vonfini 09.08.2020

Finis kleiner Lieferservice

Eine philosophische Werkzeugprüfung anhand gesellschaftlicher und politischer Phänomene.

Mehr über diesen Blog

Gastbeitrag von Marian Henn, der derzeit miterlebt, wie das, was ich in vorherigen Analysen abstrakt beschrieben habe, in der andalusischen Provinz Huelva Anwendung findet.
(siehe Blogbeitrag: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland)

Innerhalb von nur fünf Tagen wurden durch das Abbrennen dreier Barackensiedlungen, überwiegend bewohnt von afrikanischen Wanderarbeiter*innen aus der Landwirtschaft, mehr als 500 Menschen obdachlos. Das Feuer hat nicht nur ihren Wohnraum zerstört, sondern viele verloren auch Ersparnisse und wichtige Unterlagen, die zu ihrer Legalisierung unerlässlich sind. Seit über drei Wochen campieren nun etwa 50 Betroffene auf dem Rathausplatz der Stadt Lepe. Sie fordern bedingungsloses Bleiberecht und den Zugang zu würdigem Wohnraum. 

Huelva: Von der „Provinz der Entdecker“ zur modernen Sklaverei

Die Provinz Huelva liegt am südwestlichsten Zipfel Spaniens und gehört zur autonomen Gemeinschaft Andalusien. Touristisch wirbt die Region mit einzigartigen Nationalparks und dem Slogan „Die Provinz der Entdecker“, denn im 15. Jahrhundert stachen von Huelva aus Kolumbus‘ Schiffe  in See und leiteten die koloniale Ära ein. Die Hafenstädte erlebten durch die koloniale Dominanz eine Epoche von großer Bedeutung und akkumulierten in der folgenden Zeit große Reichtümer. Heute erwirtschaftet die Provinz beachtliche Gewinne durch das „rote Gold“ – Der intensive Anbau von Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren sowie eine Vielzahl von Zitrusfrüchten haben die Region in ein Plastikmeer verwandelt, in deren Gewächshäusern Arbeiter*innen gnadenlos ausgebeutet werden. Allein der Sektor der roten Früchte hat im Jahr 2019 alle Rekorde gebrochen und weit über 700 Millionen Euro erwirtschaftet, das sind fast 10 % mehr als im Vorjahr. „Ich fürchte, dass vor vier oder fünf Jahrhunderten mit dem Sklavenhandel ein Samen gesät wurde, der hier in unserer Provinz aufging. Palos, Moguer, Lepe, Gibraleón, Huelva, Cartaya, all diese Städte waren vor vier oder fünf Jahrhunderten Sklavenmärkte. Jetzt werden zwar keine Sklaven verkauft, aber es ist ein ähnliches System, in modernem Anstrich. Was hat die Sklaverei mit sich gebracht? Nun, es scheint, dass es einige tief verwurzelte Zusammenhänge gibt…“, sagt José Antonio, Repräsentant der andalusischen Arbeiter*innengewerkschaft SAT (Sindicato Andaluz de Trabajadores). 

