vonHelmut Höge 08.02.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Das Kartell ist ein Quasi-Monopol, meint der Münsteraner Professor für Volkswirtschaft Ulrich van Suntum in der FAS vom vergangenen Sonntag. Schon Adam Smith „erkannte die Gefahr“: Unternehmer aus der selben Branche, schrieb er 1776, kämen selten zusammen, „ohne dass ihre Unterhaltung mit einer Verschwörung gegen das Publikum oder einem Plan zur Erhöhung der Preise endigt“ .

Die Amerikaner waren die ersten, die marktbeherrschenden Unternehmen entgegenwirkten: mit dem „Sherman Antitrust Act“ von 1890. Die Deutschen folgten laut van Suntum 1957, aber ihr Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen erlaubte viele Ausnahmen. Und nun geht es primär darum, nicht riesige Privatunternehmen bzw. Multis, sondern die Gebietsmonopole von Energieversorgungsunternehmen sowie auch von kommunalen Stadtwerken aufzubrechen – also auch dort Wettbewerb/Konkurrenz zuzulassen.

Bei den Monopol-Beispielen, die van Suntum für die FAS aufzählt, handelt es sich fast durchweg um archaische Unternehmen (das schwedische Zündholzmonopol in Deutschland z.B.) – und an Kartell-Beispiele wagt er sich gleich gar nicht heran – an das Wiener Kalikartell, das Elektrokartell und das Aluminiumkartell z.B.. Das Feuilleton spürt, mit den nun beginnenden Siemens-Prozessen – die schon als Prozesse vor deutschen Gerichten eine Farce sind, aber immerhin haben sich auch US-Instanzen bereits eingeschaltet – steht der staatsmonopolistische Kapitalismus auf dem Spiel und das ganze bisherige Verhältnis von Staat und deutschen Konzernen. Letztere sind dabei, sich „global“ zu verpissen (sie zahlen bereits keine Steuern mehr) und ersterer muß sich deswegen neu orientieren. Kann sein, dass die staatlichen Gerichte dazu jetzt einen Anstoß geben – mit den kommenden Siemensprozessen. Aber das ist wahrscheinlich sehr naiv gedacht: dass man von deutschen Gerichten irgendeinen „kreativen Schub“ erwartet. Und das Feuilleton eiert wie gewohnt herum.
Das FAS-Feuilleton setzte z.B. am selben Tag auch noch auf den „good will“ der Unternehmer selbst. Zu diesem Zweck haben sie den Offshore-Spekulanten und Sozialforschungs-Stifter Jan Philipp Reemtsma ganzseitig um einen „Diskurs“, wie man solche Selbstdarstellungen heute auch nennt, gebeten. Und zwar einen über „Altruismus“ versus „Egoismus“.

Wie van Suntum zitiert auch von Reemtsma dazu August von Hayek, der sich dafür aussprach, dass man die guten Taten nicht dem Staat überlassen sollte – also dass  sich daneben auch die Reichen in Kunst und Wissenschaft sowie bei der „Verbreitung neuer Ideen in der Politik, der Moral und Religion“ engagieren sollten – so wie es z.B. die Siemensstiftung tut, deren Anliegen vor allem die Förderung von neofaschistisch-darwinistischen Denken und Handeln ist, aber auch die Reemtsma-Stiftung, deren Anliegen die Diskreditierung des kommunistischen „68er-Denkens ist.

Reemtsma geht es in dem Artikel jedoch primär um die steuerliche Abzugsfähigkeit von Spenden. „Es geht darum, dass man die Aktivitäten von Menschen, die ihr Geld für nichtkommerzielle Zwecke ausgeben möchten, generell für gemeinwohldienlich hält, und zwar, weil man der Ansicht ist, dass aus der anarchie der höchst subjektiven Präferenzen heraus unsere Kultur in Bewegung gehalten wird, was nicht geschähe, wenn dies nur von konsenorientierten staatlichen Einrichtungen unternommen würde.“

Dieser Gedanke legt nahe, das „Kultur“ nur durch reiche Säcke und Staatsbeamte „in Bewegung“ gehalten wird – erstere folgen ihren spannenden privaten Macken, letztere langweiligen „Mehrheitsentscheidungen“. Beides soll laut Reemtsma „altruistisch“ sein.

