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vonHelmut Höge 31.10.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Dass zu diesen auch und insbesondere der aus Funk und Fernsehen bekannte Philosoph Peter Sloterdijk gehört, wußte ich, obwohl ohne Radio und Fernseher, aber dass er so ein Reaktionär ist, fand ich dann doch überraschend, nachdem ich dazu den folgenden Text aus der Jungen Welt von Thomas Wagner, einem westdeutschen Kultursoziologen laut Internet, gelesen hatte:

Die Nazis haben die Methoden und das Ausmaß ihres Schreckensregimes bei den Bolschewisten Sowjetrußlands bloß abgekupfert. So läßt sich eine These zuspitzen, mit der ein bis dahin renommierter Historiker der BRD vor nunmehr 20 Jahren den Zorn von Jürgen Habermas auf sich zog und den Widerspruch einer Reihe linksliberaler Intellektueller provozierte. Besagter Ernst Nolte und andere Vertreter des historischen Revisionismus legten den Gedanken nahe, daß es ohne das kommunistische Vorbild die Menschheitsverbrechen der Nazifaschisten in der heute bekannten Form nie gegeben hätte. »Die von den Nazis betriebene Politik sei eine solche der ›Gegenausrottung‹, eine Antwort auf die Politik der ›Ausrottung‹, die das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Regime vollführt habe«, faßt der italienische Philosoph Domenico Losurdo die Ansichten der Revisionisten in seinem neuen Buch »Kampf um die Geschichte« (S. 7) zusammen. Solcherart kausale Verknüpfungen dienten damals wie heute in der Regel einem eindeutig identifizierbaren politischen Zweck. Sie sollten den Sozialismus in allen seinen Spielarten so weit wie möglich diskreditieren und auf diese Weise die uneingeschränkte Herrschaft des Kapitals verteidigen und durchsetzen helfen.

In der schon bald als »Historikerstreit« bekanntgewordenen Debatte mußte Nolte heftig Federn lassen. Seine Thesen verstießen gegen den gut begründeten bundesrepublikanischen Konsens, dem zufolge die Vernichtung der europäischen Juden in gar keinem Fall durch den Vergleich mit anderen Verbrechen in irgendeiner Form relativiert werden dürfe. Noch heute ist Nolte deshalb im Wissenschaftsbetrieb und im Feuilleton des vereinigten Deutschland eine unerwünschte Person.

Die geschichtspolitischen Koordinaten haben sich nach der Niederlage der sozialistischen Staatenwelt unterdessen deutlich nach rechts verschoben. Wiederholt wurden seitdem Auschwitz- und Hitlervergleiche von grün-alternativen oder linksliberalen Wortführern zur Begründung von Angriffskriegen unter deutscher Beteiligung instrumentalisiert. Die antifaschistische DDR erscheint in der medialen Berichterstattung immer weniger als Sozialismusversuch, der an inneren und äußeren Widersprüchen gescheitert ist, denn als angeblicher rotlackierter Wiedergänger der Nazidiktatur.

Angesichts fortschreitenden Sozialabbaus und imperialistischer Kriege um die Kontrolle der weltweiten Rohstoffreserven gewinnen die nach der Niederlage der sozialistischen Staatenwelt von vielen totgesagten Schulen kritischer Gesellschaftstheorie wieder an Attraktivität. Ihre Neutralisierung ist das elementare ideologiepolitische Interesse der Bourgeoisie. Es ist daher kein Zufall, daß Noltes unhaltbare Thesen zum Verhältnis von Kommunismus und Faschismus heute in zugespitzter Form fröhliche Urständ feiern. Gestützt auf die Evidenz schrecklicher Verbrechen, die unbestreitbar im Namen kommunistischer Herrschaft begangen wurden, geht es nun darum, die antikapitalistische Bewegung als ganze zu schwächen.

Das herrschaftskritische Denken soll in seiner ganzen Vielfalt abgewertet und möglichst vollständig zum Verschwinden gebracht werden. Der wohl prominenteste Vertreter des auf diese Weise radikalisierten historischen Revisionismus in Deutschland ist heute der 1947 in Karlsruhe geborene Philosoph Peter Sloterdijk. Seine zeitdiagnostischen Beiträge werden mittlerweile fast einhellig im hiesigen Feuilleton gefeiert. In den Augen der Bourgeoisie ist Sloterdijk zu einem konsensfähigen Autor avanciert, der sich Amt, Würden und Auszeichnungen redlich verdient hat.

