vonfuchsbau 29.04.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Es waren die ersten Tage im Jahr, an denen es möglich war, ohne Schal und mit offenem Mantel spazieren zu gehen. Die Sonne wurde von den Passanten nach einer langen Durststrecke endlich wieder als wärmend empfunden. Es tat gut, den Ernst ihres viel zu schnell zum Beruf gewordenen Hobbys hinter sich zu lassen und ein bisschen durch die Stadt zu wandern. Ihr Ziel war klar: der Fuchsbau.

Der Weg von der Uni bis zum Bau war nicht weit. Nur die Planty – den Parkring, welcher den historischen Stadtkern von Krakau umschloss – musste sie überqueren. Um bei dem herrlichen Wetter länger draußen bleiben zu können, machte sie einen kleinen Umweg. Erst besuchte Valeska ihren liebsten Plattenladen wenige Straßen weiter, eigentlich nur, um zu stöbern, aber wie der Zufall es wollte, fand sie eine Platte von Joy Division, die nur wenige Złote* kostete. Es war nur eine Single mit zwei Liedern drauf, doch Maksio liebte diese Band und sie wusste, dass er ausflippen würde, sobald er das plattgepresste Vinyl in seinen Händen halten sollte. Also kaufte die Füchsin die Scheibe, um sie später noch in Zeitungspapier einzuwickeln, damit das Geschenk auch als solches zu erkennen war.

Nicht weit weg vom Plattenladen lag Valeskas Lieblingsgeschäft für Klamotten und Schmuck, vorwiegend im Rock- und Gothic-Stil. Auch dort sah sie kurz vorbei. Bevor sie eintrat, blieb Valeska kurz vor dem Schaufenster stehen, um ihr schwaches Spiegelbild zu betrachten. Seit die Füchse nicht mehr zur Schule gehen mussten, dafür vom Uni-Leben verstört wurden, eine eigene Fuchshöhle besaßen und zunehmend mehr Zeit miteinander verbrachten, hatte sich wieder so vieles verändert – nicht nur das Aussehen des Mädchens.

Früher, als sie noch jung war, wie Valeska mit ihren 19 Jahren dachte und damit jeden Greis zum Lachen gebracht hätte, verkörperte sie das Klischee eines hübschen, natürlichen Blondchens von nebenan, mit kurzen, hellen, blumigen Kleidern, weißen Turnschuhen und dem obligatorischen Strohhut mit einer rosa Schleife rundherum. Das Studium, sprich die Zeit des Erwachsenwerdens, das Rampenlicht und ihre ideenreichen Freunde hatten sie aber nicht auf ewig in der wohlbehüteten Schublade hocken lassen. Aus einer offenherzigen Valeska war eine deutlich zurückhaltendere, eher vorsichtige Valeska geworden. Mit Mateusz und Michał in ihrem Umfeld brauchte es ohnehin Gewiss keinen weiteren extrovertierten Part in ihrer Clique.

Ihren blonden Schopf hatte sie sich eigenhändig neu zurechtgestutzt. Rechts und links ihres Ponys hingen jetzt zwei Strähnen herab und umrahmten ihr herzenbrechendes Lächeln. Das restliche Haar trug sie zu einem Zopf zusammengebunden. Schwarzer Lippenstift – ansonsten war sie ungeschminkt – und Totenkopfohrringe ermöglichten ihr, Distanz zu den Kommilitonen und Professoren aufzubauen, die ihr viel zu oft auf den Geist gingen, wenn sie ihre Bilder missverstanden oder ihr einzubläuen versuchten, was sie zu malen hatte. Valeska wollte selbst entscheiden, was sie wie schaffen wollte, doch das verstanden die wenigsten auf der Hochschule für Bildende Kunst. Manchmal fühlte sie sich gefangen in einem riesigen Sarkophag, eingesperrt mit Tausenden blutsaugenden Geistern, die allesamt glaubten, die unangefochtenen Experten in Sachen Malerei zu sein.

Toll, wenn ihr so viel wisst, wieso hängen dann nicht eure Bilder in den Galerien?, dachte sie und fühlte sich schlecht, weil sie sich dabei ertappt hatte, genauso garstig zu werden wie die Studenten, die sie nicht mochte.

Valeskas Kleidungsstil entsprach ihrer Weltverdrossenheit, doch ein hellgrünes, hochgeschlossenes Samtkleid, schwarze Strümpfe und schwarze Ballerinas vermochten die junge Frau trotz ihres unterbewussten Wunsches nicht zu tarnen.

Widerstehen konnte Valeska nicht, also kaufte sie auch im Klamottenladen eine Kleinigkeit. Vom Ständer mit den Postern, der bei der Kasse stand, schnappte sie sich eines mit einem Jim Morrison-Konterfei darauf – für die Bat-Höhle.

Ein letzter Halt musste noch eingelegt werden, nämlich beim Supermarkt, um Nachmittagsverpflegung zu besorgen: Brötchen, Trockenwurst, Chips und Cola.

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* Polnische Währung

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