Vor kurzem wurden die Leipziger Schimpansenforscher des dortigen Max-Planck-Instituts durch eine Notiz in „Nature“ weltberühmt: Sie hatten experimentell bewiesen, dass auch Affen zu „altruistischem Verhalten“ in der Lage sind. Bisher ging die „Nature“-Forschung absurderweise davon aus, dass dies nur dem Menschen eigen ist – eine Kulturleistung sozusagen, denn ansonsten herrsche unter den Lebewesen ein wüstes Hauen und Stechen (Competition). Dabei gilt dies im Gegenteil eher für angeloamerikanisierte Gesellschaften, wo sogar die „Gewerkschaft“ ein schmutziges Wort ist, das man in Gegenwart von Vorgesetzten nicht in den Mund nehmen darf und in Harvard ist es den Studenten bei Strafe verboten, zusammen zu arbeiten. Deswegen erfand man dort auch das Survival of the Fittest – als Lebensprinzip, das Darwin dann laut Marx bloß blöde in die Natur projizierte. Die ganze Welt – Natur und Kultur – ein einziges riesiges Fitness-Center!

Die großartige Leipziger Altruismusentdeckung ließ einigen Tübinger Entwicklungsbiologen keine Ruhe: Der Hypothese des Anarchisten Fürst Kropotkin folgend, wonach man mit fortschreitender Mikrokopietechnik auch im bakteriellen Bereich ganz viel „gegenseitige Hilfe“ (Gewerkschaften) finden werde, entdeckten nun auch sie den Altruismus – ebenfalls speziell für die US-Zeitschrift „Nature“ – neu: und zwar bei den im Erdboden lebenden Myxobakterien.

Wie in einem schlechten Hollywoodfilm, d.h. wie im globalisierten Neokapitalismus, gewinnen die Egoisten unter ihnen (die sich nicht zusammenschließen, um sich selbstlos fortzupflanzen), immer mehr an Boden – bis, ja bis kurz vorm Ende der ganzen schönen Bakterien-Kultur (die Forscher sprechen von einem „evolutionären Selbstmord“) wieder die Altruisten sich – einem „Phönix“ gleich – erheben und schließlich obsiegen. Durch aufopferungsvolles Kinderkriegen (Sporenbilden)! Die neodarwinistischen Tübinger machen dafür natürlich keine „Kommunikation“ oder Kooperation verantwortlich, sondern ganz dumpf-materialistisch ein vom Phönix-„Stamm“ produziertes Enzym namens „Acetyltransferase“, das sich selbstredend einer Gen-„Mutation“ verdankt.

Während die FAZ kurz und gelassen blieb (mit Sporenfarbphoto), projizierte das Internetmagazin „Telepolis“ diese Altruismus-Forschung unter Bakterien, die leider nichts anderes tut, als den (antidarwinistisch) ausufernden Symbioseforschungen der US-Zellbiologin Lynn Margulis ein neues materialistisches Korsett zu verpassen, euphorisch – in einer Rezension – auf die menschliche Gesellschaft (zurück): „Das soziale System hat also letztendlich vom Kontakt mit den Betrügern (den Egoisten) profitiert und gelernt, sich zu verbessern.“ Wir – ein lernfähiges System, jedenfalls wenn Profit lockt!

Ich darf noch einmal daran erinnern: Demgegenüber steht das ebenfalls vom Systemdenken durchdrungende chinesische „Weltbild“ der Kulturrevolution, das u.a. in dem vorbildlichen Menschen Lei Feng kulminierte, der sich als „kleine Schraube der Revolution“ begriff – und danach auch handelte. Von seinen altruistischen Taten kündete u.a. ein in Westdeutschland zu maoistischen Zeiten, 1973 bei Rowohlt, veröffentlichter Comic, der zuerst in Italien von Feltrinelli herausgegeben und dann von Arno Widmann (heute Berliner Zeitung) aus dem Italienischen übersetzt worden war. Zur gleichen Zeit hatte Joschka Fischer für den Voltaire-Verlag einen theoretischen Text über die „Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit“ in der Großen chinesischen Kulturrevolution übersetzt – aus dem Amerikanischen, es handelte sich dabei um einige Kapitel einer Doktorarbeit aus Harvard.

Den jungen Soldaten Lei Feng und sein kurzes Leben nahm sich 2000 Jürgen Kuttner für seine erste Volksbühnen-Inszenierung vor – nicht zuletzt, weil „uns Ostler doch immer noch der ganze SED-Staat um die Ohren gehauen wird, aber den ehemaligen Maoisten im Westen man die chinesischen Verbrechen nie vorwirft.“ Kuttner dachte dabei an die Gräuel der Kulturrevolution – und deswegen nun Lei Feng: als ein Comicmärchen. Inzwischen ist der Volksbefreiungsarmist in China sogar zu einem „Popstar“ geworden, wie die FAZ berichtet.

