vonfuchsbau 13.05.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Im dritten Stockwerk führte eine steinerne Treppe hinauf zum Dachboden. Am Ende dieser Treppe befanden sich zwei alte Holztüren. Hinter einer lag das Gerümpel mancher der Mieter des Hauses verborgen, hinter der anderen der Fuchsbau. Da sich nur selten jemand nach oben verirrte, ließen die Füchse ihre Eingangstüre meist unverschlossen, wenn einer von ihnen anwesend war.

Da aus dem Inneren der kleinen Einzimmer-Mansarde leise Musik zu hören war, wusste Valeska, dass noch jemand da sein musste. Sie drückte die handgeschmiedete, kunstvoll verzierte Metallklinke nach unten, schob die Türe auf und gab sich durch deren knarrendes Geräusch zu erkennen. Dadurch erwachte Maksio aus einem leichten Nachmittagsschlaf.

Auch wenn sich der Fuchsbau, in dem ein ordentliches Bett fehlte, nur mäßig zum Schlafen eignete, nutzte Maksio ihn gerne für Nickerchen oder verbrachte ganze Nächte dort. Er mochte es, in der Stadt zu sein und jeden Tag von Miasto nach Krakau zu pendeln, war ihm auf die Dauer zu mühsam geworden. Für die anderen Füchse stellte das kein Problem dar. Michał und Mateusz hatten bereits ihre ersten eigenen Wohnungen bezogen, die natürlich von ihren Eltern bezahlt wurden. Michał in der Gołembia, Mateusz in der Grodzka. Valeska wohnte noch bei ihren Eltern, aber die waren ohnehin fast nie da. Ihr Vater war als Leiter eines Theaters vielbeschäftigt, die Mutter als Kuratorin zeitgenössischer polnischer Bildhauer viel auf Reisen.

Manchmal schlief auch Valeska im Fuchsbau, und da es keine Schichtpläne oder strikte Nutzungsabsprachen gab, kam es vor – selten, aber doch –, dass Maksio und Valeska sich unerwarteterweise bei derartigen Übernachtungen trafen. Dann wurde es eng, denn es gab nur ein Sofa, das zwar lang war, jedoch nicht ausziehbar, aber irgendwie ging es schon. Einer von ihnen schlief mit dem Kopf nach Osten, der andere mit dem Kopf nach Westen, und die Beine mussten so gut es ging angezogen werden. Klar, war diese Form der Übernachtung nicht die komfortabelste, doch Maksio und Valeska konnten einander gut leiden, und deshalb ärgerten sie sich nie, wenn der andere unerwartet im verborgenen Versteck auftauchte. Ganz im Gegenteil, sie freuten sich sogar, denn die beiden ruhigen Pole der Gruppe waren sich sehr ähnlich und manches, das sie bewegte, konnten sie nur einander anvertrauen. Dinge, die Mateusz oder Michał nicht verstehen konnten; Probleme introvertierter Menschen.

Selten schliefen sie auch zu viert im Bau, doch dann mussten zwei von ihnen auf dem großen Replikat eines persischen Teppichs vor der Couch schlafen. Auch das ging irgendwie, selbst ohne Decken und Kissen, mithilfe von Wein, einem Rucksack für den Kopf und dem Mantel oder der Jacke für den Oberkörper.

Abgesehen vom Teppich und der Couch standen ein kleiner Tisch, zwei Holzkommoden und eine Topfpflanze im minimalistisch eingerichteten Zimmer. Küche und Bad, die sich zusammen im zweiten und letzten Raum der Dachstube befanden, enthielten das Notwendigste: einen Herd mit Backofen, eine Spüle und eine Anrichte, einen Kühlschrank, eine Toilette und eine Dusche. Die kleine Dachgeschosswohnung besaß viele Winkel und Ecken, und dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch als Dachboden fungiert hatte, sah und roch man auch. Der Geruch nach morschem Holz, ihre niedrige Höhe und die Schrägen, in denen Fenster eingebaut waren, verrieten es.

An den Wänden hingen Poster von Helden der Füchse: von Edie Sedgwick, Audrey Hepburn, Howlin‘ Wolf, den Misfits, Die brennende Giraffe von Dalí und The Lovers von Magritte sowie Textpassagen von Camus‘ Der Fremde und Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Kommoden waren gut gefüllt mit Büchern und Platten, anders als der Kühlschrank, in dem sich nie viel befand, doch zumindest immer eine Flasche Weißwein.

Für den Bau, dieses Schlupfloch über den Dächern der Stadt, das benutzt wurde, um die Produktivität eines Freundeskreises nicht versiegen zu lassen, gab es vier Schlüssel, und deren Besitzer hatten sich an einige wenige Regeln zu halten. Zunächst einmal durften die Schlüssel unter keinen Umständen weitergegeben werden. Mehr als das, es durfte kein anderer wissen, dass es den Bau überhaupt gab, außer den Eltern der vier natürlich. Ausnahmen durften auch gemacht werden, jedoch nur nach Absprache mit den drei anderen Füchsen. Ein Besuch war theoretisch also denkbar, doch kam es höchst selten dazu. Bis dato war einmal die kleine Lilith dagewesen, die einen Zahnarzttermin in der Stadt und davor einige Stunden zu überbrücken hatte, weshalb sie vorbeigekommen war, um mit Maksio Karten zu spielen und Fragen über Mateusz zu stellen. Ein weiteres Mal war der Hausmeister gekommen, der über ein Fenster des Fuchsbaus aufs Dach klettern musste, um eine Antenne zu richten.

Ansonsten waren die vier Füchse frei, zu kommen und zu gehen, wann sie wollten. Einzeln nutzten sie den Bau, um alleine zu sein, und im Quartett, um hitzige Debatten über Themen zu führen, die sie bewegten.

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