vonfuchsbau 03.06.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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BaniaLuka war eine Restaurantkette. Dort ging man hin, um sich für wenig Geld satt zu essen und sich einen anzutrinken beziehungsweise, um mit dem deftigen Essen einem drohenden Kater vorzubeugen.

Maksio saß gegenüber von Mateusz und Valeska gegenüber von Thomas, dem Berliner Lover von Mateusz. Jeder der vier hatte je einen Nusswodka und einen halben Liter Bier vor sich stehen, Valeska noch einen Hering in Öl, Maksio Piroggen mit Fleisch und Mateusz und Thomas teilten sich einen Teller Tatar.

Es gab eine Menge solcher gut besuchten Läden in Krakau, in denen günstig getrunken und gegessen werden konnte. Einheimische und Touristen vermischten sich, tranken, aßen und lernten einander lautstark kennen. Engländer waren ebenso zu hören wie Spanier, Russen und Deutsche, die sich allesamt gerne von den Polen bei der Getränke- und Speiseauswahl helfen ließen und fragten, wie man Danke, Bitte, Auf Wiedersehen und ähnlich Nützliches auf Polnisch sagte, um das Gelernte gleich wieder zu vergessen. Zu schwer waren die vielen Zischlaute für die ungeübten, ausländischen Zungen.

»Michał kommt erst später. Er war vorher kurz bei uns, aber jetzt ist er nochmal heimgegangen, etwas für die morgige Probe vorbereiten«, informierte Mateusz die beiden Nachzügler. Er und Thomas hatten bereits eine Bierlänge Zeit gehabt, den Abend vorzubereiten, sprich einen guten Platz im häufig frequentierten Trinkschuppen zu ergattern.

»Ah, ich konnte ihn heute noch gar nicht erreichen«, wunderte sich Valeska.

»Ich glaube, er hat sein Handy ausgeschaltet.« Mateusz log, weil er wusste, dass Michał aus irgendeinem fadenscheinigen Grund nicht mit ihr reden wollte, wie so oft in letzter Zeit.

»Fleißig ist er«, bemerkte Maksio schnell, um von der im Raum stehenden und berechtigten Vermutung, Michał würde seiner Freundin aus dem Weg gehen, abzulenken.

»Ja, das ist er«, bestätigte Valeska und lächelte verkrampft.

»Wenn man’s braucht«, fing Mateusz an zu sticheln. Er verdrehte seine Augen, streckte seine Zunge heraus – halb giftig, halb unschuldig – und schickte Thomas anschließend einen Luftkuss.

Nachdem Mateusz zu Beginn seines ersten Semesters an der Schauspielschule all seinen Freunden, Mitstudenten und Verwandten erzählt hatte, dass er schwul sei, musste er über die kommende Zeit hinweg zu seiner Verwunderung bemerken, dass ihm dies gar nicht schadete, sondern seiner Karriere sogar behilflich war. Für diese Wandlung war seine erste Liebesbeziehung verantwortlich, die nicht lange hielt, ihm aber in mancher Hinsicht die Augen geöffnet hatte. Um den Stein des Anstoßes genau zu benennen: Es war Herr Lukas gewesen, ein Schauspielprofessor von Mateusz. Eine Weile waren sie ineinander verliebt gewesen und der Professor hatte seinem Schüler die Angst davor genommen, anders zu sein, denn er war es selbst und kannte sich mit derartigen Sorgen bestens aus. Also verbarg Mateusz seine sexuelle Orientierung nicht mehr und er fing an sie genauso wie sich selbst zur Schau zu stellen, hielt in der Öffentlichkeit Händchen mit seinen Lovern und berührte und küsste sie, was häufig für Unmut und Gesprächsstoff innerhalb der überwiegend katholischen Bevölkerung sorgte.

Mehr noch als ihm zu helfen, seine eigene Natur zu erkennen, hatte Herr Lukas seinem Schüler zu seiner ersten bezahlten Rolle am Theater verholfen. Dreimal in der Woche spielte er nun Play it again, Sam im legendären Juliusz Słowacki-Theater, dem renommiertesten der Stadt, und machte sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen als talentierter Jungschauspieler – innerhalb und außerhalb der Stadt…

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