Im Jahr 1992 erhielt der lange Zeit in seiner Disziplin als talentierter Exot gehandelte Vielschreiber eine Professur für Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, der er seit 2001 auch als Rektor vorsteht. Seit 2002 gibt er gemeinsam mit Rüdiger Safranski im ZDF den Gastgeber des »Philosophischen Quartetts«. Die Financial Times Deutschland und der Schweizer Referatedienst getAbstract zeichneten Sloterdijk im Jahr 2005 auf der Frankfurter Buchmesse mit ihrem gemeinsamen Wirtschaftsbuchpreis in der Kategorie »Zukunft des Kapitalismus« aus.

Sloterdijks Durchbruch als Verfasser philosophischer Bücher kann auf das friedensbewegte Jahr 1983 datiert werden. Damals bescherte der an Ernst Bloch und Theodor W. Adorno geschulte Autor dem Frankfurter Verlag Suhrkamp mit seinem zweibändigen Buch »Kritik der zynischen Vernunft« einen kulturphilosophischen Bestseller. Der Text ist glänzend geschrieben und befaßt sich mit einem Thema, das damals in aller Munde war: der Angst vor einem die Menschheit vernichtenden Atomkrieg zwischen der NATO und den Staaten des Warschauer Vertrags. »Der Overkill-Realismus, der den heutigen Großmachtinteraktionen zugrunde liegt, kann auf Dauer nur noch das Realitätsprinzip politisierender Psychopathen sein. Das Zeitalter der militärischen Überlebensraison mit ihren sämtlichen Folgeprinzipien neigt sich einem fatalen Ende entgegen« (Sloterdijk 2003, S. 596). Zu einer Zeit, als die Friedensbewegung gegen die atomare NATO-Nachrüstung in der BRD auf die Straße ging, wandte sich Sloterdijk gegen eine intellektuelle Haltung, die sich unter der Fahne des Realismus mit der jederzeit möglich scheinenden Menschheitsvernichtung arrangiert zu haben schien: »Zynismus, als aufgeklärtes falsches Bewußtsein, ist eine hartgesotten-zwielichtige Klugheit geworden, die den Mut von sich abgespalten hat, alle Positivitäten a priori für Betrug hält und darauf aus ist, sich nur irgendwie durchzubringen« (ebd., S. 950). Gegen den zynischen Fatalismus postulierte Sloterdijk damals ein »mutiges Denken«, das sich von der drohenden nuklearen Katastrophe nicht einschüchtern lassen dürfe, wenn mögliche Auswege aus der menschheitsgeschichtlichen Sackgasse noch sollten erkannt werden können.

Durch Sloterdijks wohlformulierte humanistische Gesten geblendet, blieb vielen seiner Leser verborgen, daß der Modephilosoph schon vor mehr als 20 Jahren nichts unversucht ließ, um linkes Denken aus der Tradition der Aufklärung zu verstoßen. Die seit der Oktoberrevolution im Namen des Sozialismus von Kommunisten und Sozialisten begangenen Verbrechen sind für ihn keineswegs Gegenstände einer nach wie vor notwendigen Reflexion über schwere politische und moralische Fehler, die in den Strategien und Theorien der emanzipatorischen Linken künftig um jeden Preis vermieden werden müssen. Ihm geht es vielmehr um den pauschalen Ausschluß des linken Befreiungsdenkens aus dem Kanon moralisch zulässiger Diskurse. Kaum anders läßt sich jedenfalls seine Behauptung interpretieren, die von Linken begangenen Verbrechen hätten »in die Verbindung der Aufklärung mit dem Prinzip links einen Keil getrieben« (ebd., S. 184), der sich »nicht mehr entfernen läßt« (ebd.).

Im Kampf gegen die Linke bietet Sloterdijk jedes nur erdenkliche Argument aus der Mottenkiste des Antikommunismus auf. So denunziert er Revolutionäre pauschal als »Karrieristen wie alle übrigen« (Sloterdijk 2006b, S. 175). Dann wiederum erklärt er die noch heute in der Regel zum Kanon der universitären Ausbildung gezählten marxistischen Klassiker der Gesellschaftstheorie kurzerhand als für vernünftige Zeitgenossen »unlesbar« (ebd., S. 106).

