vonfuchsbau 21.05.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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»Hallo. So früh schon hier?«  Valeska kam hinein und wartete bei der Tür, bis Maksio sich orientiert hatte.

»Hey!« Er saß verwirrt auf der Couch, schob die dünne Wolldecke weg, mit der er sich zugedeckt hatte und tastete auf dem Tisch nach seiner Brille. Sein Gesicht war vom Schlaf ein bisschen verquollen, und die rechte Seite spiegelte das Muster des Cord-Kissens wieder.

»Süß siehst du aus.« Nachdem sie das gesagt hatte, wurden ihre Wangen kaum merkbar rot. Es fiel nicht weiter auf, denn auch die Kälte draußen hätte diese Rötung verursacht haben können.

Die beiden umarmten sich zur Begrüßung – ein Küsschen links, eines rechts. Obwohl Mateusz der beste Freund von Maksio war und Michał der Geliebte von Valeska, waren sie und Maksio in dieser Phase ihres Lebens am glücklichsten darüber, einander zu sehen. Sie verabredeten sich praktisch nie nur alleine, da Michał schnell eifersüchtig wurde und die beiden schüchtern waren, weshalb derartige Zufälle äußerst erfreuliche Ausnahmen darstellten.

Während Mateusz und Michał vieles dafür taten, es zu schaffen, ihre Blicke weiterhin auf den Horizont gerichtet, in der Hoffnung, Großartiges zu erblicken, beobachteten Valeska und Maksio nach wie vor lieber ihr direktes Umfeld. Sie waren oft damit beschäftigt, sich selbst zu finden und hatten kein Interesse daran, mit ihren unfertigen Persönlichkeiten hausieren zu gehen, sondern behielten sie lieber für sich. Valeska hatte es schon geschafft und somit ihren Sold bezahlt, den die Füchse einander versprochen hatten, und Maksio ließ sich Zeit mit der Suche nach der Kunstform, die zu ihm passte. Trotz dieser unterschiedlichen Erfolgsstufen einte sie etwas anderes, und zwar eine tiefe, mit einer Prise Skepsis versetzte Melancholie dem Leben gegenüber.

Eingetaucht in den Weltschmerz wollten Valeska und Maksio nichts sehnlicher, als in Ruhe gelassen zu werden, von all den unbewusst lebenden Menschen da draußen, die etwas von ihnen erwarteten und, wie die beiden vermuteten, ihnen etwas antun wollten. Auch diese Misanthropie verband die beiden.

»Ich habe in der Nacht wieder hier geschlafen. War heut auch nicht in der Universität. War nur langweilige Methodik. Hab hier schön gelesen, Tee getrunken und die Ruhe genossen.«

»Sorry. Habe ich dich gestört?«

»Ich bitte dich. Natürlich nicht. So langsam wird es auch Zeit, aufzuwachen und den Tag zu starten. Wie spät ist es überhaupt?«

»Sechzehn Uhr.« Valeska setzte sich auf die Couch und Maksio wechselte die Platte, vom verträumten John Lee Hooker auf den rockigeren Elvis.

»Ich liebe diesen Song. Mann, diese Bridge. Unfassbar!« Valeska wurde ganz lebendig, kniete sich auf die Couch, trommelte mit ihren Händen zum Rhythmus auf ihren Oberschenkeln und sang mit: »Don’t you know I’m caught in a trap. I can’t walk out. Because I love you too much baby …«

»Ja, kennst du die Liveaufnahme von 1970, die aus Las Vegas? Die finde ich sogar noch besser.«

»Ja, klar. Da fällt mir ein, ich habe etwas für dich.«

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