Das andere Ende der Nahrungskette

Viele tausend Tonnen des roten Goldes werden exportiert und finden sich in deutschen Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Rewe wieder. Während der Haupterntesaison zwischen März und Juni arbeiten rund einhunderttausend Arbeiter*innen auf den Feldern, in den Gewächshäusern und in den großen Lagerhallen. Neben einer Vielzahl von ‚autochthonen‘ Tagelöhner*innen aus den umliegenden Gemeinden und Regionen, wird ein Großteil der Arbeitskraft von migrantischen Saisonarbeiter*innen gestellt, die meisten aus Subsahara-Afrika, Marokko und Osteuropa. Die geringe gesellschaftliche Anerkennung und das klassistische Stigma als Tagelöhner*in führt dazu, dass die landwirtschaftliche Arbeit zunehmend an Menschen aus dem globalen Süden externalisiert wird. In der „Provinz der Entdecker“ zeigt sich eine postkoloniale Agrarwirtschaft, d.h. eine Landwirtschaft, die auf der Eingliederung von Arbeitskräften aus ehemaligen Kolonien und historisch beherrschten Gebieten beruht. „Innerhalb der Agrar- und Nahrungsmittelkette der roten Früchte sind die wichtigsten Glieder, autochthone Arbeiter*innen ausgenommen, das Kollektiv der marokkanischen Arbeiterinnen, die mit Saisonarbeitsverträgen kommen und das Kollektiv subsaharischer Saisonarbeiter. Und die wichtigsten Glieder dieser Kette sind gleichzeitig ihre schwächsten Glieder.“, verweist die andalusische Arbeiter*innengewerkschaft im Hinblick auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. „Das ist moderne Sklaverei. Die Arbeiter*innen tragen heutzutage keine Ketten mehr. Die Ketten, die die Arbeiter*innen tragen, ist die Not.  Die Überlebensnotwendigkeit zu arbeiten peitscht die Menschen an und es sind die Chefs, die Firmenleitungen die diese Bedürftigkeit gnadenlos ausnehmen.“ Insbesondere unter den subsaharischen Arbeiter*innen leben viele Menschen ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, ein nicht zu unterschätzender Faktor, der die potenzielle Ausbeutbarkeit um ein Vielfaches multipliziert.  Neben den prekären und informalisierten Arbeitsbedingungen charakterisiert sich der agrarindustrielle Komplex in Huelva durch eine rassistische Wohnraumsegmentierung, die tausende Arbeiter*innen in die sogenannten Chabola-Siedlungen zwingt. Bei den Chabolas handelt es sich um selbstgebaute Baracken aus Paletten, Plastikplanen und Schilfrohr. In der ganzen Provinz gibt es je nach zählweise etwa 40 Siedlungen. Allein in der Stadt Lepe, dem Agrarzentrum der Provinz, existieren laut der Migrant*innenorganisation Asnuci (Asociación Nuevos Ciuidadanos por la Interculturalidad) 13 Siedlungen. Bewohner*innen beklagen seit 20 Jahren die unwürdigen Wohnbedingungen ohne Wasser, Strom, sanitäre Anlagen und ein System zur Müllentsorgung. 

COVID-19 und der falsche Universalismus

Am 14. März diesen Jahres sollte der permanente Ausnahmezustand, in dem die Landarbeiter*innen in der Provinz leben, durch ein königliches Dekret zusätzlich verschärft werden, als in ganz Spanien aufgrund der Corona-Pandemie der ‚Alarmzustand‘ ausgerufen wurde. Erinnert sei an die mediale Kampagne #quedateencasa (#bleib zuhause), welche an die Eigenverantwortung der Bürger*innen appellierte. Die Menschen vor Ort wurden Zeug*innen eines falschen Universalismus, der davon ausgeht, alle Menschen hätten gleichermaßen die Möglichkeit zu Quarantäne und Home-Office. Wie sollen Menschen zuhause bleiben, wenn sie kein Zuhause haben? Wie sollen Menschen den Sicherheitsabstand einhalten, wenn sie sich nur wenige Quadratmeter Wohnfläche teilen? Wie sollen Menschen sich regelmäßig die Hände waschen, wenn sie keinen Zugang zu fließendem Wasser haben? Vom Zugang zu anderen staatlich finanzierten Maßnahmen wie Kurzarbeit oder dem kürzlich eingeführten Grundeinkommen ganz zu schweigen. „Nun, als der Staat sagte, dass man zu Hause bleiben muss, da wusste ich, dass es für die Leute, die hier leben, sehr schwierig ist, zu Hause zu bleiben. Denn in einer Chabola zu leben bedeutet, in Not zu leben. Du musst die Siedlung verlassen, denn es gibt kein Wasser, kein Strom, kein Bad, nichts. In den Baracken zu bleiben, um sich zu schützen, ist unmöglich.“, kritisiert ein senegalesischer Aktivist der Organisation Asnuci den mangelnden Schutz der Landarbeiter*innen in Zeiten der Pandemie. 

