vonHans-Peter Martin 02.12.2019

Game Over

Hans-Peter Martin bloggt über die globale Titanic der Politik und Wirtschaft – und wie es doch ein „New Game“ geben kann. Krieg oder Frieden.

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Im Windschatten der roten Revolte in der SPD verstricken sich die sozialdemokratischen Parteifreunde in der Alpenrepublik in einem grotesken Drama. Anders als die SPD bietet die SPÖ in ihrem Politstück jedoch kaum Protagonisten, die durch inhaltliche Differenzen hervorstechen. Vielmehr ist es ein Catch-as-catch-can, in dem sich frühere und aktuelle Parteiführer matchen wie seinerzeit die Berufsringer am Heumarkt beim Wiener Konzerthaus. Da wurde neben der 1913 eröffneten „Stätte für die Pflege edler Musik“ (so das Motto) gejohlt und gepfiffen, gelacht und verhöhnt. Nun, ein Jahrhundert später, dominiert im politischen Ring die „Liesinger Partie“, benannt nach dem nunmehrigen 23. Wiener Gemeindebezirk, der erst 1938 nach dem Anschluss an Deutschland entstanden war.

Jetzt ist er die politische Heimat des ehemaligen SPÖ-Kanzlers Werner Faymann, der in seinem Lebenslauf ein „Studium der Rechtswissenschaften“ anführte, aber lediglich die Prüfung zu einem Einführungsseminar abgelegt hatte und einen Taxiführerschein besitzt. Das sorgte bei Bekanntwerden schon für ausgiebig Heiterkeit beim p.t. Publikum. Bundeskanzler durfte er dennoch bleiben, Österreich ist nicht Guttenberg, Adelstitel sind abgeschafft.

Liesingerin ist auch Doris Bures, eine gelernte Zahnarzthelferin, die schon Bundesgeschäftsführerin der SPÖ, Ministerin und Parlamentspräsidentin war und als „Krätzn“ gilt, als besonders unangenehmer Mensch, ebenso wie der neue Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch. Er ist Vizeparteibezirkschef im 23. Hieb und Studienabbrecher. Ohne die Liesinger wäre Michael Ludwig kaum Bürgermeister geworden und Pamela Rendi-Wagner sicher nicht mehr SPÖ-Vorsitzende.

Dabei wurde PRW, wie sie genannt wird, vom SPÖ-Kurzzeitkanzler Christian Kern aus dem Wiener Bezirk Simmering protegiert, wechselte aber die Seiten und liefert sich jetzt mit ihrem ehemaligen Mentor und Vorgänger im Parteivorsitz öffentlich einen grotesken Schlagabtausch, zuletzt über die Höhe der hinterlassenen Schulden. 14 oder 10,6 Millionen Euro, das ist die Frage. Der ewige Parteikassier Christoph Matznetter, schon g’schamster Diener vieler Granden und selbst ein selbstbewusster Strippenzieher, mischte sich mit einem offenen Brief an Kern ein, um zu verkünden: „Leider hast Du Dich bei uns nicht erkundigt, bevor Du an die Öffentlichkeit gegangen bist.“

Nach der Ankündigung, ein Viertel der Mitarbeiter in der Parteizentrale aus Geldnot kündigen zu müssen, gab es verbal kein Halten mehr. Der Liesinger Partie wurde die „Säuberung“ einer anderen Clique vorgeworfen, „eine absolute Sauerei“ halt. Ein „Rucksack voller Steine“ sei ihr hinterlassen worden, klagte Rendi-Wagner. „In der SPÖ gibt es einen sehr, sehr intakten Kern“, konterte Kern, der sich nach verlorenen Wahlgängen beispiellos peinlich aus seinen Politfunktionen zurückgezogen hatte. Jetzt ist er Aufsichtsrat bei der russischen Staatsbahn RZD. Von ernsthaften politischen Unterschieden ist bei den Kontrahenten nie die Rede. Kompetenz spricht jede(r) jedem ab, wohl zu Recht.

So untergriffig, letztklassig und komisch die Auseinandersetzungen auf der SPÖ-Bühne damit wirken, sie entwickeln sich zu einer politischen Tragödie. Denn anders als in Deutschland oder Frankreich existiert in Österreich keine nennenswerte politische Gruppierung links von der Sozialdemokratie. Lediglich im Bundesland Steiermark schafft es die Kommunistische Partei, die längst der deutschen Linken ähnlicher ist als ihrem Namensgeber, in den Landtag.

Linke Politik ist auch von den Grünen nicht mehr zu erwarten, die sich nun mit der konservativen Partei ÖVP in eine nationale Koalition einbringen wollen. In so einer Gemengelage fällt der Kunst eine unverzichtbare Rolle zu, insbesondere dem Theater. Wo soll es sonst noch profunde Mahner und Herausforderer geben, ernsthafte Protagonisten, wo werden sonst noch Grundsatzfragen verhandelt? Wenn Politik zum Schmierentheater verkommt, kann das Theater überlegene Überlegungsräume anbieten.

Politik als Schmierentheater, Theater als politischer Überlegungsraum

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej weiß das. So stellte er sein Programm zusammen und glänzt bislang damit – „Die Bakchen“ im überwätigenden Maschinenraum, die „Vögel“ mit stehenden Ovationen, der diabolische Sog bei „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, der geradezu vergnügliche „Faust“. Nur „The Party“ war keine.

