vonfuchsbau 03.09.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Als Valeska im Fuchsbau ankam, war es ganz still. Nur das Knacken einer im Leerlauf rotierenden Platte war zu hören. Maksio hatte gar nicht bemerkt, dass die Füchsin auf leisen Sohlen eingetreten war und ihn nun lächelnd bei seiner konzentrierten Arbeit beobachtete. In der Regel war er ein sehr wachsamer Mensch, doch gerade vereinnahmte ihn ein Blatt Papier gänzlich. Es war die Geschichte, die er Valeska versprochen hatte.

»Hallo.«

Valeska erzielte keine Reaktion und musste leise kichern.

»Hal-lo«, wiederholte sie gutgelaunt etwas lauter und schüttelte ihren fast leeren Getränkebecher mit den klappernden Eiswürfeln darin, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Maksio schüttelte sich etwas erschrocken und blickte hoch. Als er die junge Frau sah, konnte er nicht anders, als zu grinsen, weil sie so hübsch aussah. »Hey, komm doch rein!« Valeska kam zu ihm auf die Couch, ohne ihre viel zu große, weil von Michał ausgeborgte Regenjacke oder ihren Rucksack abzulegen, stützte sich direkt auf Maksio und küsste sein Gesicht ab. Kein Küsschen links, Küsschen rechts wie üblich, wie Maksio auch dieses Mal angesetzt hatte. Verwundert und geschmeichelt vergaß er erneut, dass er ihr Verhalten von neulich rügen wollte.

»Was machst du grad?« Ihr Blick wechselte zwischen ihm und dem Blatt Papier vor ihnen, während sie seinen Arm umklammerte und immer wieder durch den Pulli küsste.

»Ich habe etwas für dich geschrieben, so wie du es wolltest. Es ist fertig.« Er versuchte cool und nüchtern rüberzukommen, doch die Gefühle brodelten in ihm; wenigstens waren es wieder die positiven, die überwogen.

»Für mich? Ach ja, der Text. Eigentlich für dich, oder?«

»Was? Wieso?«

»Egal. Du wirst es schon noch merken.« In den simpelsten Dingen konnte Maksio manchmal ziemlich auf der Leitung stehen, wie dieses Mal. Das passierte ihm vor allem dann, wenn Gefühle ihn übermannten. Sie waren das Kryptonit, welches seinen klaren Kopf, seine einzige Waffe im Ringen um einen Platz auf der Welt, verwirren konnte.

»Willst du es mir nicht vorlesen?«

»Willst du es nicht vielleicht selbst lesen?« Maksio schämte sich ein bisschen und befürchtete, dass ihr der Text nicht gefallen würde.

»Nein, du bitte. Du hast eine perfekte Lesestimme.«

»Gut.« Das mit der Stimme glaubte er ihr zwar nicht, überwand sich aber, räusperte sich, fühlte nervöse Wärme in Hals und Gesicht steigen, stand nochmals auf, setzte sich wieder hin, öffnete zwei der Biere vor ihnen, die Mateusz zuvor angeschleppt hatte, und fing endlich an zu lesen.

»Orange und schwarz, von Maksio Nowak.« Er nahm einen großen Schluck. »Orange und schwarz ist mein kurzes Leben. Viel zu kurz ist es, um alleine sein zu wollen, viel zu wertvoll, um das Rückgrat zu krümmen, doch beides geschieht mit mir, obwohl ich stets vorsichtig war, und ich muss weinen.

Orange und schwarz ist nicht nur mein Leben, orange ist der Himmel und schwarz der ganze Rest. Es ist nicht das Schwarz der Häuser und Bäume, die im giftigen Scheine des Himmels zu einem einzigen Schattenbild verschmelzen, das mich traurig macht, denn diese Dinge sind beständig und werden mich überdauern.

Ich weine, weil der Smoghimmel über mir orange ist, weil er dich eines Tages umbringen wird – und mich auch. Ich weine, weil ich bis zu diesem dunkelsten Tag aller Tage häufig alleine sein und unweigerlich mein Rückgrat weiter krümmen werde, weil ich ein Mensch bin.

Ich bin mir wichtig, weil ich nicht perfekt bin. Du bist mir wichtig, weil ich eine Chance sehe, perfekt zu werden. Es ist mir egal, wieso, wann und wie du sterben wirst. Weil du es tun musst, kann das Leben nicht gut sein. Weil du einmal nicht mehr da sein wirst, ist dieses Leben auf der Erde schlecht.«

Maksios Stimme fing an zu zittern, weil er daran zweifelte, ob es eine gute Idee gewesen war, seine intimsten Gefühle preiszugeben und sich dadurch verletzbar zu machen. Zu spät. Er nahm einen weiteren Schluck und las weiter.

»Und wenn wir schon sterben müssen, dann hoffe ich, dass wir wenigstens zu einem Teil des orangenen Himmels über uns und der schlechten Erde unter uns werden. The End.« Verunsichert sah er nach links und suchte nach Bestätigung.

»Großartig!« Ohne Vorwarnung setzte sich Valeska auf Maksios Schoß, somit auf seine Hände und das Blatt Papier darin. Ohne etwas dagegen tun zu können, ließ er ihre vielen innigen und langen Küsse zu. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, wie er sie möglichst sanft von sich weisen konnte, denn es war falsch, was sie taten, doch diese Überlegungen verflogen jedes Mal, wenn ihre Lippen auf seine trafen. Viel zu schön war es, diese Frau zu küssen, also hörte er auf zu denken und beging damit den bisher größten Fehler seines noch so jungen Lebens.

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