vonfuchsbau 06.05.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Als die Füchsin das Haustor in der Ulica Świętego Jana Nr. 15 öffnete und auf der Wand im Eingangsbereich die vier eigenhändig von ihr gemalten Füchse erblickte, die gerade dabei waren vor irgendetwas zu fliehen, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, wie so oft, wenn sie den Fuchsbau besuchte. Valeska konnte sich noch genau an den Abend erinnern, an dem sie ziemlich angetrunken und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die vier Karnivoren mit Acryl auf den Putz aufgetragen hatte. Es war der Abend, an dem die Füchse gefeiert hatten, dass Maksio, Mateusz und Michał nicht zum Militär mussten, da sie alle als untauglich eingestuft worden waren. Das war eine nervenzerreißende Angelegenheit gewesen, denn die topfitten Jungs hatten Taktiken entwickeln müssen, um den Ärzten und Ärztinnen bei der Musterung Gegenteiliges vorzugaukeln. Derart ungelenk und bescheuert hatten sie sich während der Untersuchungen gegeben, dass sie nicht einmal das Militär haben wollte – reife Leistung.

Das große Glück, nicht für irgendwelche halbgar begründeten, nationalen Zwecke missbraucht zu werden und dafür gleichzeitig an den Universitäten anfangen zu können, hatten die Füchse mit eingelegtem Hering und zwei Flaschen Wodka gefeiert. Es war einer ihrer ersten Abende im Bau gewesen, den sie Ende ihres ersten Sommers nach dem Schulabschluss bezogen hatten und der damals noch eher als Bruchbude statt als nette Bleibe zu bezeichnen war. Doch es war ihre Bruchbude, und nur das zählte.

Die vier hatten zu lauter Musik aus einem schrottreifen Kassettenradio getanzt, dessen Boxen von AC/DC zum Knacken und Dröhnen gebracht wurden. Sie hatten sich gut gefühlt, hatten geraucht, aus dem Fenster gesehen, gelacht und gespürt, dass das, was sie taten, richtig war. Spätabends waren die vier erschöpft genug gewesen, um sich nebeneinander auf ihr kleines Sofa zu quetschen und über Pläne für ihr kommendes Leben zu reden.

An diesem Abend, etwa sechs Monate bevor Valeska das Treppenhaus hinaufschritt, um Brötchen, Trockenwurst, Chips und Cola zu genießen, hatten sich die vier umbenannt, von den Füchsen, zu den fliehenden Füchsen. Ab da waren sie nicht mehr nur Freunde, sondern auch eine Künstlergruppe, und diese Namensänderung war mit einem Schwur einhergegangen. Während sie auf dem Boden ihres Baus im Kreis gesessen hatten – um sie herum lauter Teelichter und in ihrer Mitte drei große rote Kerzen, wie man sie vom Friedhof kannte –, hatte an diesem Abend einer nach dem anderen geschworen, alles erdenklich Mögliche dafür tun zu wollen, um es zu schaffen; Valeska in der Malerei, Michał als Tänzer, Mateusz als Schauspieler und Maksio hatte es sich offenlassen dürfen, in welcher Profession, denn er hatte für sich noch keine gefunden. Nach dem verbalen Schwur war jeder der Beteiligten dazu verpflichtet gewesen, sich mit dem Schweizer Taschenmesser von Mateusz in die Handfläche zu schneiden, ein bisschen Blut in einen Becher zu träufeln, dieses mit einem Schuss Wodka aufzugießen und zu trinken. Den Füchsen war hiervon je eine winzige Narbe auf dem fleischigen Teil der Handfläche geblieben, weil sie allesamt unbedacht mit der stumpfen Spitze des Messers in ihr Fleisch gestochen hatten. Ein kurzer, glatter Schnitt mit einer scharfen Klinge hätte einfacher verheilen können und vermutlich keine Spuren hinterlassen. Doch dieser winzige Schönheitsmakel störte die vier nicht. Sie mochten ihre Narben, die sie aneinander erinnerten.

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