vonfuchsbau 06.08.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Während Maksymilian das Haustor zufallen ließ, warf er – nicht zum ersten Mal – mit seinem Mantelsaum die Buchsbaumkugel samt Topf um. Die Pflanze fiel geräuschlos auf den weichen schneebedeckten Boden. Für gewöhnlich hob er sie gleich wieder auf und ließ die verstreute Erde, im Winter zumindest, unter dem Schnee verschwinden, an diesem Tag aber bemerkte der junge Schriftsteller sein Missgeschick nicht. Stattdessen schlenderte er in einem gemütlichen Tempo los, denn allzu kalt war es nicht, und hielt seinen Mantel, dem sämtliche Knöpfe fehlten, mit beiden Händen zu.

Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit waren auf den Straßen noch viele Menschen unterwegs. Wie auch Maksymilian gingen sie mitten auf der Straße, denn nur selten verirrte sich bei diesem Wetter und um diese Zeit ein Auto in die Innenstadt. Pärchen kreuzten seinen Weg, junge und gealterte, manche hielten Händchen und küssten sich, andere zankten und waren genervt. Touristen gingen mit vollen Einkaufstüten in Richtung ihrer Hotelzimmer, staunten über die gut erhaltene, altertümliche Architektur der niedrig gebauten Stadt an der Weichsel, die sie für wenige Tage in eine längst vergangene Zeit zu entführen vermochte, in eine Zeit der tapferen Ritter und holden Maiden, der Burgen und Drachen.

Für einen Augenblick blieb Maksymilian stehen. Vor einem bejahrten Kino in einer Seitenstraße präsentierte ein Aufsteller den frisch angelaufenen Streifen Gomorrha. Auf dem Filmplakat war ein surreales Motiv zu sehen, eine im Viereck liegende Schlange. Es war eine Acrylmalerei, die Maksymilian nur zu gut kannte. Er war dabei gewesen, als Valeska sie angefertigt hatte, hatte währenddessen gemeinsam mit Mateusz dessen Text geprobt, für eben diesen Film, wie das Plakat auch verriet, denn in Großbuchstaben stand über der Schlange: Mateusz Michalski. Maksymilian ging die wenigen Meter ins Gässchen, trat unvermittelt und mit voller Wucht gegen den Aufsteller, drehte sich wieder um und flüsterte: »Ich muss raus aus dieser Stadt«, ohne den eingeschüchtert aus dem Kinoeingang blickenden, jungen Ticketverkäufer und dessen leises »Hey« weiter zu beachten.

Am Ende seines Gässchens angekommen, kurz vor der Mündung in den großen Hauptplatz, geriet Maksymilian ins Kreuzfeuer einer Gruppe Jugendlicher, die sich eine erbitterte Schneeballschlacht lieferte. Mit viel Gelächter und Geschrei erfüllten die Heranwachsenden den Abend mit Leben, gruben sich bis auf das Kopfsteinpflaster durch den Schnee und hielten erst inne, nachdem eines ihrer Geschosse Maksymilian am Rücken getroffen hatte.

Dieser bemerkte die unbeabsichtigte Attacke gar nicht, doch es schien, als ob, denn er blieb abermals kurz stehen, um eine weitere Erinnerung vor seinem geistigen Auge abzurufen. Genau an diesem Ort hatten auch seine Freunde und er einander im Winter einmal mit Schneebällen beworfen. Es muss in dem Jahr gewesen sein, entsann er sich, in dem wir die fliehenden Füchse gegründet haben. Damals hat mir Mateusz mit einem Ball ordentliches Nasenbluten verpasst … genau, genau.

»Entschuldigen Sie, Herr«, hörte Maksymilian und ging weiter – davon überzeugt, dass die Kinder jemand anderen gemeint hatten – über den malerischen Rynek Główny*, der nachts zu dieser Jahreszeit dem Inneren einer Schneekugel glich.

* Hauptplatz

Kommenden Montag geht es weiter, mit den jungen Füchsen und ihrem Fuchsbau.

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