Die begriffsgeleitete Analyse sozialer Ungleichheit erscheint in Sloterdijks abstruser Diktion als intellektuelle Beihilfe zum künftigen Völkermord: »Wer nach Stalin und Mao weiter von Klassen spricht, macht eine Aussage über die Täter- und die Opfergruppe in einem potentiellen oder aktuellen (Klassen-)Genozid« (ebd., S. 256). Das theoriegeleitete Engagement für die Idee einer gemeinnützigen gesellschaftlichen Kontrolle von Wirtschaft und Politik rückt Sloterdijk anscheinend ohne jeden Skrupel in die Nähe des politischen Massenmordes.

Aus dem ehemaligen Kritiker einer im Bann des drohenden nuklearen Unheils zynisch gewordenen Vernunft ist mit den Jahren unübersehbar selbst ein zynischer Ideologe geworden, dem das konkurrenzkapitalistische »Aufblühen einer robusten Gemeinheit aller gegen alle« (ebd., S.249) in den ersten Jahren des postsowjetischen Rußlands als »ein Zeichen von Erholung« gilt (ebd.). Den Kampf der Armen für Gerechtigkeit verhöhnt er dagegen als gemeingefährlichen Sozialneid, der »schon die Hälfte der Vernichtung ist« (ebd., S. 257). Die Hauptlast der Ausbeutung treffe heute nicht die »parasitären Armen« (Sloterdijk 2006a, S. 359) – so bezeichnet Sloterdijk hilfsbedürftige Menschen –, sondern ein neues »Proletariat«. Damit meint er allen Ernstes die Nutztiere der industrialisierten Landwirtschaft (ebd., S. 360).
In Sloterdijks politischer Farbenlehre ist Rot einmal mehr gleich Braun. Dem entspricht seine provokative geschichtsrevisionistische Formel: »Faschismus ist Sozialismus in einem Land« (Sloterdijk 2006b, S. 235). Es muß daher nicht überraschen, daß Sloterdijk den ideengeschichtlichen und herrschaftspraktischen Ursprung des Faschismus weder in den Interessen der Bourgeoisie noch in der Praxis kolonialer Repression verortet. Auch der damit einhergehende Rassismus oder das hierarchische Ordnungsdenken aristokratischer Eliten kommt für ihn nicht in die engere Wahl. Ganz im Gegenteil: Sloterdijk schreibt die Erfindung des Faschismus paradoxerweise gerade jenen Linken zu, die jeder Form der Unterdrückung ein Ende machen wollten. Michael Bakunins »Anarchofaschismus« (ebd., S. 191) und Lenins Oktoberrevolution sind für ihn der Schoß, aus dem letztlich das faschistische Unheil kroch. Gegenüber Lenins Direktiven vom Spätherbst 1917 hätten »Mussolini und dessen Klone sich nur noch epigonal verhalten« (ebd., S. 231) können. Die Nazifaschisten, versucht Sloterdijk seinen Lesern weiszumachen, hätten geglaubt, sich in einem »Brutalitätswettbewerb mit den sowjetischen Ausrottungstätern« zu befinden (Sloterdijk 2006a, S. 105). Weder für die unterstellten Genozidabsichten der Kommunisten noch für deren vermeintlichen Vorbildcharakter für die Angehörigen der SS kann Sloterdijk jedoch Quellen beibringen. An die Stelle des historischen Beweises treten Behauptungen über Beziehungen der folgenden Art: So habe Heinrich Himmlers Posener Rede vom Oktober 1943 »über das Anständigbleiben deutscher SS-Truppen inmitten des von ihnen verübten Massenmordes« (ebd., S. 104) die »Notizen des jungen Lukács über die metahumanistische Pflicht des Revolutionärs zur verbrecherischen Gewaltausübung (1922)« (ebd.) gespiegelt.

