vonfuchsbau 01.07.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Die beiden Zurückgelassenen rafften sich auf und traten den fünfundvierzigminütigen Spaziergang zu ihrem Fuchsbau an, um dort zu übernachten. Nach wie vor von unnatürlicher Energie und Glücksschüben durchströmt, begann Valeska, Michałs Wutanfall zu vergessen. Sie hoffte nur, dass er nach Hause und nicht in den Bau gegangen war, um zu trinken oder zu randalieren, wie es schon einmal passiert war. Diese Aktion hatte dem angehenden Tänzer niemand übelgenommen, denn im Bau gab es nichts Wertvolles zu zerdeppern, außer dem Wohlbefinden der Füchse selbst. Maksio und Valeska begannen Späße über Michał zu machen, was für ein kleiner Giftzwerg er doch war und Ähnliches. So konnten sie einfacher mit der verzwickten Situation umgehen und den Abend noch in eine angenehme Richtung lenken. Sie wussten, dass sie gemein über ihn redeten und somit nicht besser als er waren, aber es half gegen die Tränen.

Im Bau angekommen, wo glücklicherweise niemand war, saßen sie noch lange auf der Couch, hörten Platten und tranken den billigen zwei Liter-Wein aus dem 24-Stunden-Laden nebenan, sprachen übers Malen, über Musik und vieles mehr, was sie bewegte. Während Valeska ihre Lippen bewegte, Maksio immer wieder am Arm berührte und ihn mit den beiden geweiteten Universen anstarrte, bemerkte er zum ersten Mal seit vielen Jahren erneut, wie sehr er sie mochte – zu sehr, wie der urbanisierte Landjunge innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde erschrocken feststellte –, also schob er diesen Gedanken möglichst weit von sich weg.

Am frühen Morgen – an Schlaf war, zumindest vonseiten Valeskas, noch nicht zu denken – trug die Sonne ihre ersten Strahlen durch das Fenster des nach Osten ausgerichteten Fuchsbaus. Die beiden Füchse entschlossen sich dazu, rauszugehen, den Müllwagen und Müllmännern beim Aufräumen und dem glitzernden Morgentau auf dem Gras beim Verschwinden zuzusehen; bei Kaffee und mit flüssiger Schokoladenmasse gefüllten Brötchen vom gleichen 24-Stunden-Laden wie zuvor. Mittlerweile stand ein anderer Verkäufer hinter dem Tresen.

»Schau, wie die Tropfen einer nach dem anderen auf dem Gras verschwinden. Du kannst es förmlich sehen. Und der Duft steigt in unsere Nasen. Ist das nicht ein Wunder? All das, was du vor dir hast, und in dir. Das Außen und Innen, im Kampf miteinander. Toll. Ich bin so froh, hier mit dir zu sein.«

»Ich auch«, erwiderte Valeska, lehnte sich an Maksios Schulter und nahm seine Hand in ihre. »Danke, dass du mit mir aufgeblieben bist. Du bist wirklich ein guter Freund. Ich liebe unsere Füchse so. Und … du«, unterbrach sie sich, »Maksio, tust du mir einen Gefallen? Bitte!«

»Was meinst du? Welchen?«

»Bitte, bitte!« Sie fing an aufgesetzt zu quengeln wie ein Kind und sah ihn mit Dackelblick an. »Schreib etwas für mich. Alles, was du sagst, ist so klug, so überlegt, so schön. Ich möchte, dass du überhaupt schreibst. Ich glaube, du wärst einsame Spitze darin.«

»Meinst du?«

»Ich weiß es!«

»Und was soll ich dir schreiben?«

»Egal was. Irgendwas. Über dich. Über den Tau. Über mich. Was du willst. Ja, über mich am besten.«

»In Ordnung, mache ich. Bis wann?«

Sie lachte, umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange. »Aber Maksio, das ist doch keine Hausaufgabe. Du bist so süß. Unschuldiger Maksio vom Lande.« Sie schmiegte sich wieder an seine Brust. »Schreib einfach, das genügt mir.«

Maksios Wangen röteten sich und Valeska tat, als ob sie es nicht bemerkt hätte. Stattdessen schob sie ihren Kopf an seinem Hals entlang nach oben und missbrauchte ihn auf die denkbar charmanteste Art und Weise. Sie küsste ihn, tief und fest.

Die jungen Füchse wurden erwachsen und ihr Leben ab diesem Tag viel komplizierter, als sie es sich je hätten ausmalen können.

*

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