Statt US-genetisch mit Schimpansen und Bakterien argumentiert man dort gegen den um sich greifenden Egoismus eben chinesisch: so brachte z.B. die Firma Shanda ein Computerspiel mit dem Titel „Von Lei Feng lernen“ heraus, bei dem derjenige gewinnt, der am meisten anderen Menschen geholfen hat, also der Altruistischste. Und um noch deutlicher zu werden, hat man im früheren Revolutionsmuseum am Tienamenplatz ein Wachsfigurenkabinett eingerichtet – mit „offiziell anerkannten nationalen Helden“ (aus Vergangenheit und Gegenwart). Am Ende der illustren Parade, „wo der Besucher in die Zukunft entlassen wird“, stehen sich auf der einen Seite Lei Feng (mit seinem Armeelastwagen) und auf der anderen Seite der Microsoftgründer Bill Gates (ein Monopolist) gegenüber: Das Politische und das Private – der Revolutionär und der Idiot: Iidiot in der alten griechischen Bedeutung von Privatmann – jemand, der sich nicht um die Polis, sondern bloß um seine Privatgeschäfte bekümmert. Der US-Präsident Coolidge sagte es einmal – positiv – so: „Americas Business is the Business!“ In diesem Sinne dürfte Bill Gates der weltweit größte Idiot sein – wohingegen die kleine Schraube Lei Feng bis zur Selbstopferung das genau entgegengesetzte Prinzip verkörperte. Die chinesische KP selbst versucht heute, sich dazwischen auszubalancieren.

Noch bescheuerter als die obige Altruismus-Forschung ist die von Thomas Ramge – in seinem Buch „Nach der Ego-Gesellschaft“. Er ist optimistisch: Es wird bei uns Ähnliches passieren wie bei den Myxobakterien: Immer mehr Deutsche stiften, engagieren sich bürgerschaftlich, übernehmen Ehrenämter usw., Firmen kümmern sich um ihre Mitarbeiter (wie Siemens bei BenG z.B.) etc.. Der Witz in diesem optimistischen Machwerk ist nun, dass sich der Autor dabei auf „Psychogenetiker“ und deren „Zwillingsforschung“ beruft, die dabei zu der Erkenntnis gekommen sind: „50% des gemessenen altruistischen Verhaltens ist den Genen geschuldet“. Die – wahrscheinlich amerikanischen – Forscher haben das oder die Altruismus-Gene entdeckt!

Die FAZ will es jedoch im Gegensatz zu BILD noch nicht so recht glauben. In einer Rezension des Buches von Ramge unter dem Titel „Die Generosität kommt vom Gen“ schreibt Klaus Ungerer – beginnend mit einem Zitat des Autors:

„Als ich mit den Recherchen für dieses Buch begann, war ich mir nicht ganz sicher, ob die Ego-Gesellschaft ausgedient hat. Ob eine realistische Chance besteht, daß der Gemeinsinn den Eigensinn öfter als gelegentlich schlagen kann. Jetzt bin ich sicher.“ Warum? „Ich habe mit zu vielen Menschen geredet, denen die Nehmermentalität zum Halse heraushängt. Und die haben von zu vielen berichtet, denen es genauso geht.“ Man ärgert sich still, vielleicht um so mehr, da dem Buch Schlaglichter von schlichter Überzeugungskraft gelingen, die sich abseits von Verallgemeinerungen und Thesenfechterei bewegen: das Ehepaar, welches eher zufällig in eine selbstorganisierte Hilfsaktion für ein krebskrankes russisches Mädchen stolpert; der Fernsehmoderator, der diverse Dinge konzeptlos und spontan fördert, weil es ihm ein gutes Gefühl gibt.

Der Biologismus des Autors aber befreit uns vom Gutseinmüssen. Wir helfen, weil wir uns danach besser fühlen. Wir müssen nicht beseelt, müssen nicht Mutter Teresa sein; wir brauchen keinen Gott, keine Kirche, keine Nation, um anderen zu helfen. Wir tun es für uns. Das ist eine erleichternde Erkenntnis. Aber kommt sie deshalb wirklich, die Altruismusgesellschaft, in der die Reichsten auch die Besten sind? Das glauben wir erst, wenn Bill Gates Zigmilliarden seines Vermögens in wohltätige Zwecke investiert. Wie, das hat er schon? Na dann…