Nun können die moralischen Maßstäbe sozialistischer Intellektueller und Revolutionäre durchaus kritisch hinterfragt werden. Das jedoch tut Sloterdijk fast überhaupt nicht. Ihm geht es vielmehr darum, die ebenso weitreichende wie haarsträubende Behauptung zu unterfüttern, daß die Faschisten die Theorie und die Praxis des Massenmordes von den Linken bloß abgekupfert hätten: »Die Radikalen vom rechten Flügel hatten das Exempel des linken Konkurrenten vor Augen, als sie begannen, seine Erfolgsformeln zu kopieren. Beunruhigend blieb für die faschistischen Führer, daß der östliche Rivale im empfindlichsten Punkt der neuen Politik, bei den Großtötungsaktionen, einen nur schwer einholbaren Vorsprung besaß« (Sloterdijk 2006b, S.236). Die Exzesse bürgerlicher Gewalt bei der Niederschlagung von Revolutionen und in der Errichtung rassistischer und genozidaler Kolonialregime als Quelle des Vernichtungsdenkens ignorierend, behauptet er am Ende, der »Klassismus« rangiere deutlich vor dem Rassismus, »was die Freisetzung genozidaler Energien im 20. Jahrhundert anging« (ebd., S. 256).

Während Sloterdijk den Linken, ohne mit der Wimper zu zucken, genozidale Absichten unterstellt, sucht er die wichtigsten geistigen Wegbereiter und intellektuellen Funktionäre des Faschismus als Ideengeber für die heutigen Weltprobleme zu rehabilitieren. Gewährsleute Sloterdijks sind neben Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger jene Denker der extremen Rechten, die wie Hans Freyer, Arnold Gehlen und Oswald Spengler heute in der Politikwissenschaft wieder als »Vordenker der neuen Rechten« gehandelt werden. Diese Autoren aus dem Dunstkreis der »Konservativen Revolution« wurden in der BRD zu Kronzeugen einer neuen Generation jungkonservativer Intellektueller, die versuchen, Positionen rechts von den Unionsparteien wieder salonfähig zu machen. Sloterdijk hält das nicht davon ab, ihre Theorien als Ideenreservoir für seine eigenen Weltbildkonstruktionen auszuschlachten. Bei allen Unterschieden, die man im einzelnen sicherlich herausarbeiten könnte, teilt er mit den strammen Rechten den Herrschaftsblick von oben auf die soziale Frage.

Hierhin gehören Gedankengänge wie der folgende: Da sich nicht errechnen lasse, was Menschen zugemutet werden kann – sie darüber hinaus in Militär- und Klassengesellschaften seit Jahrtausenden »durch abhärtende, resignative Erziehungen darauf eingestellt« (Sloterdijk 2003, S. 595) worden sind, »sich unter Herrschaftsdruck Mehrwerte abpressen zu lassen« –, wäre das Problem der Ausbeutung weniger eins der politischen Ökonomie als der politischen Psychologie.

Sloterdijks politische Wissenschaft befaßt sich folglich nicht mit dem Problem, wie sich die Unterdrückten selbst aus ihrem Elend befreien können. Ihm geht es um die Frage der effektiven Herrschaft und Kontrolle, mithin um die »Kunst der psychopolitischen Steuerung von Gemeinwesen« (ebd., S. 36). Von seinem eigens dazu auserkorenen »Ideentrainer« (Sloterdijk/Heinrichs 2006, S. 228) Oswald Spengler übernimmt Sloterdijk die Vorstellung, als ein »Kulturarzt« (ebd.) zwischen »eher ›gesunden‹ und eher ›ungesunden‹ Kulturen« (ebd.) unterscheiden zu wollen. Martin Heidegger wiederum wird von Sloterdijk als rücksichtsloser »Punk-Philosoph der zwanziger Jahre« (Sloterdijk 2006a, S. 271) bewundert, der nicht nur an den Gitterstäben der Schulphilosophie gerüttelt habe, sondern auch »an den Gittern des städtischen Komforts und der sozialstaatlichen Existenzenteignungssysteme« (ebd.). Mit dieser Wendung macht Sloterdijk die abgestandenen Gedanken der Weimarer Ordnungsextremisten anschlußfähig für den neoliberalen Diskurs unserer Tage.

