vonfuchsbau 20.08.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Gegenüber von Michałs Wohnhaus, im dunklen Fleckchen genau zwischen den Lichtkegeln zweier benachbarter Wandlaternen, stand Maksymilian gegen die Wand gelehnt, über ihm ein gläsernes Vordach. Mit seinem nachlässig um den Hals geworfenen Schal wischte er sich die triefende Nase ab. Ein Bein leger über das andere gelegt ließ er seine Glücksmünze, ein goldenes 20-Yen-Stück, das er immer dabeihatte, in seiner rechten Hand zwischen den Fingern wandern – wie immer, wenn er nervös war. Ab und an durchschritten Passanten seinen nebligen Atem, doch Maksymilian beachtete sie nicht weiter, den Kopf starr nach oben gerichtet, auf die beiden Fenster im ersten Stock über dem italienischen Pasta-Restaurant.

Die Wohnung hinter diesen Fenstern kannte er nur zu gut. Dutzende Male hatte Maksymilian dort übernachtet, auf einem schwarzen Ledersofa, wo er abends mit Broten verpflegt und morgens mit einem Kaffee begrüßt worden war – früher, als er und Michał noch Freunde gewesen waren.

Aus einem gekippten Fenster drangen leise die Töne von Tschaikowskys Danse hongroise an Maksymilians Ohr. Und hätte er jetzt gerufen, hätte Michał ihn mit Sicherheit gehört, ihn vielleicht sogar reingelassen, vielleicht aber auch das Fenster geschlossen oder die Musik lauter gedreht, also ließ er es bleiben, verweilte weiterhin stumm gegen die Wand gelehnt und beobachtete Michałs gut an der Zimmerdecke zu erkennenden, tanzenden Schatten. Offensichtlich verinnerlichte er letzte Schritte für seinen morgigen Auftritt in der Oper, den letzten Abend, an dem Schwanensee in dieser Besetzung und unter dieser Leitung aufgeführt werden sollte.

Bestimmt stehen all seine Möbel nach wie vor aneinandergereiht an den Wänden, in der Mitte ein leerer Raum zum Tanzen, überlegte Maksymilian. Wieso nur hat er mir diese SMS geschrieben? Nach so langer Zeit! Eine halbe Stunde stand er vor dem Fenster seines ehemaligen Kameraden, dachte über Vergangenes nach und betrachtete den Schatten des fleißigen Tänzers.

Nach langem Abwägen, ob er nun hinaufgehen sollte oder nicht, entschloss sich Maksymilian, doch nicht an der Türklingel mit dem Aufkleber eines kleinen Bärchens neben dem Namen zu läuten. Nicht heute. Es war schon spät und Maksymilian hätte an diesem Abend sicher nicht mehr die richtigen Worte gefunden. Morgen. So ist es besser. Ich besuche ihn vor seinem Auftritt, wie früher. Er steckte seine Münze zurück in die schmale Uhrtasche seiner Jeans, warf ein Schalende über seine Schulter und ging weiter, den Mantel erneut mit beiden Händen zuhaltend.

*

Am 27.08 geht es weiter!

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