vonfuchsbau 09.09.2019

Der Fuchsbau

Der Fuchsbau“ ist ein Coming-of-Age-Fortsetzungsroman des poln.-österr. Schriftstellers Markus Szaszka.

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Draußen begann ein Gewitter die Straßen leerzufegen und drinnen zogen sich die beiden Betrüger gegenseitig ihre Klamotten wieder an. Berauschte Gelassenheit begleitete jeden ihrer Handgriffe; das Zuknöpfen der Bluse, das Auflegen einer neuen Platte und das Schließen des Fensters zur Straße. Nun war es dunkel geworden. Innerhalb von Minuten war das Orange des Smoghimmels einem stürmischen Grau und Blau, Blitzen und Donner gewichen. Die Luft, die Sekunden zuvor noch trocken und schwer gewesen war, erfrischte nun, kühlte und lud dazu ein, im dichten Regen zu tanzen.

»Komm, lass uns Mateusz und die anderen treffen!«, schlug Maksio vor, unbedarft und ruhig. Sie nickte. Ihre Schuldgefühle hatten die beiden zum Schweigen gebracht – einstweilen.

*

Das Gewitter zog rasch weiter und die Jugend begann sogleich, die Regentropfen von den Stühlen und Tischen vor den Bars und Restaurants im jüdischen Viertel wegzuwischen, um die nach wie vor warme und angenehme Luft draußen genießen zu können. Als Maksio und Valeska von der Ulica Warszauera in die Ulica Estery einbogen, welche direkt am Plac Nowy lag und auf der sich gleich im ersten Haus, wenige Meter von der Straßenecke, die angepeilte Trinkhalle befand, ließen die beiden gerade rechtzeitig ihre Hände los, bevor sie von jemandem gesehen werden konnten.

Vor dem BaniaLuka, auf zusammenklappbaren Holzbänken und an einem langen Holztisch, unter kaum vor dem Regen schützenden, großen Sonnenschirmen, saßen bereits Mateusz, der wie meist auch den Mittelpunkt der Gruppe ausmachte, neben ihm Lilith, die ihn anhimmelte und verbotenerweise einen Mai Tai trank, ein paar Studienkollegen des angehenden Filmstars und Michał, der zerknittert dasaß und keine Lust hatte, bei der Beweihräucherung für Mateusz mitzumachen, sondern lieber Trübsal blies.

Als Maksio die Gruppe dort so sitzen sah, wurde ihm unmissverständlich klar, dass Valeska und er an diesem Tag den Sprengstoff gelegt hatten, der die Füchse früher oder später voneinander trennen würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Tick tack.

Dieses großartige Ensemble, das aus dem Bauern Maksio einen passablen Städter gemacht hatte, war dem Untergang geweiht. Er würde seine Brüder und Schwester im Geiste verlieren, und das nur wegen einer Unachtsamkeit, wegen einer Schwäche seinerseits und ihrerseits. Hier waren sie wieder, die Gewissensbisse.

Da der Anschein eines intakten Freundeskreises vorerst noch bewahrt werden konnte, lachten Valeska und Maksio ihrer selbsterwählten Familie zu und sahen einander ein letztes Mal für diesen Abend tief in die Augen, um stattdessen Gespräche zu führen, die es sich nicht zu führen lohnte.

Maksio, Valeska, Mateusz und Michał hatten sich verändert, mitunter, weil sie nicht mehr unter sich waren. Mittlerweile wurden auch andere junge Künstler in den Freundeskreis gelassen. Zwar wusste keiner der anderen, dass die vier einen Fuchsbau besaßen und nicht einmal, dass sie sich als Füchse bezeichneten, aber es scharten sich derart viele Bewunderer um Mateusz und Valeska, dass es unmöglich geworden war, weiterhin im Verborgenen zu operieren.

Mit Komplimenten gelockt, hatten die Füchse ihren Bau verlassen und angefangen, den anderen gefallen zu wollen. Damit wurden sie ein Stück weit zu dem, was sie noch gar nicht so lange zuvor verteufelt hatten: Schafe.

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