Systemrelevant und ausgebeutet

Ende März 2020 versammelten sich um 20:00 Uhr Menschen in Spanien auf ihren Balkonen, um dem Gesundheitspersonal für ihren unermüdlichen Einsatz in der Pandemie zu danken. Es entfachte sich plötzlich eine Debatte um systemrelevante Berufe und das dahinterstehende System. Auch die Produktionsweise von Nahrungsmitteln sollte stärker in das Zentrum der Debatte gerückt werden. In der globalisierten neoliberalen Gesellschaftsordnung sind Nahrungsmittel nichts als ein Produkt, mit dem an der Börse spekuliert werden kann, sie sind entfremdet von ihrem eigentlichen Zweck, das menschliche Leben zu erhalten und grundlegende Ressourcen für die soziale Reproduktion zu liefern. Während Millionen von Spanier*innen die Ausgangssperre als ‚Befreiung vom Alltagsstress‘ empfanden, riskierten die Erntehelfer*innen tagtäglich ihre Gesundheit, um das ‚System am Laufen zu halten‘. Die Corona-Pandemie führt vor Augen, wie weit unsere Ernährungssouveränität im Norden, von ausgebeuteter, meist migrantischer Arbeit aus dem Süden abhängt.  Ana Pinto vom Kollektiv jornaleras de Huelva en lucha (Tagelöhnerinnen aus Huelva im Kampf), eine Arbeiterinnenselbstorganisation mit feministischem und antirassistischem Ansatz, berichtet während des Alarmzustands von der Realität in den Gewächshäusern: „Die Pandemie und der Alarmzustand haben bewirkt, dass die Prekarität und die Vulnerabilität der Arbeiter*innen auf dem Feld und in den Lagerhäusern weiter zugenommen hat. Sicherheitsvorkehrungen und Abstände werden nicht eingehalten, auf manchen Höfen haben die Arbeiter*innen kein Wasser, um sich die Hände zu waschen. Bei einem Infektionsverdacht versucht das Unternehmen Gefährdungen unter den Teppich zu kehren und gibt keine Informationen an die Arbeiter*innen weiter, damit die Menschen die Arbeit fortsetzen.“ Für Illegalisierte brachte zudem der Alarmzustand das erhöhte Risiko von Polizeikontrollen mit sich. „Einige von uns ohne Papiere hatten Angst aufs Feld zu gehen und sind letztlich drei Monate ohne Arbeit, also ohne Einkommen, in ihrer Chabola zurückgeblieben“, erzählt der Aktivist von Asnuci.

Es wurden Arbeiter*innen gerufen, doch Menschen kamen an

Ende Juni trat Spanien in die „neue Normalität“ ein.  Weil in Huelva die Haupterntesaison beendet war, zog der Großteil der Arbeiter*innen in andere Regionen weiter, vor allem nach Lérida, Albacete und Murcia. Zwischen dem 13. Und 17. Juli kam es in den Ortschaften Lepe und Lucena del Puerto zu drei Bränden in Chabolasiedlungen, bei denen etwa 500 Menschen obdachlos wurden. Zwar lässt der Blick von außen auf eine Chabola-Siedlung nur einen Dschungel aus Paletten und Plastikplanen erkennen, doch die Siedlungen bergen eben auch vielzähligen Migrationsprojekte, sie spiegeln individuelle und kollektive Überlebensstrategien, die durch die höllischen Flammen verschlungen wurden.  Auch Ersparnisse und zur Legalisierung des Aufenthaltsstatus notwendige Dokumente wurden im Feuer vernichtet. Diese Brände sind nicht nur hochgradig lebensgefährlich, wie der Tod eines marokkanischen Saisonarbeiters bei einem Brand in einer Siedlung in Palos de la Frontera letztes Jahr gezeigt hat, sie sind darüber hinaus Ausdruck des institutionellen Rassismus, der sich durch alle Behörden zieht. Vermutlich wurden die Brände gezielt gelegt, zur Aufklärung werden kaum technische und personelle Ressourcen mobilisiert. Zudem erhalten die Betroffenen keinerlei Unterstützung. Notunterkünfte in leerstehenden Schulen oder Turnhallen werden nicht bereitgestellt. Manuel Mora, der Bürgermeister von Lucena del Puerto, sprach sogar in einem Interview mit den Radiosender Cadena Sur Andalucía von einer neuen Null-Toleranz-Politik gegenüber „illegalen Siedlungen“ und „illegalen Bewohnern, die einfach keine Miete zahlen wollen.“ Stattdessen trennte man als erste Maßnahme einen öffentlichen Wasserzugang ab, darüber hinaus investierte die Gemeinde von Lucena Tausende von Euros in einen Bagger, der rücksichtslos über den Lebensraum hunderter Menschen hinwegrollt. Dabei waren die migrantischen Erntehelfer*innen noch vor wenigen Monaten eine gern gesehene Reservearmee zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktion und auch der Bau neuer Chabola-Siedlungen wurde wohlwollend toleriert. „Wenn sie uns brauchen, benutzen sie uns. Wenn es keine Arbeit gibt, werfen sie uns in den Müll“, fasst der senegalesische Aktivist vom Asnuci-Kollektiv die Situation zusammen.

