Orts- und Zeitunabhängigkeit, Flexibilität und „Offenheit“ sind oft wenig mehr als Euphemismen für kosteneinsparende Umwälzungen, an denen sowohl die psychische Gesundheit von Studierenden wie Lehrenden als auch die Qualität der Bildung tendenziell leiden. Schon jetzt mehren sich Stimmen seitens Dozentinnen und Dozenten: sie seien „erschöpft“ und weniger motiviert als zuvor. Studierende etwa in Großbritannien, wo die universitäre Bildung mit hohen Gebühren verbunden ist, zweifeln vermehrt den Wert einer teuren, aber vollständig digitalen Bildung an: lohnt sich das Ganze noch, ohne Präsenz?

Fraglos ist 2020 ein Ausnahme-Jahr, und Stimmen à la „es gibt kein Zurück“ bleiben zweifelhaft. Dennoch wird eine Tendenz schnell zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung – und die Tendenz zur Digitalisierung ist attraktiv nicht nur für die üblichen Marktliberalen von McKinsey bis Christian Lindner, sondern auch für Regierungen, die sich über die Vorstellung billigerer Bildung die Hände reiben dürften. Es handelt sich allerdings nicht um ein Zukunftsmodell. Stattdessen ist die Zoom-Uni ein falsches Versprechen: ausgebrannte Dozent*innen, depressive Studierende und Online-Vorlesungen, bei denen von 2.000 Anwesenden keine 5% zu Wort kommen werden, bringen niemandem etwas.

Ehe wir die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung also unkritisch bejubeln, müssen wir uns die Frage stellen, inwieweit sie mehr als nur die praktischen Umstände der Pandemie erleichtert. Welche Probleme lösen digitale Mittel und Wege wirklich, und welche darunter sind aus Sicht der Bildung wirklich Probleme? Müssen Universitäten grundsätzlich flexibler, zeitunabhängiger, ortsunabhängiger werden? Bloß weil alles über Zoom stattfinden kann, sind allen zugängliche Massenseminare noch lange nicht besser, effektiver, oder auf irgendeine abstrakte Weise „demokratischer“. Wenn die Vermittlung von Bildungsinhalten darunter leidet, ist das Endergebnis negativ.

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