vonfuchsbau 22.10.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Maksio bekam das erste Bier. Mateusz schnappte sich ein Zweites, diesmal vorsichtig, und wiederholte die Prozedur. Plopp – Flug – Schaum.

»Prost! Auf den Beginn einer neuen Freundschaft« Der draufgängerische Tagedieb hielt seine überschäumende Flasche hoch, Maksio stieß an, Mateusz nahm einen großen Schluck, und Maksio, der zum ersten Mal in seinem Leben Alkohol trank, tat es ihm nach, doch zugeben wollte er das nicht.

»Mhh, sehr gut«, sagte er, und Pfui, bitter dachte er.

Lange blieben sie nicht. Ihre Erkundungstour hatte den Zenit an Abenteuerlichkeit überschritten und der warme Sommertag lockte sie nach draußen. Mateusz schnappte sich vier Biere – die angefangenen ließen sie vor Ort stehen –, steckte sie in Maksios Rucksack und führte das Einsatzkommando ins Freie, erneut in eine Rolle schlüpfend, diesmal in die eines Offiziers, der mit seinem letzten Soldaten aus der Schusslinie flüchten musste.

An einer der vielen gut versteckten Stellen auf dem Rücken des Deiches wurde die Beute ausgepackt und getrunken. Es sollte ein genussvoller Nachmittag inmitten der schönen Natur werden, und auch wenn die Umsetzung erst voll und ganz aufzugehen schien, begleitet von viel wirrem Geschwafel und Gelächter, nahm der Nachmittag doch schnell eine ungewollte Wendung. An den Alkohol nicht gewöhnt, retournierte Maksio ihn nach der Hälfte der zweiten Flasche. Danach konnte er nur noch im Gras liegen, lachen und weinen, spucken und furzen, und all das gleichzeitig. Er verlor jegliche Kontrolle über Körper und Geist. Mateusz legte sich neben Maksio, lachte mit und bemühte sich, dem Leidenden ein gutes Gefühl zu geben, tätschelte und umarmte ihn, trank sein zweites Bier aus und schlief, kurz nach Maksio, ebenfalls ein.

Als die beiden Kleinspurganoven vom Summen einer riesigen, beinahe walnussgroßen Hummel aufwachten, die über ihren Köpfen kreiste, waren Stunden vergangen. Die Sonne würde bald verschwinden. Gerade balancierte sie noch einen Hügel am Horizont hinab und die Jungs waren beide knallrot.

»Mann, ich fühle mich wie ein Klumpen Kotze«, sagte Maksio mit schmerzendem Kopf und Restübelkeit im Bauch.

»Das ist so am Anfang«, meinte Mateusz, der sich blendend zu fühlen schien. »Nächstes Mal wird es besser. Wirst schon sehen.«

Aus Maksio kamen nur noch ein Blubbern und der Satz: »Ich will nach Hause.«

Auf dem Nachhauseweg kreuzten die beiden einen Bach, in dem sie mit ihren zu Schaufeln geformten Händen gierig Wasser schöpften. Mindestens einen Liter des frischen Quellwassers trank jeder von ihnen. Erfrischt und ein kleines bisschen lebendiger ging es weiter. Am Bahnhof angekommen, von wo aus Mateusz seinen Zug nach Krakau nehmen musste, teilten sie Maksios verbliebene Semmel brüderlich miteinander.

»Danke, Mann! Das war jetzt notwendig. Du bist schwer in Ordnung«, komplimentierte Mateusz.

»Du auch, du auch«, wiederholte sich Maksio, dem seine Übelkeit ins Gesicht geschrieben stand, geistesabwesend und gequält.

Auf dem Gleis mit der Nummer 1 standen sie sich gegenüber und lächelten, müde und mit glasigen Augen, doch überwiegend glücklich. Maksio und Mateusz verzichteten darauf, Telefonnummern oder Adressen auszutauschen, denn beide hatten ein gutes Gefühl, dass dies nicht ihre letzte Begegnung gewesen sein würde, also vertrauten sie auf ein Wiedersehen.

»Bis dann, Maksio.«

»Bis zum nächsten Mal!«

Mateusz sah Maksio hinterher, als dieser dem schmalen Pfad über die Schienen folgte.

*

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