vonfuchsbau 19.11.2018

Der Fuchsbau

„Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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An einem Freitag, vier Tage nach dem Abenteuer in der Brauerei, schlenderte Maksio heimwärts. Es war später Nachmittag und die werktätigen Menschen in Miasto traten ebenfalls ihre Heimwege an.

Die Straßen waren gut mit Autos gefüllt, die gleichermaßen aus der wenige Kilometer entfernten kleinpolnischen Hauptstadt heraus- oder in sie hineinfuhren. Auf dem Hauptplatz gingen Frauen gemächlich einkaufen. Männer schwitzten in ihren Arbeitshemden und hetzten mit beladenen Aktentasche einer warmen Mahlzeit entgegen. Omas und Opas fütterten im Schatten des Kleinstadtrathauses die Tauben beim Brunnen, und die Jugendlichen waren entweder auf Ärger aus oder versuchten sich diesem zu entziehen. Es war drückend schwül, und ab und an fielen ein paar Regentropfen vom blassgrauen Himmel. Am Abend, eine oder zwei Stunden später, würde es Blitzen und Donnern, das spürte ein jeder.

»Atención, amigo!«, machte sich der Baron bemerkbar. »Mateusz auf drei Uhr!«

Maksio blickte über den Platz und sah ihn jetzt auch, den abermals fein angezogenen Besucher, doch dieses Mal mit einer neuen, noch schickeren Hose und einem Hut auf dem Kopf. Bei ihm war ein weiterer Junge, und die beiden lachten zusammen, machten Scherze. Der Unbekannte saß auf dem Gehsteig vor der Bäckerei und lehnte gegen die Mauer. Mateusz hüpfte wild gestikulierend vor ihm auf und ab und aß erst eine Wurstsemmel, dann die nächste und spülte sie mit Eistee aus der Plastikflasche runter.

Wie von einer unsichtbaren Macht angezogen, ging Maksio auf die beiden Städter zu und überlegte, was er ihnen sagen wollte. Für so einen Hut würde normalerweise jeder Junge in Miasto verhauen werden, dachte er. Und tatsächlich, es dauerte nur wenige Augenblicke, da entdeckten drei der stadtbekannten Rabauken den Fremdling und steuerten ebenfalls auf ihn zu.

»Hey«, schrie einer der kurzgeschorenen Streichholzköpfe, die alle fast genau gleich aussahen, nur unterschiedlich groß. »Was soll denn der Cowboyhut? Bist du eine Schwulette?«

Oh nein, gleich gibt’s Prügel! Maksio blieb wie angewurzelt stehen, die Szenerie von der anderen Seite der Straße aus beobachtend. Zur Verwunderung aller anwesenden Schulkinder – denn die Erwachsenen kümmerten sich nur wenig um den aus ihrer Sicht belanglosen, jugendlichen Mikrokosmos – lehnte sich Mateusz ganz lässig gegen die Wand neben seinen Begleiter, steckte sich eine Kippe an und sagte in einem deutlich gereizten, doch absichtlich leisen Tonfall: »Ja, ich denke schon. Ich habe mich noch nicht entschieden«, blickte vom Boden hoch, direkt in die Augen des Aggressors und pfiff durch die Zähne: »Haste ein Problem damit?« Der standhafte Blick von Mateusz sowie dessen schmale Augen, die zwischen Hutkrempe und geballter Faust nur vage zu erkennen waren, irritierten die Streichholzkopf-Bande. Ihr Anführer unternahm einen weiteren, verunsicherten Versuch zu provozieren, ging auf Mateusz zu und öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch dazu kam es nicht. Noch bevor ein Laut aus ihm dringen konnte, krachte eine Faust, zwischen deren Fingern noch immer eine brennende Zigarette steckte, in sein Gesicht. Der Glimmstängel knickte ab, das Nasenbein brach und alle Beteiligten blieben für wenige Sekunden reglos stehen. Geschockt von den unerwarteten Ereignissen fing der halbstarke Störenfried an zu weinen und lief weg, seine Kompagnons hinterher. Maksio, der während des Schauspiels immer nähergekommen war, stand nun direkt neben Mateusz und dessen Freund.

Am 26.11.2018 geht es weiter!

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