vonfuchsbau 11.02.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Während ihres ersten Semesters am besagten Gymnasium führten sie ihre Flausen fort. Wenn die Freunde gemeinsam über penetrant nach Chlor riechende Flure rannten – während die anderen Schüler das Bruchrechnen übten –, sie in Toiletten heimlich Zigaretten rauchten, zu spät zum Unterricht kamen oder den Lehrern witzige Kommentare auf deren Kommandos gaben, dann horchten die Elitekinder auf, denn dem Lebensstil Rock’n’Roll waren bis dato die wenigsten von ihnen begegnet.

Die Füchse, die sich nur untereinander so nannten, avancierten während den ersten Wochen zu den Frechdachsen der Schule. Die Lehrer mussten damit leben und die Mitschüler fanden es toll. Inmitten akkurat gebügelter Hemden, Schleifen in den Haaren der Mädchen und imprägnierten Ledertaschen der Jungs waren sie die Einzigen, die Sonnenbrillen trugen, Buttons an ihren Rucksäcken befestigten und Aufnäher von Rockbands an ihre Jeans- oder Lederjacken nähten.

Mateusz, Maksio und Michał ließen sich ihre Haare wachsen, um ihren Lieblingsmusikern, Kurt Cobain, John Lennon und anderen Rebellen, vorwiegend aus den sechziger und siebziger Jahren, ähnlich zu sehen. Valeska kürzte ihre Röcke und fing an, Lidschatten und Wimperntusche zu tragen wie ihre Heldin Edie Sedgwick, deren Unnahbarkeit sie bewunderte.

Den Vogel schoss, wie meist auch, Mateusz ab, der am ersten Schultag mit einem Ring im rechten Ohrläppchen in der Schule erschien. Einen Jungen mit Ohrring, das hatte es an der August Witkowski noch nie gegeben, und abgesehen vom vielen Tratsch, den die Schüler von sich gaben und der hauptsächlich darauf abzielte, ob er nun schwul war oder nicht, tagten sogar die Lehrer, die darüber stritten, ob sie Mateusz seine eigentümliche Ausdrucksart durchgehen lassen sollten oder nicht. Er durfte den Ohrring behalten und ebenfalls sein einziger Nachahmer, Maksio, der am folgenden Tag mit einem baugleichen Modell auf dem Schulhof auftauchte. Recht schnell merkte er jedoch, dass ihm der neue Look nicht stand, mehr noch, dass er äußerst bescheuert damit aussah, also ließ er es bleiben. Mateusz hingegen stand das Accessoire, weil er es mit Stolz trug.

Auch wenn es manchmal so aussah, abschotten wollten sich die vier nie. Sie sprachen gerne mit den anderen Schülern und auch mit den Lehrern über ihre Lieblingssongs, Bücher der Beat Generation oder Kunstwerke der Pop Art, doch trotz ihrer Begeisterung für diese Dinge sprang der Funke nie so recht über. Nachvollziehen konnte diese Begeisterung am feinen, auf Praktisches bedachten Gymnasium niemand, und dieses Unverständnis, die Gleichgültigkeit diesen schönen Künsten gegenüber, konnten die vier wiederum nicht begreifen. Wieso sollte man sich mit Buchhaltung oder Recht beschäftigen, wenn es Monet, McCartney und Majakowski gibt, dachten die Füchse.

Es war klar, sie waren anders als der Rest auf der August Witkowski-Schule, und mit jedem Monat, den sie dort verbrachten, wollten sie dieser unerschütterlichen Tatsache mehr gerecht werden. Etwas Besonderes wollten sie sein.

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Dieser Beitrag wurde vom Korrektorat & Lektorat Selfpublishingo.com ermöglicht.

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