Tatsächliche Solidarität

Ansatzweise ist die Strategie der Brandanschläge aufgegangen und ein Großteil der subalternen Arbeiter*innenschaft hat mit dem verbliebenen Hab und Gut das Weite gesucht und kommt höchstwahrscheinlich bis zur neuen Erntesaison des roten Goldes nicht mehr zurück. Ein anderer Teil der Betroffenen toleriert allerdings die rassistischen Ausbeutungsverhältnisse nicht länger, die seit über 20 Jahren in der Provinz herrschen. Seit über drei Wochen hält eine Gruppe von etwa 50 Personen den Rathausplatz in Lepe besetzt, um auf die Situation aufmerksam zu machen. „Wir gehen hier erst weg, wenn es eine würdige Lösung gibt.“, heißt es in einer Presseerklärung des Protestbündnisses Solución Asentamientos. „Wir sagen BASTA. Wir sind keine Wegwerfarbeiter*innen. Wir sind Menschen mit Rechten und Würde. Und wir sind gleichfalls Bürger*innen dieser Provinz.  Wir lösen uns nicht einfach in Luft auf, wenn die Erntesaison aufhört“, führt das Manifest weiter aus. „Am Ende sagen wir deutlich: Eine würdige Lösung ist nicht vergleichbar mit ALMOSEN. Wir wollen nichts umsonst. Wir sind Arbeiter*innen, und wir sind in der Lage Miete zu bezahlen, um in einer anständigen Unterkunft zu leben. Wir fordern Gleichheit. Wir fordern soziale Gerechtigkeit!“ Unsere Aufgabe liegt darin, migrantische Kämpfe, wie sie aktuell vor dem Rathaus in Lepe geführt werden, solidarisch zu begleiten. Wir dürfen nicht weiter hinnehmen, dass Menschen aufgrund eines feudalen Systems der Staatsbürger*innenschaft und durch repressive Ausländer*innengesetze systematisch entrechtet werden. „Häuser für alle, oder alle auf der Straße! Papiere für alle, oder alle ohne Papiere!“, schallt es lautstark vom Rathausplatz.

 

Marian Henn absolviert derzeit einen Master-Studiengang mit den Schwerpunkten der Friedens- und Menschenrechtsförderung an der Universität Cádiz. In Andalusien engagiert er sich in der antirassistischen Bewegung und beobachtet das Zusammenwirken von Grenz- und Arbeitskraftregimen während der Corona-Pandemie. Der Artikel bietet einen Einblick in das Forschungsprojekt seiner Abschlussarbeit.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/finiskleinerlieferservice/2020/08/09/der-aufstand-der-unsichtbaren-haende/

aktuell auf taz.de

kommentare