vonfuchsbau 13.08.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Der Hauptplatz bestand aus einer beeindruckend weitläufigen Fläche, vollständig gepflastert und vom Licht hunderter antiker Laternen beleuchtet. Er war so groß, dass gleich mehrere Sehenswürdigkeiten drauf Platz hatten: Kirchen, Türme und Statuen. In dessen Mitte standen die Tuchhallen, ein längliches Gebäude der Renaissance, in dem Felle, Ringe, Holzkästchen und weitere mehr oder weniger praktische, handgefertigte Mitbringsel verkauft wurden. Außen, um die Hallen herum, drängten sich viele kleine Cafés und Restaurants aneinander, bemüht, die Aufmerksamkeit der flanierenden Passanten zu erhaschen. Nicht anders verhielt es sich um den ganzen Hauptmarkt herum, der von zahllosen geschichtsträchtigen Häusern und ihren – bis zum letzten Platz – gut gefüllten, geheizten, nach Braten, Teigtaschen, geräuchertem Speck und allerlei weiteren Köstlichkeiten duftenden Gaststuben umringt war.

Die Weihnachtsbeleuchtungen und der Schmuck hingen noch; Schneekristalle aus Papier, Zweige von Nadelbäumen, Christbaumkugeln, Weihnachtsgebäck- und Präsentattrappen. Ob der visuellen Herrlichkeit kamen die Gäste, die aßen und ihre ohnehin schon vom kalten Wind geröteten Wangen mit ihren Glühbieren und Glühweinen noch rötlicher machten, kaum noch aus dem Grinsen heraus. Eingekuschelt in ihre warmen Wollpullover, fühlten sie sich in dieser nachweihnachtlichen Atmosphäre sichtlich wohl.

Wie die Motte zum Licht, steuerte Maksymilian auf ein besonders bunt ausgeschmücktes Café-Restaurant – das Europejska – zu, blieb vor der Glasfront reglos stehen und beobachtete die Szenerie, bemüht, das Plakat mit dem lebensgroßen Michał auf der Litfaßsäule nebendran auszublenden.

Maksymilian konnte den Braten und den Wein förmlich schmecken, derart herrlich waren die Speisen angerichtet. Ferner stellte er sich vor, wie gut ihm jetzt die Wärme der Heizung tun würde. Bei diesem Gedanken begannen sich unter der dicken Kleidung die Härchen auf seinen Armen aufzurichten.

Er genoss diesen Anblick, der wie geschaffen war, um ihn zu beschreiben. Vielleicht im nächsten Bericht, dachte er. Maksymilian spürte ein leichtes Ziehen am Ärmel seines Mantels. Es war ein junges Mädchen, um die sechzehn Jahre jung, das ihn mit leuchtenden Augen anstarrte und den Mund kaum aufzumachen vermochte – hinter ihr die Eltern und ein kleiner Junge, vermutlich der Bruder des Mädchens.

»Entschuldigen Sie, ich möchte nicht stören, aber könnte ich ein Autogramm von Ihnen haben?«

Mit einem aufgeregten Zittern in ihrer Stimme überreichte das Mädchen dem Schriftsteller einen Stift und eine Ansichtskarte, auf der die Burganlage Wawel zu sehen war und welche sie vermutlich während ihres Spazierganges mit der Familie erstanden hatte.

»Natürlich, wie ist dein Name?«

»Anja. Danke. Ich mag Ihre Geschichten über Mateusz sehr!«

Maksymilian unterschrieb auf der Rückseite der Karte, ungeschickt auf einem Bein stehend und das Stück Karton auf dem anderen Oberschenkel abstützend, kritzelte noch eine Widmung hin und überreichte sie dem Mädchen, das rot wurde und sich zu Mama verkrümelte, nachdem er ihr zum Abschied einen Handkuss geschenkt hatte. »Das freut mich.«

Die freundliche Familie verabschiedete sich im Chor: »Auf Wiedersehen.« Lediglich der Vater blickte etwas missgestimmt drein.

Aufgrund der Unterbrechung aus seinem kreativen Takt geraten, wandte Maksymilian seinen Blick vom Restaurant ab, sah hoch zur nächstgelegenen Laterne, dann zur nächsten und weiter, die ganze Reihe entlang, deren Ende im Flockentanz verschwamm. Er wusste, dort hinten, wo ihn die Laternenreihe hinführen würde, da musste er sich seiner Vergangenheit stellen, in der Ulica Gołębia* Nr. 1, wo Michał wohnte.

* Straße der Tauben

 

Bis kommenden Montag… Hitze genießen!

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