vonfuchsbau 25.03.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Ein knappes Jahr war es her, seit Mateusz sich in Miasto verirrt und einen verschüchterten Landjungen getroffen hatte.

Erst nach dieser langen Zeit, an einem sonnigen Dienstag, sollte Maksio herausfinden, wem er damals auf dem Deich eigentlich begegnet war, denn am Abend dieses Tages ließ Mateusz zum ersten Mal seine Maske fallen, deren Funktionstüchtigkeit in der Stadt überlebensnotwendig war.

Es war ein Tag, an dem keiner gerne drinnen saß; nicht die Schüler, nicht die Lehrer, ebenso wenig wie die Eltern zu Hause oder an ihren Arbeitsplätzen. Es war Mitte Juni, das Wetter nicht zu warm und nicht zu kalt, sondern perfekt, für jeden halbwegs zufriedenen Menschen zumindest.

Das Ende des Schuljahres hatte es so an sich, dass häufiger als sonst Stunden ausfielen. Die Noten standen bereits fest, und obwohl die Lehrer an der August Witkowski-Schule künftige Macher unterrichteten, wurden sie nicht derart fantastisch bezahlt, um den Juniunterricht noch ernstzunehmen.

An dem besagten Tag waren die Schüler der 1a die Glücklichen. Nach der dritten Stunde gingen sie mit breitem Grinsen auf ihren Gesichtern an ihren Mitschülern vorbei, denn Professor Woźniak hatte sich krankschreiben lassen, und das von allen so gehasste, zweistündige Mathe-Martyrium fiel aus.

Ohne viel überlegen zu müssen, entschlossen sich Valeska und Michał dazu, ohne Umwege das Tanzinstitut aufzusuchen, um ihren Bestrebungen zu folgen und in dem, was sie gerne taten, besser zu werden.

»Denkt an die 10.000 Stunden-Regel!«, mahnte Michał, der seit kurzem jegliche Artikel und Bücher verschlang, die ihm einen möglichst schnellen Weg zu seinem Ziel versprachen. »Wenn wir alle schön am Ball bleiben, dann wird das was mit uns.« Obwohl es sie langweilte, wenn er über persönlichkeitsbildende, managementbezogene und Spiritualität behandelnde Artikel schwadronierte, ließen Valeska, Maksio und Mateusz ihn walten, weil sie ihn nach wie vor unterstützen wollten und seine ungebrochene Motivation bewunderten. Dass er seinen Freunden mit dem Gerede über die Optimierung seines Lebens dezent auf die Nerven ging, zeigten die drei nur einander, indem sie sich hinter seinem Rücken zuzwinkerten oder gespielt müde ihre Köpfe hingen ließen.

»Ja, ja, macht ihr nur«, erwiderte Mateusz. »Und was machen wir?« Er stupste Maksio zweimal mit dem Ellenbogen gegen den Arm.

»Hm, was kann man an so einem herrlichen Frühsommertag schon tun?« Ohne zu warten, antwortete Maksio sich selbst: »Spazieren, na klar!«

»Ausgezeichnete Idee, Dr. Nowak. Unsere gewohnte Route den Fluss entlang nach Podgórze* und dort schlendern?«

»Na, was denken Sie, Mr. Michalski?«

»Und ich nehme an, Sie planen wie gewohnt, ein paar Bierchen für unterwegs zu besorgen?«

»Nun, sollte man annehmen«, fuhr Maksio absichtlich geschwollen redend fort. »Man könnte sich aber auch an einem anderen Getränk erfreuen. Was sagen Sie zu Wodka mit einem Schuss Orangensaft, verehrter Michalski?«

»Nichts dagegen einzuwenden, Maksio Maksymilian Nowak. Da haben wir ja schon ganz gute Erfahrungen sammeln dürfen.«

»Na gut, ihr Säufer«, verabschiedeten sich Michał und Valeska, »bis nachher vielleicht.«

Auch die beiden Möchtegern-Abenteurer trabten los, am sonnendurchfluteten Ufer der Weichsel, an altertümlichen Wohnhäusern, Kirchen und einer Burg vorbei. Sie hatten ihre braunen, ledernen Schultaschen dabei, die erst nur mit ein paar zerknüllten Lernzetteln gefüllt waren, eine bald auch mit zwei Plastikbechern und einer Wodkaflasche und die andere mit einem Karton Orangensaft.

So, wie die beiden über die Straßen der mittelalterlichen Altstadt flanierten, hätte man meinen können, sie wären Brüder, was sie ja auch waren, im Geiste zumindest.

* Ein Stadtteil von Krakau

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