Um die auch in den bürgerlichen Schichten immer wieder auftauchende Kritik an der sozial ­destruktiven Seite des Kapitals in eine für die Profiteure dieses System ungefährliche Richtung zu lenken, entwickelte Sloterdijk zwei Argumentationsstrategien. Die eine stammt noch aus der Zeit der Blockkonfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion und läßt die Idee eines westlichen Wegs zum »Sozialismus« anklingen. Slo­terdijk beschuldigte damals den real existierenden Sozialismus, durch seine bloße Existenz verhindert zu haben, daß der westliche Kapitalismus seine in ihm verpuppten humanen Möglichkeiten noch nicht vollständig habe entwickeln können. Den Staatssozialismus vor Augen habe der Westen »seine Zukunftsideen defensiv formulieren« müssen: »nämlich, keinesfalls diesen Sozialismus zu wollen« (Sloterdijk 2003, S. 453f.). Daß es sich bei dieser Andeutung eines eigenständigen sozialistischen Entwicklungspfades des Westens um kaum mehr als die Anpassung an die damals noch links gefärbten Diskurse der Intellektuellen handelt, ist sehr wahrscheinlich. Denn als der Staatssozialismus seine welthistorische Niederlage erlebte, war bei Sloterdijk von einem gehbaren anderen Weg zum Sozialismus keine Rede mehr. Statt einer Alternative zum Kapitalismus, geht es ihm heute nur noch um Entwicklungsalternativen im Kapitalismus. Und die haben es in sich.

Einer Elite von Unternehmerheroen schreibt Sloterdijk nun die Aufgabe zu, »den Kapitalismus zu spalten, um den radikalsten Gegensatz zu ihm – und den einzig fruchtbaren – aus ihm selbst zu schaffen, ganz anders, als die klassische, vom Miserabilismus überwältigte Linke es sich träumen ließ« (Sloterdijk 2006b, S. 55). Mit Friedrich Nietzsche rehabilitiert er den Egoismus als »das Incognito der besten menschlichen Möglichkeiten« (ebd., S. 31) im Wirtschaftsleben. Wer reich geworden sei, soll wie in den USA stolz darauf sein dürfen und als Angehöriger eines Verdienstadels die Geschicke der Mehrheit der Menschen lenken dürfen (vgl. ebd., S. 59). Sloterdijk bricht eine Lanze für die Herrschaft der wenigen, einer Schicht reicher Oligarchen, die ihre Macht im Rahmen kapitalistischer Konkurrenz erlangt hat. »Intendiert ist eine Meritokratie, die, innerkulturell und transkulturell, eine antiautoritär entspannte Moral zum Ausgleich bringt mit ausgeprägtem Normenbewußtsein und Respekt vor unveräußerlichen Personenrechten« (ebd., S. 355). Sloterdijk schwebt eine Gesellschaft vor, in der sich die ökonomisch Starken von der Akkumulationsdynamik befreien und sich als stolzgeleitete und verausgabungsbereite Sponsoren betätigen. »Wo die Geschäftsleute des alltäglichen Typs im günstigen Fall ihr eigenes Vermögen oder das ihrer Shareholder vermehren, fügen die Investoren der anderen Art dem Glanz der Welt neue Lichter hinzu. Indem sie handeln, wie sie handeln, bringen sie ihr Dasein selbst dem Glanze näher« (ebd., S. 55).

Sloterdijks Leistung für das Hegemonieprojekt der herrschenden Elite besteht in der kreativen Zusammenführung von ideologischen Versatzstücken der rechtsradikalen »Konservativen Revolution« mit solchen des klassischen Liberalismus. Er amalgiert das autoritäre Staatsdenken Hans Freyers mit John Lockes Wirtschaftsliberalismus zu einer eigenständigen Legitimationstheorie kapitalistischer Herrschaft.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen ungewöhnlich militanter Begriffswahl und zuweilen deutlich zivileren Handlungsvorschlägen. Auf der einen Seite scheut Sloterdijk nicht davor zurück, im Anschluß an Gunnar Heinsohns obskure Theorie terroristischer Gewalt den Westen vor einer angeblichen islamischen »Kampffortpflanzung« (Cicero, 25.10.2006) zu warnen. »Die Bewohner der wohlhabenden Nationen schlafwandeln zumeist im unpolitischen Pazifismus. Sie verbringen ihre Tage in einer vergoldeten Unzufriedenheit. Unterdessen vertiefen sich an den Rändern der Glückszonen ihre Belästiger, ja ihre virtuellen Henker in Lehrbücher der Sprengstoffchemie, entliehen aus den öffentlichen Bibliotheken des Gastlandes« (Sloterdijk 2006b, S. 75). Auf der anderen Seite erklärt er die reformistische »Überwindung historisch gewachsener Mißstände durch die Anwendung liberaldemokratischer Prozeduren« (ebd., S. 143) zur einzig aussichtsreichen Zivilisierungsstrategie.

