vonfuchsbau 31.07.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Maksio und Michał waren in dessen Wohnung in der Ulica Gołebia unweit des Fuchsbaus verabredet. Jedes Mal, wenn Maksio zu Besuch kam, blieb er kurz im Treppenhaus im Erdgeschoss stehen und atmete tief durch seine Nase ein. Vom ebenerdig angesiedelten Restaurant stieg ihm der Duft von in Butter geschwenkten, angebratenen Teigtaschen und Bigos* in die Nase und machte ihm Appetit. Da das Restaurant recht hohe Preise hatte und eher von Touristen als von Einheimischen besucht wurde, riss er sich von den Gedanken an gefüllte Piroggen und saftigen Krauteintopf los und ging weiter. Sein Ziel, eine zwei Zimmer-Altbauwohnung, lag im zweiten Stock.

Das Innere von Michałs Wohnung fiel nicht weiter auf – ein Bad mit WC, ein Schlafzimmer, ein Vorzimmer, alles eher einfallslos eingerichtet –, das Wohnzimmer allerdings stach hervor. Auf dem eigenhändig geölten und glattpolierten Parkettboden, auf dem Michał seine Tanzschritte einübte, waren hier und da Orientierungspunkte mit unterschiedlich farblichen Aufklebern angebracht. An den Wänden hingen ausgedruckte Tanzkombinationen. Die wenigen Möbel – eine Couch, auf der Maksio öfter mal schlief, ein schmaler Esstisch, zwei Stühle und ein Sekretär mit Rollladen, auf dem ein Plattenspieler stand und in dessen Schubladen vorwiegend alte Platten von Michałs Vater lagen – standen an den Wänden entlang aneinandergereiht.

Maksio stieg also die Treppen rauf, klopfte alibimäßig an den Türrahmen und trat durch die – auch an diesem Tag – meist unverschlossene Tür. Die vier Füchse hatten es sich im Bau angewöhnt, jede Tür offenzulassen. Sie taten es, weil sie der Welt vertrauen wollten, in der sie lebten, und weil sie sich für all das offen zeigen wollten, was die Fügung für sie bereithielt, jugendlich idealistisch wie sie waren.

Als Michał Schritte innerhalb seiner Wohnung hörte, denn er hatte einen ähnlich leichten Schlaf wie Maksio, wachte er auf, zog das Heft mit dem ersten Nussknacker-Akt von seinem Gesicht und richtete sich auf. Nun saß er auf der Couch im Wohnzimmer. Kurz sah er auf seine digitale Armbanduhr am Handgelenk, nachdem er sie in die richtige Position gedreht hatte. Sie zeigte die Ziffern 13 und 59 an, getrennt von einem Doppelpunkt.

»Pünktlich wie die Maurer, wie immer. Du bist so ein … wie soll ich sagen … so ein akkurater Mensch. Weißt du das eigentlich? Natürlich weißt du das nicht. Dazu bist du ja viel zu bescheiden. Guter, unschuldiger Maksio.« Seine Worte waren harsch, sein Tonfall aber milde und sein Gesicht ein bisschen aufgequollen vom Alkohol, wie die halbleere Flasche am Fußende der Couch und die vom Rotwein blau verfärbten Lippen verrieten.

* Krauteintopf aus gedünstetem Sauerkraut mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten

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