vonfuchsbau 12.08.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Glücklich darüber, dass Michał keinen Antrieb gefunden hatte und zu Hause geblieben war, spazierte Maksio unter dem typisch vorfrühlingshaften orangenen Smog-Himmel über den Hauptplatz seinem nächsten Treffen entgegen. An der ersten Häuserecke kaufte er gegen den kleinen Hunger einen Obwarzanek* mit Sesamsamen drauf und aß ihn unterwegs. Wenige Minuten später, zeitgleich mit seinem letzten Bissen, öffnete er die Türe zum Fuchsbau, wo Mateusz wild zur Musik von Billy Idol tanzte, mit einer sprudelnden Bierflasche in der einen und einem auseinanderfallenden Cheeseburger in der anderen Hand. Auf seine eigene, kraftstrotzend manische Art strahlte er über das ganze Gesicht, und Maksio konnte nicht mit hundertprozentiger Sicherheit einschätzen, ob sein Freund nun selig oder einem Nervenzusammenbruch nahe war.

»Herr Nowak, schauen Sie, wie wir leben!« Mateusz streckte Maksio die Fressalien entgegen. »Es ist großartig! Willst du mal beißen?« Nachdem Maksio sein Gegenüber wenige Sekunden beobachtet hatte, wusste er, dass an diesem Tag Lebensfreude und Tatendrang das Innenleben von Mateusz bestimmten und nicht überspielte Verzweiflung, also ließ er sich gerne von der unbeschwerten Stimmung anstecken.

An solchen Nachmittagen, wenn die Füchse in ihrem gut versteckten Bau über der Stadt Laune aufs Leben hatten und an der Unsterblichkeit kratzten, das letzte Tageslicht durch das Fenster drang und der Himmel innerhalb von Minuten von orange zu veilchenblau, rosa und dann wieder orange wechselte, vergaß Maksio gerne jegliche Bedenken, was einfach gelang, denn in solchen Momenten schienen sie wie von selbst zu verpuffen. Wenig vermochte die Füchse abzulenken, wenn sie zusammen Neues schufen, tanzten, sangen, malten oder schrieben. Sich in geistige und kreative Höhen zu katapultieren, schafften sie gemeinsam noch viel besser als alleine. Für diese Momente des Schaffens – zwar nicht in Michałs Sinne, dafür reiner und unschuldiger – lebten die Füchse in ihren jungen Erwachsenenjahren, die deutlich mehr von Größenwahnsinn als von Reife geprägt waren und in denen jeder andere Aspekt des Lebens von der Kunst verschluckt wurde. Mit denjenigen Teilen in ihnen in Berührung zu kommen, die immer schon dagewesen waren und die für immer dableiben würden, in diesem und in allen anderen Universen, das wollten sie.

Um die gewünschten Höhen erreichen zu können, benötigten die Füchse für gewöhnlich keine stimulierenden Substanzen. Der Alkohol floss täglich, das schon, aber das Bierchen am Nachmittag, den Wein abends oder den Whiskey in der Nacht empfanden die vier weniger als Hilfsmittel, sondern eher als treue Begleiter. Der Alkohol war schon immer dagewesen, während Zeiten der Freude und der Trauer. An diesem Tag erspähte Maksio jedoch Reste eines weißen Pülverchens auf dem Couchtisch, darin lag eine Bankkarte.

* Ringförmiges Brotgebäck

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