Dem vergrübelten Leipziger Affen-Altruismus aber auch dem albernen Ramgeschen Altruismus-Gen gegenüber brachte beizeiten bereits der Jerusalemer Ornithologe Amoz Zahavi eine umfassende „Egoismus“-Interpretation von Verhalten in Anschlag. Seine diesbezüglichen Überlegungen anhand von Beobachtungen wilder Vögeln (und nicht an zahmen, dazu noch verwaisten Schimpansen) veröffentlichte bereits die von Birgit Breuel geleitete “Expo 2000″ in Hannover – im Kontext eines Katalogs über “Hyperorganismen”. Zahavis Text fungierte darin als eine Art radikale Gegenposition zu einem Beitrag von Lynn Margulis, die ihr Forschungsmodell “Symbiose” über fast alles Lebendige stülpt – wobei sie folgerichtig auch laufend neue Arten bzw. Individuen entdeckt, die sich zusammengetan haben, um zu kooperieren.

Zahavi, der sich insbesondere mit der “Hilfe beim Nestbau und beim Füttern von Lärmdrosseln” beschäftigte, sowie auch mit dem “angeblichen Altruismus von Schleimpilzen”, hat dabei zwar nichts Neues entdeckt, aber er interpretiert diese fast klassischen Fälle von Kooperation nun einfach in “ein selbstsüchtiges Verhalten” um, das er dann mit Darwinscher BWL-Logik durchdekliniert: “die Individuen wetteifern untereinander darum, in die Gruppeninteressen zu investieren…Ranghöhere halten rangniedere Tiere oft davon ab, der Gruppe zu helfen.” Es ist von “Werbung”, “Qualität des Investors” und “Motivationen” die Rede. Zuletzt führt Zahavi das Helfenwollen quasi mikronietzscheanisch auf ein egoistisches Gen zurück, indem die “individuelle Selektion” eben “Einmischung und Wettstreit um Gelegenheiten zum Helfen” begünstige – der “Selektionsmechanismus” aber ansonsten erhalten bleibe. Damit wären wir dann wieder bei Dawkins „egoistischem Gen“.

Im Falle von Jan Philipp Reemtsma, um darauf wieder zurück zu kommen, sollte man jedoch weder von altruistischen noch von egoistischen Genen sprechen, auch nicht mit Zahavi, das es bloß egoistisch sei, per Stiftung den Altruismus in der Gesellschaft zu fördern , sondern – wie Jörg Schröder es tat – von einer „Rache der Gene“.

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kommentare

  • Fußnote zur Leipziger Schimpansenforschung:

    Der Kieler Meeresbiologe Adolf Remane begann sein 1960 veröffentlichtes Buch über den damaligen Stand der Biosoziologie mit dem Eingeständnis, dass „das soziale Zusammenleben den Menschen große Schwierigkeiten bereitet“. Die Tiere haben also anscheinend sogar weniger Probleme damit! Das war auch schon dem „ersten Naturwissenschaftler“ Aristoteles (vor 2300 Jahren) aufgefallen. Als Beweis hatte er u.a. die vielen „Reisegruppen“ erwähnt, in der man sich wegen jeder Kleinigkeit streitet. In Summa ergab dieser doppelte Zugriff der Biologen, Zell- wie Verhaltensforscher, auf den „Altruismus“ ein schönes Gegengewicht zur deduktionistischen Evolutionstheorie und zur neoliberalen Ideologie, in der eher die Asozialität betont wurde – und wird.

    So berichtete z.B. gerade die Studentin Jana aus einem Betriebswirtschafts-Seminar an der Viadrina in Frankfurt/Oder: „Neulich sagte der Professor zu uns: ‚Wenn ich andern Gutes tue, tu ich mir selbst nichts Gutes…‘ Und das haben alle brav mitgeschrieben!“ Wollten die Intelligenzblätter da synchron (nicht koordiniert!) gegensteuern – mit ihrem Affen-Altruismus als schwachen Begriff. Fast in jedem Artikel wurde nämlich von der Schimpansenforschung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (EVA) im Leipziger Zoo auf ein, zwei, drei Beispiele brav-bürgerschaftlichen Engagements in unserem Alltag geschlossen – oder auch umgekehrt. Dem linksliberalen Feuilleton ist das langsame Fading-Away „Des sozialen Lebens der Menschen“ wohl auch unheimlich geworden, dachte ich zuerst. Bis ich einen der Artikel gründlich las: So selbstlos sind sie dann doch nicht! Die Schimpansen – ebenso wie Menschen – scheinen sie sogar eine natürliche Abneigung gegenüber dem Altruismus – als starken Begriff – zu haben, und rotten sich insofern auch wohl nicht so leicht gegen die da oben zusammen. Aber bei einfachen kleinen „Erste Hilfe“-Aktionen kooperieren sie schon mal gerne!

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