vonfuchsbau 12.11.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Freunde hatte der vierzehnjährige Junge aus der Vorstadt keine, und er wollte auch keine, zumindest nicht die Gleichaltrigen aus Miasto, denen er allesamt schweren Idiotismus attestierte. Diese Abwehrhaltung von Maksio seiner Umwelt gegenüber war leicht nachzuvollziehen, denn sein Städtchen war voll von Rüpeln, und die hatten es auf Kleine und Schwache abgesehen, solche wie Maksio eben. Er zählte nicht einmal zu den ärmsten Opfern der kleinen Fieslinge, doch seit er vier Monate zuvor eine Hornbrille mit dickem Gestell bekommen hatte, war es auch für ihn schlimmer geworden.

Trotz seines einsamen Herumlungerns war der schüchterne Außenseiter aber nie alleine, denn wenn er über die Felder, Wege und den Deich wanderte, begleiteten ihn gleich mehrere Gefährten, ausgedachte, zugegeben, doch sie spielten mit ihm und deshalb mochte Maksio sie.

Da gab es zum Beispiel den spanischen Baron, gekleidet in einen klassischen schwarzen Anzug, Reitstiefeletten und einen langen, rot-schwarzen Umhang, bestückt mit Klappzylinder, Monokel und Gehstock. Seinen Akzent bekam Maksio nur selten zu hören, denn der Baron war schweigsam, ging meist voraus und spähte, ob Gefahr im Verzug war. Auch wenn die beiden kaum miteinander sprachen, der Junge mochte seinen achtsamen und ältesten Begleiter sehr – die Vorhut, sozusagen.

Neben Maksio schritt ein namenloser, weißgrauer Riesenwolf, der seinem Herrchen im Stehen direkt in die Augen blicken konnte. Ein milchiger Schleier überzog die Iriden und Pupillen des Raubtieres, denn es war blind, und trotzdem, der Wolf vermochte Maksio Stärke und Selbstbewusstsein zu verleihen. Wenn er angreifen oder weglaufen musste, dann tat der Wolf es ihm nach wie ein Schatten und wich nicht von seiner Seite. Schlief Maksio, so schlief auch der Wolf neben ihm, saß der Junge, dann saß auch sein haariger Freund hinter ihm und wachte.

Es gab noch eine imaginäre Freundin, die Maksio stets begleitete. Masha war ein Eisbärenmädchen, so klein, dass sie in den Schuh ihres Schöpfers gepasst hätte. Sie war ganz anders als der Baron und der Wolf, denn sie liebte es zu reden. Den lieben langen Tag plapperte sie, was ihr gerade in den Sinn kam. Entweder saß Masha auf Maksios Kopf oder seinen Schultern, kletterte an ihm hoch und runter, schaute mal aus dem Rucksack raus, mal aus der Halsöffnung seines T-Shirts, lag auf dem Rücken des Wolfes oder versuchte, dem Baron sein Monokel zu stibitzen. Sie war ein freches kleines Ding, das die ernsten Jungs um sie herum zu unterhalten und aufzumuntern versuchte, so gut es ihr möglich war.

Weitere Figuren wie die freche Hexe, der schlaue Rabe oder die angsteinflößenden Zwillingsmädchen, tauchten nur sporadisch auf. Wieso die Hexe gerade dann auf ihrem Besen angeflogen kam, wenn Maksio gehänselt wurde, und der Rabe, wenn dem Jungen eine gute Idee kam, oder die Zwillinge ihm im Gleichschritt entgegenhüpften, wenn es draußen dunkel und unheimlich wurde, begriff Maksio damals noch nicht.

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