vonfuchsbau 17.06.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Mateusz schnippte den bis zum letzten Rest aufgerauchten Zigarettenstummel ins Dunkel der Nacht. Sein neuer, nicht allzu intelligenter Lover, Francesco aus Italien, berührte ihn von der Seite. Das leicht Dämliche hatten alle Nachfolger von Herrn Lukas gemeinsam, der seinen Schüler aufgrund von Diskrepanzen in der Lebenswahrnehmung verlassen hatte und dem, laut Mateusz, eh niemand das Wasser reichen konnte. Also probierte er erst gar nicht, einen guten Fang zu machen.

Sie standen beide gegen die Mauer gelehnt, und Francesco, der einen Kopf kleiner war als Mateusz, konnte sich kaum zügeln. Für Maksio und Valeska, die gleich daneben auf dem Kopfsteinpflaster saßen, war dieses Verhalten zu ungestüm und deshalb unangenehm.

Die Jungen tranken alle Bier aus der Dose und das Mädchen Wasser aus der Flasche. Sie versuchte ihren Rausch möglichst im Zaum zu halten, denn noch war der Abend jung und es galt, sich die Kräfte einzuteilen.

Die beiden ungleichen Pärchen warteten vor einem heruntergekommenen Haus, und neben ihnen befand sich eine unscheinbare Stahltür, über der ein kleiner, aus Neonlichtern geformter Pfeil angebracht war, der blinkte und nach unten zeigte. Die Türe führte hinunter ins Herbata, einen Schwulenclub mit moderner Techno-Musik. Das Haus befand sich in einem etwas abgelegenen Arbeiterstadtteil östlich des Stadtzentrums, umringt von freien Flächen, Bauruinen und verlassenen Anwesen.

Während Mateusz, Francesco, Valeska und Maksio auf Michał warteten, sahen sie viele kleine Grüppchen, vorwiegend junge Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren, hinuntergehen. Manche dieser Grüppchen wurden von einzelnen, tanzfreudigen Mädchen begleitet.

»Was ist jetzt? Müssen wir wirklich hier auf ihn warten?«, quengelte Mateusz. »Also, mir reicht’s. Ich geh jetzt rein. Wer kommt mit?«

»Warte, da kommt er ja schon«, hielt Valeska ihn auf.

Im Nebel der Nacht, zwischen kargem Land und aus dem Sozialismus übergebliebenen Fabriken, nahm eine dunkle Gestalt Konturen an. Michał schlurfte gemächlich die brachliegenden, mit Gras überwachsenen Schienen entlang auf seine Freunde zu, wie gewohnt stilsicher gekleidet, in Sportschuhe, Jeans und Hemd, darüber einen karierten Übergangsmantel in verschiedenen Grautönen. Er sah seinem Freund Mateusz sehr ähnlich, dessen Stil er vor kurzem übernommen hatte.

»Schick, Michał, schick!«, lobte Mateusz, klatschte mit dem Neuankömmling ab und ging, vom gefügigen Thomas verfolgt, als Erster die modrig riechenden Stiegen runter, wo in den Tiefen des einstigen Stahlwerks das Dröhnen des Basses nach und nach besser zu erspüren war.

»Oh, là là, wir sehen ja alle wieder piekfein aus. Neue Krawatte?«, wandte sich Michał an Maksio.

»Ja, billig im Secondhandladen ergattert. Gut, nicht?«

»Super.«

Neuerdings kleidete sich Maksio im Detektiv-Stil, klassisch, schlicht und zeitlos. An diesem Abend trug er braune Lederschuhe, einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, eine schmale schwarze Krawatte und einen Hut.

»Wie geht es dir?«, fragte Valeska, nahm Michałs Hand und wollte ihn küssen. Er drehte sich kaum merklich weg und sie erwischte nur seine Wange. Michał bemerkte seine unverhältnismäßige Strenge, besann sich, lächelte aufgesetzt und machte eilig ein Kussgeräusch, um einen Streit zu verhindern. »Gut, gut. Und dir?« Es klappte. Klar bemerkte Valeska seine Unlust und nun auch den halbherzigen Versuch, sie zu besänftigen, doch war die junge Frau mittlerweile auch mit wenig zufrieden.

»Kommt, gehen wir«, versuchte Maksio abzulenken; wie so oft, wenn die drei unter sich waren.

*

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