vonfuchsbau 25.02.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Zunächst verstanden die drei nicht so ganz, woher dieser Wandel gekommen war. Zuvor war Michał doch auch nie wegen des Tanzens derart ausgeflippt. Ganz im Gegenteil, er war nur zum Training gegangen, weil seine Eltern es von ihm verlangt hatten und mehr als einmal hatte er sich über die Komplexität der Schritte beschwert. Weshalb er sich plötzlich derart bemühte, obwohl er doch auch weiterhin mit seinen Freunden um die Häuser ziehen und die Tage genießen konnte – bei Chips und Cola, Horrorfilmen und Rockmusik – blieb ihnen schleierhaft, doch sie vermissten ihn, und deshalb mussten sie etwas unternehmen. Zumindest mussten sie herausfinden, was in Michałs Kopf in Gang geraten war, denn das ließ sich allem Anschein nach nicht mehr aufhalten.

An einem frühen Abend klingelten die drei bei der Nummer 20 in der Ulica Jakuba. Frau Król, eine sympathische Mama, die zwar kein bisschen kochen oder putzen konnte, dafür zu den anerkanntesten Geschichtswissenschaftlern Europas zählte, machte der Jugend auf.

»Na, ihr Racker? Immer, wenn ich euch sehe, scheint ihr größer geworden zu sein. Bald passt ihr nicht mehr in unsere Wohnung.« Sie kicherte. Witzig war Michałs Mutter noch nie gewesen, aber die Frohnatur versuchte trotzdem jedes Mal, die Freunde ihres Sohnes zum Lachen zu bringen, wenn sie zu Besuch waren. Maksio, Mateusz und Valeska spielten mit und grinsten – aus Mitleid und Nettigkeit. »Michał ist in seinem Zimmer und schaut sich eine DVD an. Geht ruhig zu ihm, er freut sich sicher.«

Die drei Abenteurer auf einer Mission tauschten argwöhnische Blicke aus. Jeder von ihnen wusste genau, was die anderen dachten. Eine DVD! Ohne uns? Dem geht es an den Kragen! Zielstrebig traten sie ins Zimmer ihres Freundes und verstummten, als sie sahen, was da vor sich ging.

»Hey Leute, cool, dass ihr da seid. Ich habe mir heute diese DVD gekauft: Die Tochter des Pharao, im Bolschoi-Theater aufgeführt. Die müsst ihr euch reinziehen. Wie Filin den Lord Wilson tanzt, einfach unglaublich!«

Skeptisch und mit verdatterten Gesichtsausdrücken setzten sich Maksio, Mateusz und Valeska neben Michał. Mit einer Ballett-DVD hatten die drei nun gar nicht gerechnet. Dass es sowas überhaupt gab, wunderte an diesem Abend nicht nur den unerfahrenen Maksio vom Lande.

Zu viert vereint und deshalb in bester Stimmung sahen sich die Füchse das Stück von vorne an. Manchmal kam Michałs Mutter ins Zimmer und brachte den Kindern unangenehm warmen Eistee oder einen gekauften und eigenhändig in Stücke geschnittenen Apfelkuchen.

Am Ende der Vorstellung, es war schon spät und höchste Zeit, nach Hause zu gehen, zeigten sich die Besucher hingerissen. Sie begriffen die Schönheit hinter dem Wirbeln und Springen der Akteure zu wohlkomponierter Musik, doch an Michałs Funkeln in den Augen reichte ihre Freude über eine gute Ballettaufführung nicht heran.

»Leute!« Der in Begeisterung entflammte Jungtänzer drehte sich ruckartig zu den dreien neben ihm und Mateusz fiel vor Schreck das Schälchen mit dem Popcorn aus der Hand.

»Jesus Christus, erschreck mich doch nicht so!«

»Habt ihr nicht auch manchmal Lust, etwas Großartiges zu tun und andere auch so zu bewegen, wie unsere Helden es machen? Ich will es! Ich will anderen genau das Gefühl geben, das ich bekomme, wenn ich eine Ouvertüre oder ein Beatles-Lied höre, ein Buch von Hemingway lese oder ein Bild von van Gogh sehe. Ich will es schaffen

Maksio, Mateusz und Valeska bewunderten nun ein ausgewachsenes Feuer in Michałs Augen.

»Michał, du bist ein Hit. Es ist kein Geheimnis, wir vermissen dich, aber verdammt, mach, was notwendig ist, und wir unterstützen dich dabei. Richtig?«, meinte Mateusz.

»Richtig!«, bestätigten Valeska und Maksio im Chor.

In den vergangenen Wochen hatte Michał sich verändert, und an diesem Abend brachte er einen weiteren Stein ins Rollen – für seine Freunde. Die drei merkten es nicht sofort, aber es dauerte nicht lange, da begannen auch sie sich zu verändern. Die Worte Michałs, dass er es schaffen wollte, hallten in den Köpfen der verbleibenden Füchse nach.

*

Dieser Beitrag wurde vom Korrektorat & Lektorat Selfpublishingo.com ermöglicht.

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