vonfuchsbau 09.04.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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»Alles ist!«, brach es lautstark aus Mateusz heraus. Die vielen touristischen Augenpaare, die ihn irritiert musterten, bemerkte er nicht, Maksio aber schon, der sich unwohl zu fühlen begann. Er mochte kein Geschrei, und er wollte keine Aufmerksamkeit erregen. »Mein Vater, meine Mutter, Sex, die anderen, alles. Die Hölle, das sind die anderen*, weißt du noch?«

Maksio schwieg und wartete ab. Er hoffte, dass Mateusz sich bald fangen und die Leute um sie herum nicht mehr so neugierig glotzen würden. Ungewollt verschaffte Maksio seinem Freund genau das, was er brauchte, nämlich etwas Ruhe und Geborgenheit. Mateusz wurde langsam ruhiger, schluchzte noch ein paarmal, die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht wischend, nahm noch einen Schluck Wodka und redete sich von der Seele, was er noch nie jemandem erzählt hatte, was ihm auf dem Herzen lag, was ihn antrieb und in tiefe Abgründe zog.

Er erzählte von seinem Vater, der Großes von seinem Sohn erwartete und sich nie mit dessen Leistungen zufrieden zeigte, der Mutter, die ihn noch nie geliebt hatte und ihm das auch offenherzig mitteilte, und der wohl größten seiner Sorgen, seiner verborgenen Homosexualität. Gerade jetzt, in der Oberstufe, als die meisten um ihn herum ihre ersten Beziehungen begannen, nagte es an ihm, kein Teil der wichtigsten Lebensrealität Sechzehn- bis Achtzehnjähriger zu sein. Und dies war nur mit viel Schauspiel, Manie und einem hohen Verlust an Energie zu verbergen.

Michał hatte Valeska, und Valeska hatte Michał. Nahezu jeder in der 1a traf jemanden oder sprach wenigstens davon, es gern zu tun. Sogar Maksio hatte sich bereits in ein Mädchen aus der Parallelklasse verguckt. Und Mateusz sah sich – aus Angst vor Ablehnung – dazu gezwungen, dieses Thema zu vermeiden. Dies tat er beispielsweise mithilfe von Sprüchen, die er aus Filmen kannte, wie etwa »Guten Morgen … Oh, und falls wir uns nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!« oder »Ich komme wieder!«. Die Zitate wählte er vorausschauend. Sie mussten witzig sein und ihm die Möglichkeit geben, gleich verschwinden zu können, ohne übermäßig aufzufallen.

Maksio war der Erste, dem Mateusz von seiner Homosexualität erzählte. Von dieser Neuigkeit überrascht antwortete der Landjunge nicht sofort. Er war noch nie zuvor mit einer derartigen sexuellen Orientierung konfrontiert worden und hatte stets nur mitbekommen, dass es sich dabei um eine Krankheit oder eine Bestrafung Gottes handeln müsse. Er sah weiter auf die vielen weit entfernten Autos und Menschen, die von oben wie Ameisenkolonien aussahen.

»Ich bin es nicht.«

»Ich weiß.«

»Ist doch egal, oder?«

»Ja.« Mateusz lachte.

*

* Aus Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre

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