Der vermeintliche Widerspruch läßt sich jedoch auflösen. Sloterdijk geht es offensichtlich um die herrschaftsstrategische Trennung von innen und außen. Er bestimmt, wer als »Freund« zu »uns« und wer als »Feind« zu den »anderen« gehört. Dazu definiert er einen kapitalistischen Weltinnenraum, der »demographisch kaum ein Drittel der aktuellen Demnächst-Sieben-Milliarden-Menschheit und geographisch kaum ein Zehntel der Festlandflächen« (Sloterdijk 2006a, S. 305) umfasse. Nur innerhalb dieses eng begrenzten Raumes ließe sich die Einbeziehung aller Menschen in ein Wohlfahrtssystem organisieren. Darüber hinaus erklärt Sloterdijk sie für unmöglich: »Die semantische und kostenlose Konstruktion der Menschheit als Kollektiv der Träger von Menschenrechten ist aus unübersteigbaren strukturellen Gründen nicht überführbar in die operative und teure Konstruktion der Menschheit als Kollektiv der Inhaber von Kaufkraft und Komfortchancen« (ebd., S. 304). Das Außen sind bei Sloterdijk die »überbevölkerten Staaten des Nahen und Mittleren Orients und anderswo« (Sloterdijk 2006b, S. 71). Von dort sieht er die zornigen jungen Männer kommen: »In den Vorstädten schnallen sich versteinerte Gaststudenten den Sprengstoffgürtel um« (ebd., S. 75). Sloter­dijk läßt keinen Zweifel aufkommen, daß er gegen die von ihm heraufbeschworenen Bedrohungen durch diese anderen auf militärische Lösungen setzt: »Selbst Kenner der Lage besitzen heute nicht die geringste Vorstellung davon, wie der machtvoll anrollende muslimische youth bulge die umfangreichste Welle an genozidschwangeren Jungmännerüberschüssen in der Geschichte der Menschheit, mit friedlichen Mitteln einzudämmen wäre« (ebd., S. 347).

Literatur
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt/Main 2003
Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals, Frankfurt/Main 2006a
Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit, Frankfurt/Main 2006b
Sloterdijk, Peter/Hans-Jürgen Heinrichs: Die Sonne und der Tod, Frankfurt/Main 2006
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kommentare

  • Lieber Helmut, wenn Du die elitär-quatschköpfige und vor allem bis obenhin mit Ressentiment geladene Pseudokritik von Jungwelt-Wagner für eine Äußerung über Sloterdijk hältst, kann ich Dir nur noch zum Kommentar von Peter Voßwinkel gratulieren! Da steht was drin.

  • Werter Helmut Höge,

    Peter Sloterdijk beschrieb seinen methodischen Zugang zum Themenkreis der beseelten Räume seiner Sphären-Trilogie, die als Vorwerk zu den zitierten Büchern zählt, im Rahmen eines Radiogesprächs 1999 bereits selbst.

    Sloterdijk: „Meine Grunderfahrung ist die des Sphärenbruchs, das heißt, dass andere Menschen so wie ich auch eine Erfahrung machen können und vielleicht sogar in ihr stehen bleiben können, dass sie von allen guten Geistern verlassen und aus allen guten Geistern herausgefallen sind: Aus allen Sphären herausgefallen sein ist sozusagen die Grundsituation eines dunklen Existentialismus, von der ich glaube, dass sie sich in meinen frühen Lebenserfahrungen sehr exemplarisch ausgedrückt hat. Exemplarisch in dem Sinne das ich glaube, damals die Sprache gelernt zu haben, bei den Meistern dieser dunklen Existenzialität – Sartre, Camus, Adorno und vielen anderen -, die das Prinzip der bürgerlichen Kälte, das Prinzip der kosmischen Vereinsamung des Menschen, das Prinzip der Absurdität und was alles dazugehört für eine ganze Generation verbindlich ausgesprochen haben. Auch Nietzsche hat zu diesem Sprachenstrom der Kälte vieles vorgeleistet als er sagte: Was ist die Welt? Ein Tor zu tausend Wüsten, leer und kalt.

