vonUlrike Winkelmann 26.08.2022

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

Mehr über diesen Blog

Von ULRIKE WINKELMANN und FRANZ VON WOLFFERSDORFF

Nach der Niederlage gegen Klaus Dörr, den früheren Intendanten der Volksbühne, im Juni vorm Landgericht Berlin hat die taz beschlossen, in Berufung zu gehen.

Klaus Dörr hatte sich juristisch dagegen gewehrt, dass die taz in ihrem Bericht „Metoo an der Berliner Volksbühne / Eine Bühne für Sexisten“ im März 2021 den Eindruck erweckt hatte, ihm werde „Upskirting“ vorgeworfen, also das Fotografieren unter einen Rock. Die taz hatte diesen Vorwurf einem Protokoll der Vertrauensstelle Themis entnommen. Das „Upskirting“ war dabei nur einer in einer ganzen Reihe von Vorwürfen gegen Dörr, die bei Themis eingegangen waren.

Die staatlich finanzierte Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung in der Kulturbranche erstellte daraus einen vertraulichen Bericht an den Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Das Papier gelangte jedoch ebenso wie mehrere andere Unterlagen zu dem Fall an die taz, die daraus zitierte.

Sehr deutliche und hart bezeugte Hinweise

Dörr trat drei Tage nach Erscheinen des taz-Berichts vom Amt zurück; er erklärte damals, er übernehme für die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „die komplette Verantwortung“ und bedaure zutiefst, wenn er „Mit­ar­bei­te­r:in­nen mit meinem Verhalten, mit Worten oder Blicken verletzt“ habe. Das inzwischen strafrechtlich relevante „Upskirting“ bestritt er dann jedoch, und die taz tilgte es nach einer ersten rechtlichen Intervention aus ihrer Online-Veröffentlichung.

Die taz-Reporterin Viktoria Morasch hatte zu den vielfältigen Vorwürfen mit mehreren Leuten an der Volksbühne gesprochen, die von sehr deutlichen und hart bezeugten Hinweisen auf das „Upskirting“ berichteten. Dabei soll einer der Mitarbeiter gegenüber der Agentur Themis seine Wahrnehmung sogar als Augenzeuge geschildert haben. Deshalb verlangte der taz-Anwalt Johannes Eisenberg vom Landgericht, die der taz namentlich bekannten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch als Zeugen und Zeuginnen zu laden. Das Gericht kam dem jedoch nicht nach.

abo

10 x taz am Wochenende + taz digital : Jetzt aktiv werden mit unserem aktivistischen Klima-Abo. Mit diesem Abo gibt es 10 Wochen lang die digitale Ausgabe der taz und zusätzlich 10 mal samstags die gedruckte taz am Wochenende, zusammen für 10 Euro. Davon geht 1 Euro als Spende an Fridays for Future.

Es geht der taz bei diesem Verfahren ausschließlich um eine Frage der Pressefreiheit: Wir finden, eine Zeitung muss aus einem Bericht einer staatlich finanzierten Stelle an den Senat zitieren dürfen, wenn sie zudem Aussagen gesammelt hat, die die Richtigkeit des im Bericht Aufgeführten bestätigen. Es ist zweifelhaft, dass der Staat die Möglichkeit eines anonymen Beschwerdewesens institutionell einrichtet und fördert, entsprechende Beschwerden aber der öffentlichen Wahrnehmung entzogen sind.

Aus diesen Gründen ist die taz in Berufung gegangen. Wann das Urteil der nächsten Instanz zu erwarten steht, wissen wir noch nicht.

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausblog/metoo-an-der-volksbuehne/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • hier geht es aber nur sekundär um einen Beitrag zur Pressefreiheit, substanziell wurde mit der Hilfe der TAZ
    ein Mensch öffentlich hingerichtet. Wie verhält sich denn Frau Morasch zu ihrem damaligen , wohl sehr subjektivem Artikel ? . Es ist schade, aber die Glaubwürdigkeit der TAZ, auf die ich lange große Stücke gehalten habe ist mit solch aktivistischen, einseitigen Artikeln in Gefahr.

    Michal Zimmermann

  • Ein zweischneidges Schwert und eine für mich ungenügende Darstellung der motivationalen Gemengelage.
    Es wird gefordert, Journalisten dürften jede Beschwerde an eine staatlich eingerichtete Stelle journalistisch bearbeiten.

    Das finde ich insofern schwierig, als dass auf diese Weise möglicherweise falsche Vorwürfe kolportiert werden und zirkulieren.

    Dies zumal die Betroffenen sich mit den Vorwürfen ja aus eigenem Antrieb an die Presse wenden können.
    Richtig scheint hingegen, gegen die Weigerung des Gerichtes vorzugehen, mögliche Augenzeugen zu laden. Im doppelten Sinne, denn eine Falschaussage vor Gericht würde ja dem Zeugen auch angelastet.
    Und hier finde ich aber die Darstellung wirklich dürftig. Mir fehlt die Begründung, warum das Gericht die Zeugen nicht geladen hat. Eine solche muss es ja geben.

    Kurzum, mir ist schleierhaft, warum die Darstellung so unklar ist, es wird da einfach nichts transparent. Vielmehr handelt es sich letztlich lediglich um die Wiederholung der Vorwürfe gegen den Herrn.
    Das finde ich angesichts der derzeitgen Beschlusslage merkwürdig. Die Motivation der Taz allein mit dem „freien Journalismus“ zu begründen, scheint mir dadurch zweifelhaft.
    Deswegen wünsche ich mir eine präzisere Darstellung sowohl der richterlichen Ablehnung der Zeugenladung als auch der von der Taz für die Berufung vorgetragenen Gründe.
    Dies im Sinne eines „freien“ Journalismus, zu dem für mich zwingend eine sachrichtige und vor allem nachvollziehbare Berichterstattung gehört.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Grab them by the brain

Machen Sie mit bei taz zahl ich und leisten einen Beitrag für ein offenes Internet und freien Zugang zu unabhängigen Journalismus.