Gulistan klingt wie ein Land. Aber Gulistan ist ein Name. Es ist nämlich der Name der Protagonistin in diesem Buch, das im Dumontverlag erschienen ist und das für das Finale vom Deutschen Buchpreis 2026 nominiert wurde. Es kostete Kraft, mich durch die ersten Seiten zu lesen und zu verstehen, was hier eigentlich passierte. Aber die Sprache dieser Gulistanerzählung war von Anfang an so schön und so manisch, dass sie mich ganz bald schon nicht mehr losließ. In mich hineinkroch und sich meiner bemächtigte.
Gulistan ist ein arabisches Wort und es bedeutet Rosengarten. Die Schönheit dieses Rosengartens hat schon der persische Dichter Saadi im 12. Jahrhundert erdichtet. Sein Hauptwerk „Gulistan“ ist ein Prosatext, der durchzogen ist von Aphorismen und Gedichten wie dem Folgenden:
Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.
Auch der auf dem Buchtitel als Roman bezeichnete Prosatext Gulistan von Karosh Taha schwankt zwischen den verschiedenen literarischen Gattungen hin und her. Gulistan, die Protagonistin dieser Mischung aus Lyrik und Prosa, in der sie, die Protagonistin, mal das Ich, mal das Sie, mal ein Es ist, ist vor allem eine, die nicht die Schönheit und den Duft und Farbe der Rose spürt, nach der sie benannt ist, sondern sie erfährt schon gleich zu Beginn einen großen Schmerz; ihr geliebter Mann Ciya (der Berg) wird von Handlangern des Regimes im Irak fortgeholt. Als sie sich auf den Weg zum Polizeirevier macht, um nach ihm zu suchen, wird auch sie festgenommen, vergewaltigt, gequält. Weniger später erscheint ihr ihr Mann, aber sie sieht in ihm einen Doppelgänger von Saddam Hussein.
„Die Geheimwesen fragten Gulistan: Ist das Saddam oder dein Mann. Aber sie sagte: Sie sind es beide. Manchmal kommt der echte und manchmal kommt der Erlogene. Der Erstunkene. Der Wahnsinnige. Der Gehörnte. Dein Vater kommt. Dein Sohn kommt. Dein Bruder kommt. Und alle haben ein Schwert dabei. Und enthaupten dich. In einem Bad deine Unterwelt. In jeder Ecke deines Hauses. WIr sind der Ort, wo gestern etwas geschah. Wir sind der Ort, der deinen Körper verbarg, geträumt von dir. Nenne uns beim Namen.“
In der wahnwitzigen bedrohlichen Welt der Diktatur gibt es keine Sicherheit und Gewissheit, für Niemanden. Und Niemandem ist zu trauen. Wahn und Traum und Fantasie und Schmerz und Glück vermischen sich im Buch zu einem irren Text, in den immer wieder kurdische Worte und auch viele Stellen und Anspielungen aus dem Koran eingeflochten sind, dessen Struktur und Denken eine wichtige Rolle in den Gesprächen der Menschen in diesem Buch spielt.
Die Kinder Adams sind aus einem Stoff gemacht,
als Glieder eines Leibs von Gott, dem Herrn, erdacht.
Nicht nur gattungsmäßig, sondern auch in formaler Hinsicht schwankt der Text auf verschiedenen Ebenen hin und her. Eine Parallelerzählung derselben Geschichte, die erst mit nur wenigen Zeilen unter einer jeden Seite beginnt, wird nach und nach so stark, dass sie bald die ehemalige Handlung von über dem Strich zu verdrängen scheint. Auch konkrete Poesie kann man in dem Buch finden, wird von einem Schuss gesprochen, ist auf einmal ein großes Loch im Text. Zur Strukturierung und zum Verständnis der Handlung dient, dass jeder der sich immer mehr im Schmerz steigernden Kapitel mit Ausschnitten aus einem Gespräch eingeführt wird, das der Leibarzt von Saddam Hussein mit einem Journalisten geführt hat und in dem es um Saddam Hussein aus der Sicht eines Insiders geht.
Sobald ein Leid geschieht nur einem dieser Glieder,
dann klingt sein Schmerz sogleich in ihnen allen wider.
Karosh Taha, 1987 geboren im Irak und aus diesem im Kleinkindalter mit ihren Eltern und vor dem Diktator Saddam Hussein nach Deutschland geflüchtet, hat die Metaphorik und Kraft und Schönheit der arabischen Sprache und den Schmerz über den Verlust und die Grausamkeiten in ihrem Heimatland scheinbar mit der Muttermilch aufgesogen. Sie findet in ihrem neuen Buch einen kongenialen deutschsprachigen Ausdruck dafür. Dass das manchmal und gerade zu Beginn weniger auf eine nachvollziehbare Handlung als mehr auf – oft sehr schockierende – Beschreibung geht, ist vielleicht der Fabulierlust der Erzählerin geschuldet. Aber Fabulierlust ist ein viel zu oberflächlicher und positiver Begriff für das, was die Autorin tut. Denn Taha geht wortwörtlich in die Hölle mit ihrer Sprache. Und findet erst ganz am Schluss die Erlösung, nach der sich schon die ganze Zeit über gesehnt haben muss. Ohne dieses Sehnen hätte sie die Schmerzen beim Schreiben wohl auch nicht überstanden. Dafür, für diese Erlöung, ist ihr zu danken.
Dieses Buch ist ein von einer Frau geschriebenes Buch und auch und vor allem ein Buch über Macht und Machtmissbrauch durch Männer, gesehen aus der Perspektive ihrer Opfer. Denn immer sind es Männer, die anderen Männern und insbesondere auch deren Frauen und Töchtern das Schlimmste antun. Wer nach der Lektüre dieses Buches noch ein gutes Wort für Saddam Hussein und andere Diktatoren übrig hat oder sich für den Krieg ausspricht, der vor allem von Männern geführt wird, muss verrückt sein. Verrückter fast als Gulistan, der Rosengarten, die all das Furchtbare erlebte und sowieso verrückter als Karosh Taha, die es aufschrieb. Oder, wie es so schön bei Saadi heißt:
Ein Mensch, den nicht die Not der Menschenbrüder rührt,
verdient nicht, dass er noch des Menschen Namen führt.
Ich drücke Karosh Taha sehr die Daumen, damit sie den Buchpreis gewinnt! Verdient hat sie es auf jeden Fall!
ichh wüsste sehr gern, wer das gedicht von saadi ins deutsche übersetzt hat?