    Nietzsche ist eigentlich der Entdecker des Problems, an dem ich weiterarbeite: Wie ist der sphärengestörte Mensch, der Mensch der draußen ist auf seinem Wege durch diese Entfremdungswüste, durch diese Kältewüste und durch die Nichtteilhabewüste so weit gekommen, dass ich für ihn die Frage nach der Wiederherstellung der Teilhabe überhaupt stellen kann. Das ist mein Zugang zu der Geschichte.

    Ich weiß, dass andere Menschen andere Problembiographien haben und dass sich für sie dieser Kälteschock der Äußerlichkeit, des Hinausfallens in eine schlechte Existenzialität in der Form nie vollzogen hat wie für mich und ich rühre nicht an die Lebensgeheimnisse von mehr behüteten Menschen. Ich dränge ihnen nicht eine Kälte auf, die nicht die ihre ist. Aber von der Methodik meines Buches her, die viel mit der Selbstreflexion einer radikalmodernen Position zu tun hat, möchte ich darauf hinweisen, dass mein Buch ein Denken beschreibt, das aus der Kälte kommt und das nun von der Kälte her an die Tür des animierten Raumes klopft und fragt: Kann jemand wie ich da noch wieder hinein. Erfülle ich die menschlichen Voraussetzungen dafür, dass ich als Mitglied einer beseelten Sphäre in Frage komme. Meine Lebensgeschichte hat mir zumindest auf der privaten Ebene, auf der Ebene dessen was man vielleicht tiefe Freundschaft nennen kann, inzwischen sehr ermutigende Antworten zugespielt. Ich bin jetzt drinnen. Ich spreche jetzt eine Sprache der wiedergewonnenen Animation. Alles was ich sage beruht auf dieser Erfahrung der wiedergewonnenen Beseeltheit zu mehreren. Und daher verstehe ich auch all die Leser, die aus den Zugangsbedingungen zu meinem Buch manchmal nicht recht schlau werden, ob das nun eine große neomatriarchalische Übung ist: Manche haben geglaubt die Wahrheit zu treffen indem sie mich so ein wenig verspotten als eine Art Jacques Cousteau des Fruchtwassers, der bis in die tiefsten Tiefen vorgeburtlicher Wasserspiele zurücksteigen möchte. Das sind Missverständnisse für die ich ein gewisses Verständnis habe. Aber ich glaube, dass das was ich eben gesagt habe das Gesamtdesign meiner Entwürfe ganz gut charakterisiert: Ich teile das Wissen der Moderne insoweit, dass ich weiß, was die schwarze Existenzialität bedeutet und auch was das Coolness-Pathos der gegenwärtigen Generation, die auf ein Leben in Oberflächen schwört, bedeuten.
    Das sind in meinen Augen zwei Formulierungen des selben Sachverhalts in verschiedenen Temperaturstufen: halbkühl bei Sartre und seinesgleichen und sehr kühl jetzt in diesen Freakkulturen der neuen Medien. Ich weiß, was Oberflächlichkeit ist und ich weiß, was dunkle Existenzialität ist und was das Pathos der Vereinsamung bedeutet, aber ich spreche jetzt ganz bewusst aus der anderen Perspektive, das heißt nach dem Wiedereintritt in diese sich selber reparierende Sphäre der zu mehreren geteilten Beseeltheit.“

    (aus: Reihe Perspektiven, Radio Kultur 1999, „Gespräche zur Jahrhundertwende: Unsere Götter und die Zukunft des Glaubens“ Eberhard Sens und Rüdiger Safranski im Gespräch mit Peter Sloterdijk.)

    Das heißt ja wohl: ein bisschen Spaß muss sein … .

    Ansonsten sind in den Sphären die Texte Zellenbau, Egosphären, Selbstcontainer und Foam City als Teil des Architekturkapitels Indoors: Architekturen des Schaums sehr empfehlenswert. Vor allem für Architekten und solche die es sein wollen, sie sind unmittelbar im Kern ihres Tuns angesprochen. Werde mich anderweitig dazu später noch ausführlicher äußern. Bis dahin.

    Beste Grüße aus Moskau
    Peter Voßwinkel

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