Nun „Die Hermannsschlacht“, Heinrich von Kleists Politstück entlang der historischen Auseinandersetzung im Teutoburger Wald, in der im Jahr 9 n. Chr. der römische Feldherr Varus gegen ein geeintes Heer germanischer Stämme unter Führung des Cheruskers Hermann aufgerieben wurde. Nationaldeutsche schätzten das blutrünstige Drama als Gründungsmythos, so drängt sich die Assoziation zu den Nazis immer wieder auf.

Alle Besucher werden enttäuscht, die sich allzu viele Gegenwartsbezüge oder zumindest vordergründig Kraftvolles und Tempo erwarten. Stattdessen setzt Kušej in seiner ersten Regiearbeit als neuer Chef auf lange, besinnliche Szenen. Damit schenkt er jenen Zuschauern Zeit zum Nachdenken, die sich darauf einlassen können, und verwöhnt sie mit immer neuen, seelenbetörenden Bilderwelten. Die Lichtregie schafft immer neue Räume, mal furchterregend weit, dann wieder intim – und all dies auf der so endlos wirkenden Burgtheaterbühne. Ein faszinierend einfaches Bühnenbild, das riesigen Wellenbrechern aus Beton gleicht, die am Meeresufer immer höher werdenden Sturmfluten trotzen sollen, erfordert höchste Konzentration der Schauspieler. So leicht kann man abrutschen. Ein „Hustenmeer“, wie Mitarbeiter des Hauses am Premierenabend die penetranten Geräusche aus dem Zuschauerraum nannten, irritierte aber Besucher und Darsteller gleichermaßen. So ließen sich die Schauspieler verleiten, oft zu leise zu sprechen. Wie schade.

Dafür entschädigen etwa die Kostümeinfälle des Slowenen Alan Hranitelj, der in Kroatien geboren wurde. Als die Truppen sich für Hermann formieren, schlüpfen sie in SA-gelbe Mäntel, die schon von Beginn an verschmutzt sind: Sinnbild des Verrats, aber auch des Schlammes im Schlachtgebiet. Und am Ende doch eine unmißverständliche Anspielung: Hermanns Mannen mutieren zu schlagenden Burschenschaftern, wie sie bis vor kurzem in Österreichs Regierungspolitik die Marschroute vorgaben.

Markus Scheuermann verkörpert Hermann als durchtriebenen, listigen Anführer, kein lauter, tolpatschiger H.C. Strache, eher ein unselig durchtriebener Ex-FPÖ-Innenminister Herbert Kickl. Da stapft keine Kampfmaschine über die Bühne wie in anderen Inszenierungen.

Klar, alle Kritiker müssen nun einen Bezug zu Claus Peymann herstellen, der in den frühen 1980er Jahren mit der „Hermannsschlacht“ reüssierte, ehe er Burgtheaterdirektor wurde. Der Autor dieses Blogs ist schon so alt, dass er auch Peymanns Interpretation gesehen hat und von ihr beeindruckt war. Allein die damaligen Schlachtformationen hallen nach. Es dröhnte.

Doch in einer Zeit, in der in der Politik so viele dröhnen, brüllen und schreien – von Donald Trump über Boris Johnson bis Viktor Orbán: Ist es da nicht angebracht, das Hinterlistige und eine ästhetisch anmutige, aber schleichende Entwicklung zu immer mehr Brutalität fast still auf die Bühne zu bringen? Schwierig, aber schön.

Unter dem Premierenpublikum fanden sich viele alte Rote: Ewald Nowotny, bis August Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und mitverantwortlich für die Europolitik mit ihrer systemgefährdenden Vermögenspreisinflation; Wolfgang Petritsch, einstiger EU-Sonderbeauftragter für den Kosovo und EU-Chefverhandler bei den Friedensverhandlungen 1999; Alexander Wrabetz, noch immer Generaldirektor des Österreichischen Rundfunks ORF; dazu Thomas Drozda, ehemaliger Kanzleramtsminister und maßgeblich an der Bestellung Kušejs zum Burgtheaterchef beteiligt und SPÖ-Bundesgeschäftsführer,  von Pamela Rendi-Wagner berufen und auf Druck der Liesinger Partie fallen gelassen. Unübersehbar schließlich Josef Ostermayer, auch er Ex-Minister und wohl engster Vertrauter des Ex-Kanzlers Faymann.

Zur roten Besinnung taugt das Stück allemal: Was ist der Anteil der Sozialdemokraten und US-Demokraten am Erfolg der neonationalen Kräfte, die jetzt wieder in so viele Schlachten ziehen?

Martin Kušej meinte am Ende der Premierenfeier im Burgtheater: „Ab heute ist dies mein Haus. Und wer es mir wegnehmen will, muss mit mir kämpfen.“

Wir Versprengten – von aufgeklärten Liberalen über politisch bewusste Grüne bis zu ernsthaften Sozialdemokraten und echten Linken  – sollten froh sein, dass da einer kampfbereit ist.

Ein Lesehinweis: Hans-Peter Martin, „Game Over – Wohlstand für wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für alle – und dann?“, Penguin Verlag, München. Weitere Informationen unter www.hpmartin.net

 

 

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