vonfuchsbau 16.04.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Es war fünf Uhr in der Früh. Zwischen dem Meer und dem dunkelblauen Himmel war die ganze Nacht über ein schmaler Streifen Licht geblieben. Nun wurde es nach wenigen Stunden Dunkelheit wieder heller. Die vier Füchse saßen im Sand, ein gutes Stück vor den brandenden Wellen, in der Mitte des breiten Strandes. Der kurze Wochenendausflug an die Ostsee, den sie zur Feier ihrer dreijährigen Freundschaft unternahmen, würde bald zu Ende gehen, und sie würden im Zug für die Dauer der Fahrt zurück nach Krakau schlafen.

Angenehm wehte eine Brise auf die Kopfhäute von Mateusz und Maksio. Vor der Abreise hatten sie sich mit einer Maschine die mittellangen Haare geschoren und nur vier Millimeter übriggelassen. Mateusz sah mit den kurzen Haaren und seinem goldenen Ohrring richtig gefährlich aus. Maksio gefiel der neue Haarschnitt auch, vor allem, weil es so heiß war und er dank ihm nicht so viel schwitzte. Auch Valeska und Michał hatten überlegt, bei der Aktion mitzumachen, waren dann aber doch zu feige gewesen.

Bald würde die Sonne wieder hervorkommen und die Strandbesucher bräunen. Bis zur Mittagszeit zumindest, denn dann würden alle in ihre Ferienunterkünfte flüchten – so heiß war es an diesen wärmsten Tagen des Jahres.

Maksio lag im Sand, vergrub seine Füße darin und nippte gelegentlich an einer halbvollen Dose seines abgestandenen Lager-Bieres. Den Blick hatte er seit geraumer Zeit starr nach oben gerichtet, denn er beobachtete die Sterne bei ihrem allmorgendlichen Verschwinden.

Nach wie vor rastlos hüpfte Mateusz am Wasser entlang und schrie Gebete ins Dunkel. »Gott, lass das Leben niemals enden!«, gefolgt von Passagen eines seiner momentanen Lieblingslieder: Baba O’Riley von The Who. Valeska und Michał saßen oberhalb von Maksio und küssten sich, noch etwas zögerlich wegen ihres kurz zuvor beigelegten Streites.

Mateusz schrie laut auf und kam auf seine Füchse zu: »Ach, Leute, wisst ihr eigentlich, was abgeht? Nur noch wenige Tage und eine Ära geht zu Ende. Wir alle gehen auf unterschiedliche Unis und sehen uns nie wieder. Ist das nicht schrecklich?« In gewohnter Manier übertrieb er.

 »Na, so schlimm ist es auch nicht. Erst bringen wir mal die Sommerferien über die Runden und dann … wir werden uns schon nicht aus den Augen verlieren«, meinte Michał.

»Ach ja? Meinst du? Den ganzen August über seid Valeska und du kaum hier und Maksio bleibt auf dem Land. Ich muss auch ein paar Wochen weg. Danach – alles aus!«

»Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen«, schaltete sich Maksio ein.

»Niemals«, bestätigte Valeska.

»Ihr wisst ja gar nicht, wie schnell so etwas gehen kann. Ich habe das schon einmal miterlebt.« Mateusz hockte jetzt mit beiden Füßen auf einem mit Moos bewachsenen Pfahl und ließ nicht locker. »Auf der Uni treffen wir neue Leute und dann werden wir, so wie all die präpotenten Künstler, die dort rumlaufen, gleichgeschaltet und auf den Erfolg aus sein, auf das Geld. Ich kotze! Wenn wir nicht untereinander auf uns aufpassen, sehe ich schwarz. Wir brauchen uns. Wir haben hier etwas Besonderes am Laufen.«

Mateusz würde auf die Schauspielschule gehen, Valeska wurde an der Akademie der Bildenden Künste aufgenommen und Maksio hatte Philosophie und Polonistik an der Jagiellonen-Universität belegt, ohne genau zu wissen, weshalb und mit dem Wunsch, auf diesem Weg seine Berufung zu finden. Michał würde weiterhin die Tanzakademie besuchen und zu den fortgeschrittenen Tanzkursen wechseln.

»Und was schwebt dir so vor, damit unser aller Leben nicht den Bach runtergeht?«, bemerkte Michał süffisant.

»Was weiß ich?«

»Maksio.« Valeska stand auf, ging zu ihm, nahm sein Bier und trank es. »Du hast doch immer die besten Ideen. Wie soll es mit den Füchsen weitergehen?«

Maksio legte seinen Kopf nach hinten, sah seine drei Freunde, hinter ihnen Nadelbäume und darüber blasse Sterne. »Wir brauchen eine Basis, ein Versteck, so etwas wie eine Bat-Höhle, von der nur wir wissen und in die nur wir hineinkönnen.«

»Bingo!«, riefen Mateusz und Michał gleichzeitig. Sie sahen sich grinsend an.

»Ich hab’s gewusst, Maksio! Ich liebe dich«, meinte Valeska und küsste ihn auf die Stirn.

»Hey!«, reagierte Michał eifersüchtig, mehr zum Scherz, als im Ernst. »Aber wisst ihr, was? Valeskas Mutter hat eine kleine Wohnung, eher eine Bruchbude, die sie nicht mehr braucht. Mit einem uralten Mietvertrag, also ganz billig.«

»Ich kann meinem Vater sicher die Miete aus dem Kreuz leiern, quasi für einen Proberaum, zum Texte üben.«

»Das würde gehen«, bestätigte Maksio.

»Wie toll! Und ich kümmere mich um die Tapeten und Blumen. Und koche uns immer was Schönes. Ja, unsere ganz eigene Bat-Höhle, oder eher unser Fuchsbau.« Sie stürzte sich auf Michał und küsste ihn. »Stimmt’s, mein Kleiner?«

Es herrschte eine ausgelassene und freundschaftliche Stimmung, die jäh endete, als Michał Valeska grob anfuhr. »Pass doch auf! Bist du dumm? Du hast fast mein Bier verschüttet.« Er schob sie von sich weg, sodass sie in den weichen Sand fiel, stand auf und ging zum Meer, um dort für wenige Minuten zu verweilen, dann wieder zurückzukehren und wortlos neben Valeska Platz zu nehmen.

Gegen Ende des dritten Jahres hatte ihre Beziehung begonnen, sich zu verändern. Michał flippte schon bei Kleinigkeiten aus, wie dieses Mal. Es war nämlich gar nicht das verschüttete Bier, das ihn störte. Aus Unachtsamkeit, wie es Valeska häufig passierte, hatte sie etwas Unbedachtes gesagt. Sie hatte ihren Freund Kleiner genannt – nichts Schlimmes, wenn dieser nicht tatsächlich klein gewesen wäre und deshalb Komplexe mit sich herumgetragen hätte.

Es war das erste, aber nicht das letzte Mal, dass Maksio bemerkte, wie grob Michał gelegentlich mit Valeska umsprang. In solchen Momenten verachtete er seinen Freund und sah, wie unnachsichtig dieser sein konnte und wie sehr Valeska unter dessen egomanischen Ausbrüchen litt. Auch Mateusz hatte den Vorfall bemerkt und versuchte krampfhaft, die eben noch dagewesene Aufbruchstimmung zu retten.

»Leute, schaut mal! Sooo viel Freiheit werden wir bald haben.« Er breitete seine Arme aus, warf sie hoch und vollführte aus dem Stand einen Flickflack.

Die gute Stimmung kam an diesem Morgen aber nicht mehr auf. Stattdessen tauchten erste Jogger in der Dämmerung auf.

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